Strache: "Faymann die Blutwurst, Pröll die Leberwurst"

Martin Wuttke liest Heinz-Christian Strache ein Märchen vor. Amüsiert sich über freiheitliche Wahlkampfslogans. Und spricht mit dem Obmann der FPÖ über Traummänner, Elias Canetti und Karl-Theodor zu Guttenberg.

(c) APA (HERBERT PFARRHOFER)

Martin Wuttke: Herr Strache, Sie sehen blendend aus, wenn ich das sagen darf. Ich bin etwas zerknittert, ich muss mich entschuldigen. Ich komme gerade aus Hamburg von einer Ausstellungseröffnung, die heißt „Traummänner", da hängt auch ein Foto von mir. Sind Sie ein Traummann?

Heinz-Christian Strache: Nein. Ich habe so viele Schwächen und Fehler, da ist man ganz weit weg von Träumen. Jeder hat seine Fehler und Schwächen. Das Menschsein macht uns so liebenswert. Schönheit in der äußerlichen Form ist ja nicht die wahre Schönheit. Die kommt von innen, sagt man.

Aber eine bestimmt Form von Attraktivität gehört doch sicher auch zum politischen Geschäft.

Geschmäcker sind verschieden. Aber natürlich schaue ich darauf, dass ich gepflegt bin, auf meine Sauberkeit achte und Sport betreibe.

Haben Sie ein besonderes Verhältnis zum Theater?

Das Burgtheater, an dem Sie auch tätig sind, kennt natürlich jeder. Und natürlich habe ich es auch besucht. Mit dem Theater selbst hatte ich aktiv zuletzt in meiner Schulzeit zu tun. Ansonsten habe ich mich nicht für den Weg der Schauspielerei entschieden.

Sie kommen ähnlich wie ich aus eher einfachen Verhältnissen.

So ist es, ja.

So etwas wie dieses palastartige Theater, das Burgtheater, hat mich als Jungen, der aus Arbeiterverhältnissen kommt, eingeschüchtert. Das war erst einmal gar kein Ort, zu dem man sich hingezogen fühlte. Das hatte etwas Befremdliches. Für mich war das ein merkwürdiger Prozess, damit vertraut zu werden. Ich nehme an, Sie bewegen sich auch auf einer Bühne, dem politischen Parkett, die sich einem nicht sofort erschließt, wenn man aus bescheidenen Verhältnissen kommt. Haben Sie sich da sofort wohl gefühlt oder hat es eine Zeit gedauert, ehe Sie sich orientieren konnten?

Wenn man aus einer Familie kommt, die ärmer ist, bekommt man auch in der Kindheitsentwicklung mit, welche sozialen Unterschiede es gibt. Aber ich habe nie Neid empfunden, das war eine ganz wesentliche Stärke. Ich habe auch immer an meine eigene Gestaltungsfreiheit geglaubt - und an meine Entwicklungsmöglichkeit. Es ist wichtig, dass man sich von der Gesellschaft nicht einreden lässt, es sei eine Frage der gesellschaftlichen Herkunft, was man im Leben erreichen kann. Dieses Selbstbewusstsein hat sich entwickelt. Jeder Mensch wächst in seinem Leben.

Ihr Name - ich bin ja Berliner - ist mir vor Jahren erstmals in einem Wahlkampf begegnet. Ich war in Wien, und man wurde belästigt von den vielen grinsenden Gesichtern. Mir ist ein Wahlplakat in Erinnerung geblieben. Darauf stand „Daham statt Islam. Da müsste jeder Theaterautor neidisch sein. Ist Ihnen das eingefallen?

Das ist einer Gruppe meines Mitarbeiterstabes eingefallen.

Ich habe da an Volkstheater gedacht, an Operette. Neulich gab es auch was mit „Wiener Blut", stimmt das?

Ja.

