Tirols Kammerchef: Dubiose Vergabe?

Jürgen Bodenseer, Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer, schaltet sich mit einer „Fake-Anfrage“ in einen Sesselkauf ein. Rechnungshofkritik gibt es an verdoppelten Kosten für den Ausbau eine Bezirksstelle.

Tirols Kammerchef: Dubiose Vergabe?
Tirols Kammerchef: Dubiose Vergabe?
Tirols Kammerchef: Dubiose Vergabe? – Jürgen Bodenseer, Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer (c) Gepa (Andreas Pranter)

Innsbruck. Jürgen Bodenseer geht „das alles schon dermaßen auf die Nerven“. Als Präsident der Wirtschaftskammer Tirol muss sich der Unternehmer seit einiger Zeit lästige Fragen rund um Auftragsvergaben der Wirtschaftskammer (WK) gefallen lassen. Zum einen geht es um den Kauf von Stühlen für die Innsbrucker WK-Zentrale, zum anderen um massive Kostenüberschreitungen beim Ausbau der WK-Bezirksstelle in Kitzbühel.

Die Details: Ein im Internet aufgetauchtes Mail belegt, dass sich Bodenseer im Fall der Stuhlbeschaffung für die WK-Zentrale in Innsbruck als Privatunternehmer aktiv in das Geschäft eingeklinkt hat. Und zwar mit einem Schreiben an den österreichischen Hauptimporteur der italienischen Sitzmöbel. Bodenseer will darin wissen, an wen er sich beim italienischen Produzenten wenden müsse, um „den besten Preis (wenn gewünscht mit Vorauszahlung)“ für die 200 Sitzmöbel zu bekommen. Um den branchenüblichen Exklusivvertrag mit einem heimischen Lieferanten zu umgehen, schlägt Bodenseer in dem Schreiben vor, „könnte die Lieferung auch über unsere Design- und Einrichtungsfirma in Liechtenstein erfolgen, wenn nötig“. Im Fürstentum besitzt der Tiroler seit mehr als zehn Jahren eine eigene Firma. „Alles sehr dubios“, wundert sich der Bundessprecher der Grünen Wirtschaft, Volker Plass. „Das war nur eine Fake-Anfrage“, wehrt Bodenseer ab. Er habe nur prüfen wollen, ob die rund 300 Euro pro Stuhl des Modells „La Leggera“ nicht überhöht seien. Ihm als Experten – seine Firma handelt seit über hundert Jahren mit Möbeln – sei der Preis nämlich „brutal teuer“ vorgekommen, sagt er zur „Presse“. Er wollte sichergehen, „dass sich niemand eine goldene Nase verdient“. Es habe sich aber gezeigt, dass alles gepasst hat – inklusive gewährtem Rabatt.

Warum er sich als Präsident nicht vorab für billigere Stühle eingesetzt hat? „Alle haben mir weisgemacht, dass die so gut und praktisch sind“, sagt Bodenseer. Den Vorwurf, er habe versucht, den Bestbieter noch aus dem Rennen zu boxen, um den Auftrag selbst zu bekommen, wehrt er entrüstet ab: „Ich habe an die Kammer noch nie etwas verkauft.“ Im Gegenteil: „Die Unternehmer sollten stolz darauf sein, dass ein Präsident alles kontrolliert und hinterfragt.“

Insolvenz nach Auftrag

Im Fall der WK-Bezirksstelle Kitzbühel scheint der Kontrollmechanismus versagt zu haben. So stieg beim Projekt „K3“ (Kongress-Kammer-Kitzbühel) laut einem der „Presse“ vorliegenden Rechnungshofbericht die Investitionssumme von den ursprünglich angepeilten fünf Millionen Euro um mehr als 100 Prozent auf elf Millionen. Strengere Qualitätskriterien, maßgebliche Nachbesserungen und eine „zu wenig auf den Technikbereich fokussierte Planung“ seien laut WK-Präsidium Gründe für die Kostenüberschreitung gewesen.

Unter einigen Tiroler Möbelhändlern gibt es auch im Kitzbüheler Fall Ärger wegen der Stühle. 150 neue wurden im Zuge des Ausbaus bestellt. Allerdings nicht bei einem Unternehmen aus der Branche, sondern bei der eigentlich auf Caterings bei Großveranstaltungen spezialisierten „Kitz Exclusive Group“ von Fridolin Schipflinger. Der Sohn der prominenten Wirtin Rosi Schipflinger (Sonnbergalm) ging noch dazu kurz darauf mit Konkursforderungen von rund 3,5 Millionen Euro in die Insolvenz. „Warum wurde der branchenübliche Bonitätsnachweis des Lieferanten in diesem Fall nicht gefordert?“, zeigen sich Markus Schedler (Svoboda Möbel) und Christian Haberl (Thonet Möbel) irritiert. „Wir waren geblendet von den guten Kunden, die er gehabt hat“, begründet Bodenseer: „Das waren beste Referenzen.“ Mittlerweile gibt es auch Kritik, dass ein Deutscher Caterer die Gastronomie im „K3“ übernommen hat.

Nach dem Wirbel um den mittlerweile abgetretenen steirischen WK-Präsidenten Ulfried Hainzl, der in seinem eigenen Autohaus einen Dienstwagen kaufen ließ, sorgen die Tiroler Vorfälle kammerintern für erneuten Unmut. Für Bodenseer unverständlich: „Von den eigenen Funktionären hört man immer nur Negatives.“ Sein Fazit: „Die können mir bald alle den Buckel runterrutschen.“ Indes stehen Auftragsvergaben der Innsbrucker Messe an, bei der Bodenseer im Aufsichtsrat sitzt. Erst am Donnerstag endete eine Anbotsfrist. Für 1500 Stühle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 9. April 2011)

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