Vor dem Opernball: Die Republik der Ordensträger

Nur auf den ganz großen Bällen hat man Gelegenheit, seine Ehrenzeichen auszulüften. Aber: Wie kommt man überhaupt zu einem Orden? Wer bestimmt das? Ein kleiner Knigge des Ordenswesens.

Opernball Republik Ordenstraeger
Opernball Republik Ordenstraeger
Orden – (c) APA (Dragan Tatic/BUNDESHEER)

Vier Tage noch – jetzt sollte der männliche Besucher langsam alles für den Opernball beisammenhaben: Frack und „Weißzeug“ sowieso, aber auch die goldene Taschenuhr (notfalls reicht auch nur eine güldene Uhrkette, die ins Nichts der weißen Piquetweste führt). Und dann ist da noch die leidige Sache mit den Brustkreuzen, Halsorden, Ehrenzeichen, Verdienstmedaillen.

Fangen wir „ganz oben“ an. Den allerhöchsten heimischen Orden kriegen „Normalsterbliche“ nie. Nämlich den „Großstern des Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich“. Er steht nur dem Bundespräsidenten (und ausländischen Staatsoberhäuptern) zu. Ein prächtiger Bruststern – emailliert und vergoldet – ist das, ergänzt durch die rot-weiß-rote Schärpe, an deren Ende eine etwas kleinere Insignie angebracht ist. Die baumelt dann so unpraktisch an der Hüfte, dass die Ausrede leicht fällt, auch heuer wieder nicht auf die Tanzfläche gehen zu können.

Finanzminister Josef Pröll (der übrigens noch „nackt“ auf der Brust ist), konnte im Vorjahr durch Heinz Fischers Wiederwahl geringfügig aufatmen: Wenigstens die Kosten eines neuen Großsterns für eine Bundespräsidentin Barbara Rosenkranz blieben der Staatskasse erspart.

Im Jahr 2004 war die Sache dafür doppelt so teuer: Der Wahlausgang schien ja nicht ganz so sicher wie im Vorjahr. Also mussten zwei Insignien angefertigt werden – in verschiedener Größe, für alle Fälle: Benita Ferrero-Waldner kandidierte gegen Heinz Fischer. Und für Damen muss die (im Normmaß 110 Zentimeter breite) rot-weiß-rote Schärpe kürzer und schmäler sein. Staubtrocken, gänzlich unprätentiös legt das Protokoll fest, dass es gelte, „sich über die Körpermaße der zu ehrenden Persönlichkeit zu informieren, deren Größe und einen eventuell vorhandenen Bauchumfang“.

Aber wer verleiht diese höchste Auszeichnung? Der HBP kann das ja schwerlich selbst tun. Normalerweise wird der zum neuen Staatsoberhaupt Gewählte wenige Minuten vor der Angelobung im alten Reichsratssitzungssaal des Parlaments vom Amtsvorgänger damit dekoriert. Das war bei Kirchschläger so (1986 an Waldheim), und bei Waldheim (1992 an Klestil).


Ratlos.
Was geschieht aber, wenn das Staatsoberhaupt im Amt verstirbt? Im Falle des toten Thomas Klestil war die Antwort einfach. Heinz Fischer war ja schon gewählt, die Amtsgeschäfte führte vom 6. bis zum 8. Juli 2004 das Nationalratspräsidium als Kollegialorgan (Andreas Khol, Barbara Prammer, Thomas Prinzhorn). Die drei Präsidenten übergaben den Großstern an Fischer.

Ratlos – weil vorschriftenlos – war das Protokoll 1974, als Franz Jonas während seiner zweiten Amtsperiode starb. Dem gewählten Nachfolger Rudolf Kirchschläger konnte daher niemand den Großstern verleihen. Man handelte pragmatisch: Als Kirchschläger nach seiner Angelobung die Schreibtischlade öffnete, fand er die Schatulle vor. Jonas-Adjutant General Raimund Truxa hatte sie dort diskret deponiert. In Österreich selbst gab es erst sieben Träger des Großsterns: Theodor Körner, Adolf Schärf, Franz Jonas, Rudolf Kirchschläger, Kurt Waldheim, Thomas Klestil, Heinz Fischer. Insgesamt wurde der Stern etwa hundertmal verliehen.