Für mich hat der politische Raum, das ganze Treiben darin, den vergangen Jahren verstärkt etwas Operettenhaftes bekommen. Auch wenn man an die politischen Figuren denkt, an Berlusconi oder Sarkozy. Viele Politiker entwickeln im Laufe der Jahre so etwas seltsam Figurenhaftes. Oder wenn man Che Guevara oder Fidel Castro hernimmt: Die werden zu Kunstfiguren. Was ist das? Was passiert da?

Beginnen wir einmal bei den Plakaten. Wir leben in einer freien Gesellschaft - mit der Freiheit der Kunst, der Freiheit der Demokratie. Es ist keiner gezwungen, ein Theaterstück zu besuchen. Und es ist auch die freie Entscheidung, welchem lächelnden Gesicht man Vertrauen schenkt. Und dann gibt es da den entscheidenden Unterschied: Viele Politiker sind heute alt, verstaubt, sie geben auch inhaltlich vieles zum Besten, was einstudiert, nicht echt ist. Der glaubt ja den Unsinn, den er da verzapft, nicht einmal selbst.

Spielt denn das Authentische noch so eine große Rolle?

Das spielt die entscheidende Rolle. Wer Authentizität lebt, bei dem spürt man das. Da kann man sagen: „Ich teile seine Meinung nicht, aber man spürt, dass er es ehrlich meint." Das ist - bei meinen vielen Fehlern - auch eine der Stärken, die ich habe.

Elias Canetti hat sinngemäß einmal gesagt: Was wäre, wenn die Menschheit aus der Realität rausgerutscht wäre? Ich sage das jetzt deswegen, weil es im politischen Geschehen so einen bestimmten Anteil an Irrealem gibt. Wir machen immer das Gleiche, was zu einem bestimmten Zeitpunkt Sinn gemacht hat, aber das ist eigentlich mittlerweile so eine Art Simulation. Wenn ich mir das politische Geschehen so ansehe, dann gibt es doch eine Menge Anzeichen dafür, dass da was Wahres dran ist. Verstehen Sie, was ich meine?

Ja. In anderen Worten ausgedrückt: Der einfache Bürger hat heute oft den Eindruck, alles sei vorgegeben. Da gibt es die großen Konzerne dieser Welt und die großen Banken dieser Welt, und dazwischen darf der Politiker die Marionette spielen, der vorgegeben wird, was zu passieren hat. Das entspricht gar nicht mehr dem, was die Menschen eigentlich wollen. Diese Ohnmacht in unserer Gesellschaft wird spürbar, ohne dass die Menschen das verbal zum Ausdruck bringen können.

Hätten Sie eine Idee, wie man aus diesem Zustand zurückkehren könnte - zu so einer Art Realität?

Indem man einfach wieder die Menschen in den politischen Prozess mit einbezieht. Indem man direktdemokratische Instrumente endlich verstärkt. Und die Menschen in den politischen Prozess wieder hereinholt, um der realen Entwicklung zu entsprechen. Auch wenn das eine oder andere Netzwerk sich das nicht wünscht.

In Deutschland gibt es den Fall Guttenberg. Eine höchst seltsame Geschichte. Da hat einer den Doktortitel erschwindelt. Etwas, was in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, in den Sechzigerjahren, jedem Politiker das Genick gebrochen hätte. Das hätte seine Integrität so stark beschädigt, jeder Lehrer hätte gesagt: Wer einmal betrügt, dem glaubt man nicht. So bin ich erzogen worden. Auf der anderen Seite ist es so, dass Guttenberg noch immer der populärste Politiker in Deutschland ist. Und wenn es eine Direktwahl des Bundeskanzlers gäbe, hätte er gute Chancen zu gewinnen.

