Antisemitismus: Kontroverse um Theodorakis in Wien

Programmänderung bei Gedenkfeier führte zu Irritationen. Mikis Theodorakis wird Antisemitismus vorgeworfen. Der Komponist der „Mauthausen-Kantate“ weist die Vorwürfe zurück.

(c) APA/RUBRA (RUBRA)

Wien/Athen/Oli/Apa. 1988 wurde in Anwesenheit des damaligen Bundeskanzlers, Franz Vranitzky, die „Mauthausen-Kantate“ des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis im ehemaligen Konzentrationslager uraufgeführt. Bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung im österreichischen Parlament gegen Gewalt und Rassismus am 5. Mai sollte die „Mauthausen-Kantate“ wiederum aufgeführt werden. Doch es kam nicht so weit.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) ließ das Programm kurzfristig ändern – nach Interventionen von jüdischer Seite. Ein Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde hatte gemeint: „Ich fürchte, dass mir bei so viel Scheinheiligkeit – Gedenken an die Nazi-Opfer mit Musikbegleitung eines deklarierten Antisemiten – übel wird und ich mich übergeben muss.“

Mikis Theodorakis wird Antisemitismus vorgeworfen. Die Juden seien gewalttätig und würden „an Fanatismus leiden“, soll er gesagt haben. „Heute kann man sagen, dass diese kleine Nation die Wurzel des Übels ist.“ Weiters ist das Zitat überliefert: „Alles, was heute in der Welt passiert, hat mit den Zionisten zu tun.“ Die „amerikanischen Juden“ stünden hinter der Weltwirtschaftskrise, die auch Griechenland getroffen habe. Auch der Satz „Es ist ein Paradox der Geschichte, dass die Hauptopfer des Hitlerismus jetzt die Methoden des letzteren für die globale Vormachtstellung genau nachmachen“, wird Theodorakis zugeschrieben.

In Athen sorgte die Absage in Wien für Aufregung. Die konservative Opposition sprach von einer „Provokation“ und „Beleidigung des griechischen Volkes“. Sie forderte die sozialistische Regierung auf, Stellung zu beziehen, deren bisheriges Schweigen sei „absolut unverständlich“.

Aus dem Büro von Barbara Prammer heißt es, die Nationalratspräsidentin habe sich zur Absage entschlossen, um den Gedenktag nicht mit dieser Diskussion zu belasten. Und zwar „ohne diese Vorwürfe inhaltlich prüfen zu können und in irgendeiner Weise dazu Stellung zu nehmen“. Ihr sei wichtig gewesen, dass diese Frage nicht vom eigentlichen Sinn des Gedenktags ablenke.

 

Theodorakis: „Eine große Lüge“

Auch der 85-jährige Komponist meldete sich nun in einem Brief an den Jüdischen Zentralrat Griechenlands zu Wort: Die ihm zugeschriebenen Äußerungen seien „eine große Lüge“, so Mikis Theodorakis. „Millionen Menschen in Israel ist bewusst, wie sehr ich ihr Volk und ihr Land liebe – nicht nur durch die ,Mauthausen-Kantate‘, die ein international anerkannter Tribut an die Opfer der Juden ist.“ Was er mit „Wurzel des Bösen“ gemeint habe, sei die „unglückliche Politik“ des Staates Israel und dessen Bündnispartner USA. Dass er sich selbst einmal als „antisemitisch“ bezeichnet habe, sei ein Fehler gewesen, der ihm aufgrund eines sehr langen und ermüdenden Interviews unterlaufen sei. „Ich liebe das jüdische Volk, ich liebe die Juden!“, schreibt Theodorakis, der seinerzeit gegen die NS-Besatzungsmacht in Griechenland gekämpft hatte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2011)

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