Wäre es nach dem ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik gegangen, Österreich wäre um diese Attraktion ärmer. Karl Renner, ein strikter Gegner neuer österreichischer Orden, ließ nämlich 1949 das Parlament wissen, dieses könne ruhig ein Ordensgesetz beschließen, aber solange Österreich vierfach besetzt sei, werde dies kein Mensch ernst nehmen: „Das käme einer Feuerwehrmedaille gleich“, höhnte er. Und das, obwohl Renner Eitelkeit keineswegs ganz fremd war.

Renners Nachfolger als Bundespräsident, der einstige Oberst des k. u. k. Generalstabs Theodor Körner (Edler von Siegringen), hielt auch nicht viel davon. Doch 1951 gab er sich geschlagen: „Obwohl selbst kein Anhänger von sichtbaren Auszeichnungen und Ehrenzeichen, [. . .] ist die massenhafte Verleihung von Titeln bei Anerkennungen schon so arg, dass durch Verleihung von Orden und Ehrenzeichen vielleicht eine Änderung möglich ist“, ließ er die Regierung wissen.


Auftakt mit Hedwig Bleibtreu. Mit Feuereifer machte man sich an die Arbeit. Der alliierte Kontrollrat, der namens der vier Siegermächte die Österreicher überwachte, hatte nichts dagegen. 1952 gab es die erste Ordensverleihung – an die Doyenne des Burgtheaters, Hedwig Bleibtreu (Großes Ehrenzeichen). Zugleich erhielt der ÖBB-Oberrevident und Bahnmeister Wilhelm Purtscher aus Dalaas in Vorarlberg posthum das Goldene Verdienstzeichen, nachdem er beim Versuch, ein schweres Zugunglück zu verhindern, ums Leben gekommen war.

Erst 1954 konvenierten schließlich weitere Edelmetallsterne allen beteiligten Stellen, auch vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet. Mehrere Novellen waren notwendig, denn ständig mussten neue Zwischenstufen in die Hierarchie der Auszeichnungen eingeschoben werden. Schließlich drängten auch Österreichs Botschafter im Ausland darauf, endlich in ihren Gastländern Orden verteilen zu dürfen.


Rektorenaufstand. Den heimischen Rektoren war das aber alles noch zu wenig. Im Dezember 1954 beschwerten sie sich bei der Präsidentschaftskanzlei, dass einem ihrer verdienten Kollegen zum Abschied nur das „Große Silberne Ehrenzeichen“ zugedacht wurde. Das sei keineswegs ausreichend. Und: Eigentlich gäbe es unter den ganzen Ehrenzeichen kein einziges, das ihrer wirklich würdig sei.

Bundespräsident Körner war wütend: „Überheblich“ fand er diesen Vorstoß. Oder fühlten sich die Hochschullehrer erhaben über die höchsten Beamten des Staates? „Die vergessen, dass sie alljährlich in ihren Vorlesungen dasselbe Thema behandeln“, knurrte er und leitete den Briefwechsel der Bundesregierung weiter.

Es endete wie immer in Österreich: Ein „Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst“ in zwei Klassen erblickte das Licht der Welt. Damit waren schließlich alle zufrieden. Denn das Kleinod ist auch künstlerisch hochstehend, es entsprang einem Wettbewerb, den der akademische Maler Pirkhert gewonnen hatte. Das rot emaillierte achtspitzige Brustkreuz trägt in der Mitte die goldene Aufschrift „Litteris et Artibus“. Und die rote Rosette fürs Knopfloch entspricht – besondere Pikanterie – haargenau jener des Ordens der französischen Ehrenlegion.

Apropos Geschmack: Das heute gültige Ehrenzeichen des Landes Wien hat niemand Geringerer als der damalige Bürgermeister Franz Jonas entworfen. Ihm gefielen die Entwürfe der Künstler allesamt nicht. Und er entwarf ein wirklich prächtiges Stück. Erst 1976, erzählt der Heraldiker und Historiker Peter Diem, wurde das Ehrenzeichen „für Verdienste um die Befreiung Österreichs von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ geschaffen, das auch posthum verliehen werden kann.

Noch rasch ein Tipp für Ordensträger: Wer nur über die „minderen“ Auszeichnungen verfügt, tut gut daran, nur die Miniatur an den Frack zu heften. Erst ein Bruststern oder ein Halsorden sollte in voller Größe zur Schau gestellt werden. Das Protzen mit kleineren Orden gilt unter Kennern als unfein. Und darauf darf man sich verlassen: Beim Opernball gibt es nur Kenner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2011)

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