Das ist wohl das beste Beispiel, dass die Resozialisierung in der Realität funktioniert. Weil jeder Mensch weiß, dass er Schwächen hat und Fehler macht. Man würde sich auch selbst wünschen, dass man den einen oder anderen Fehler verziehen bekommt. Dieses Grundbedürfnis der Menschen nach Verzeihung ist auch etwas zutiefst Christliches. Die Menschen erkennen, dass auf Guttenberg eine Hexenjagd stattgefunden hat. Er war manchen zu erfolgreich. Es hat alles zu perfekt gepasst. Und dann kommt der Punkt, über den er dann selbst gefallen ist. Aber auch das können die Menschen richtig einschätzen.

Sie glauben also an die Kompetenz der Mehrheit.

Es kann Verfehlungen geben. Aber jeder Mensch sagt auch, man solle nicht päpstlicher sein als der Papst und verzeihen können. Diese Verzeihungskultur hat ja auch in Deutschland große Tradition. Dem Paolo Pinkel (eigentlich „Paolo Pinkas", in der Kokainaffäre bekannt gewordenes Pseudonym von Michel Friedman, Anm. d. Red.) wurde ja relativ rasch nach seinen Verfehlungen verziehen, und er ist wieder zurückgekommen in die mediale Arena. Das ist heute kein Thema mehr. Da hat die Bevölkerung schon ein gutes Gespür, wann man verzeiht und wann nicht.

Mögen Sie Märchen?

Ja.

Darf ich Ihnen eines vorlesen? Auf eine seltsame Weise erinnert es mich an das politische Leben. Es heißt „Die wunderliche Gasterei" und ist von den Gebrüdern Grimm: „Auf eine Zeit lebten eine Blutwurst und eine Leberwurst in Freundschaft, und die Blutwurst bat die Leberwurst zu Gast. Wie es Essenszeit war, ging die Leberwurst auch ganz vergnügt zu der Blutwurst. Als sie aber in die Haustüre trat, sah sie allerlei wunderliche Dinge, auf jeder Stiege der Treppe, deren viele waren, immer etwas anderes. Da waren ein Besen und eine Schippe, die sich miteinander schlugen, dann ein Affe mit einer großen Wunde am Kopf und dergleichen mehr. Die Leberwurst war ganz erschrocken und bestürzt darüber, doch nahm sie sich ein Herz, ging in die Stube und wurde von der Blutwurst freundschaftlich empfangen. Die Leberwurst hub an, sich nach den seltsamen Dingen zu erkundigen, die draußen auf der Treppe wären, die Blutwurst tat aber, als hörte sie es nicht oder als sei es nicht der Mühe wert, davon zu sprechen, oder sie sagte etwa von der Schippe und dem Besen: ,Es wird meine Magd gewesen sein, die auf der Treppe mit jemand geschwätzt hat‘, und brachte die Rede auf etwas anderes. Die Blutwurst ging darauf hinaus und sagte, sie müsse in der Küche nach dem Essen sehen, ob alles ordentlich angerichtet werde und nichts in die Asche geworfen. Wie die Leberwurst derweil in der Stube auf- und abging und immer die wunderlichen Dinge im Kopf hatte, kam jemand, ich weiß nicht, wer's gewesen ist, herein und sagte: ‚Ich warne dich, Leberwurst, du bist in einer Blut- und Mörderhöhle, mach dich eilig fort, wenn dir dein Leben lieb ist.‘ Die Leberwurst besann sich nicht lang, schlich zur Tür hinaus und lief, was sie konnte; sie stand auch nicht eher still, bis sie aus dem Haus mitten auf der Straße war. Da blickte sie sich um und sah die Blutwurst oben im Bodenloch stehen mit einem langen, langen Messer, das blinkte, als wär's frisch gewetzt, und damit drohte sie und rief herab: ‚Hätt' ich dich, so wollt ich dich!‘" Tolles Märchen, oder?

Ein Märchen, das durchaus aus dem Leben gegriffen ist.

Lässt sich so etwas politisch beurteilen?

Wenn ich mir die Zusammenhänge der aktuellen politischen Landschaft in Österreich ansehe, könnte Faymann die Blutwurst sein und Pröll die Leberwurst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2011)

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