Heinisch-Hosek: 'Mitleid mit Männern hält sich in Grenzen'

Frauenministerin Heinisch-Hosek im "Presse"-Interview über wichtigere Frauenthemen als die Bundeshymne: Sie will Vorstandsvorsitzenden der Privatwirtschaft die Leviten lesen und wundert sich über Sozialforscher.

(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Die Presse: Eine parteiübergreifende Gruppe von Politikerinnen feiert eine neue Bundeshymne. Sie waren nicht dabei. Was ist denn da passiert?

Gabriele Heinisch-Hosek: Das war eine Angelegenheit des Parlaments. Es ist hervorragend, dass sich Frauen aus drei Parteien zusammengefunden und diese Änderung verlangt haben. Das Thema gibt es schon einige Jahre, ich habe das in Interviews mehrmals eingefordert.

 

Haben Sie von der Aktion von Ex-Ministerin Rauch-Kallat im Gegensatz zu Ihren Parteifreundinnen im Nationalrat nichts gewusst?

Nein, es waren nur Abgeordnetinnen eingeweiht, am nächsten Tag habe ich es begrüßt.

Die Reaktion der männlichen ÖVP-Abgeordneten war nicht sehr euphorisch. Können Sie sich eine solche Reaktion auf einen derartigen kleinen Putsch im SPÖ-Klub vorstellen?

Die Männer im SPÖ-Klub haben durchaus positiv reagiert. Ich weiß nicht, ob es gekränkte Eitelkeit der ÖVP-Männer war, weil das Thema nicht abgesprochen worden war. Ich halte es für charmant, solche Überraschungsthemen zu spielen.

Raten Sie das Frauen im SPÖ-Klub?

Nein, denn Alleingänge würden nicht zu so einem Erfolg führen, aber parteiübergreifend wäre das eine oder andere Thema vorstellbar, wenn es den Frauen dient.

Unter allen Themen der Frauenpolitik: Wo rangiert denn die Bundeshymne?

Wenn ich ein Puzzle nehme und gleiche Teile habe, ist das ein Teil. Es macht das Bild nicht komplett.

Was wäre wichtiger im Puzzle?

Die Einkommensschere, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer und für Frauen und das Problem, dass zu wenige Frauen in Spitzenpositionen sind.

Wie wollen Sie das ändern?

Großbetriebe haben bis 31.Juli Zeit, Einkommensberichte für 2010 zu legen. Es wird an uns und den Betriebsrätinnen sein, das einzufordern. Dann werden wir einen Überblick bekommen: Gibt es Unternehmen, die es sich geleistet haben, keinen Bericht zu legen?

 

Und Ihr Kampf für Aufsichtsrätinnen?

Der Quotenstufenplan für die staatsnahen Betriebe ist über die Bühne. Der nächste Schritt heißt Privatwirtschaft. Da werde ich nicht nachlassen. Im Herbst werde ich Vorstandsvorsitzende einladen und dieses Thema immer wieder an sie herantragen: Hat sich schon etwas getan in den Betrieben?

 

Abgesehen davon, dass Sie die Vorstände zu Kaffee und Kuchen bitten.

Sicher nicht zu Kaffee und Kuchen.

 

Verzeihung: zu Tee und Was-auch-immer. Aber mehr Möglichkeiten haben Sie nicht, oder?

Ich habe sie zum Teil schon gefragt. Die Fragebögen von EU-Kommissarin Reding, die sie an die größten Unternehmen in der EU versendet hat, habe ich auch an österreichische Betriebe weitergeleitet. Da habe ich durchwegs negative Meldungen bekommen. Ich möchte die Herrn Vorstandsvorsitzenden gerne persönlich fragen, warum sie nicht gedenken, Ziele für mehr Frauen in Führungspositionen zu formulieren.

Hatten Sie schon einen Termin mit Familienminister Mitterlehner? Sie wollten einiges besprechen, nicht?

Noch nicht, aber wir müssen etwa über den Papamonat für die Privatwirtschaft reden, der wäre meiner Ansicht nach finanziert.

Wie das?

Wir könnten einen Kindergeldmonat von Vätern auf die Zeit unmittelbar nach der Geburt vorziehen. Und wir haben für 20 Prozent der Väter Kindergeld budgetiert, aber es gehen derzeit nur fünf Prozent in Karenz, daher ist Geld da.

 

Allerdings müssten mehr Unternehmen Vätern einen Monat freigeben.

Wir werben daher für Väterkarenz und beraten Unternehmen, wie Abwesenheiten besser organisiert werden können. Wir wissen, dass die meisten Männer sehr wohl als Väter präsent sein wollen. Das sagen auch Männer- und Familienforscher.

 

Sozialforscher Mazal meint aber, dass sich Väter oft überfordert fühlen.

Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Man könnte die Frauen seit 100 Jahren fragen: Wie schaffen Frauen den Spagat zwischen arbeiten gehen, Kinder haben, Haushalt führen und eventuell pflegebedürftige Angehörige betreuen? Die Situation von Frauen wird nie hinterfragt.

 

Aber es gibt offenbar viele Junge, die keine Kinder bekommen wollen. Ein reines Hedonismusproblem?

Nein, die wollen schon Familie. Das wissen wir aus Studien. Die ganz Jungen wollen im Familienverband leben. Eine Zeit lang wollen sie eben leben und genießen.

Laut diesen Wertestudien bekennen sich unglaublich viele zu einem klassischen Familienleben. Stört Sie das?

Das heißt: Ich will Geborgenheit, das heißt nicht, ich will klassisch leben. Ob homosexuell, heterosexuell, meine Definition von Familie ist nicht die klassische, sondern mehr als Mann, Frau und Kind.

Das ist aber Ihre Interpretation.

Ja. Es können auch zwei Frauen glücklich sein, genau wie zwei Männer, eine Frau kann auch sagen: Ich will ein Kind, aber keinen Mann. Alles muss möglich sein.

Wie schaut es denn jetzt mit einer Beamtenlohnreform aus?

Wir müssen etwas bei den Einstiegsgehältern tun, damit Junge zu uns kommen und der Bund ein attraktiver Arbeitgeber bleibt. Bei den Lehrerinnen und Lehrern verhandeln wir gerade ein neues Dienstrecht, das ist immerhin die größte Gruppe der öffentlich Bediensteten. Gleichzeitig werde ich im Gespräch mit der Finanzministerin ausloten, ob es Mittel für eine Besoldungsreform für alle gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2011)

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