Auf Wallraffs Spuren: Die Sache mit der verdeckten Recherche

Ein Journalist sollte sich als solcher zu erkennen geben, sagt etwa der Deutsche Presserat. Gilt das auch im Fall Strache? Fragen nach der korrekten Recherchemethode des „Standard“-Journalisten tauchen auf.

Symbolbild
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(c) AP (HANS PUNZ)

Wenn es um die Undercover-Recherche geht, fällt sehr schnell sein Name: Günter Wallraff. Der deutsche Reporter, der bei der „Bild“-Zeitung Hans Esser war und wochenlang als Obdachloser lebte, genießt hohes Ansehen unter seinen Kollegen. Dennoch hat die Methode, mit der er arbeitet – das Einschleusen in verschiedene Milieus mit falschem Namen oder sogar falscher Hautfarbe –, bei vielen Journalisten keinen besonders guten Ruf.

So tauchen auch im Zusammenhang mit dem Sager von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache Fragen nach der korrekten Recherchemethode des „Standard“-Journalisten auf. Vor allem die FPÖ versucht, die zitierten Aussagen als „völlig aus dem Zusammenhang gerissen“ und „bewusst verdreht“ darzustellen. Tobias Müller, jener Chronik-Redakteur des „Standard“, der auf dem WKR-Ball mit dem FPÖ-Chef ins Gespräch kam, sagt, er habe sich zwar nicht vorgestellt, aber auch nicht als jemand anderer ausgegeben. Er sei auch von Strache nicht nach seinem Namen gefragt worden. Er habe Strache mit seiner Begleiterin gegen halb zwölf auf dem Ball angesprochen und ihn um ein Autogramm gefragt. Dadurch sei man ins Gespräch gekommen, und Strache habe sehr rasch offen seine Ansichten über den Ball und dessen Kritiker kundgetan („Das war wie die Reichskristallnacht“; „Wir sind die neuen Juden“). Im „Standard“ habe man diskutiert, wie man mit den auf diese Weise erhaltenen Aussagen von Strache umgehen soll und sich für die Veröffentlichung entschieden.

Andreas Koller, Innenpolitikchef der „Salzburger Nachrichten“ und Mitglied im Österreichischen Presserat, erklärt, dass verdeckter Journalismus in Österreich nicht verboten sei. Zudem sei sowohl der Ball eine öffentliche Veranstaltung gewesen als auch die Aussage von Strache als eine von öffentlichem Interesse zu werten. „Es ging dabei nicht um irgendwelche intimen Dinge, sondern um Straches politische Haltung.“ Dem Journalisten sei in dieser Sache nichts vorzuwerfen. „Außerdem bin ich dagegen, aus einer Strache-Diskussion eine Journalistendebatte zu machen“, sagt Koller.

Der in Deutschland sehr bekannte Investigativ-Reporter Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ sagt, er sei ein Bewunderer Wallraffs, aber zugleich ein Kritiker der Methode. „Ein Journalist ist immer ein Journalist und sollte sich mit seinem richtigen Namen zu erkennen geben.“ In der „Süddeutschen“ gebe es zwar keine konkreten Regelungen für die verdeckte Recherche, „aber das Leitmotiv sollte schon heißen: Ich gebe mich zu erkennen.“ Es gäbe allerdings auch gute Gründe, das anders zu sehen. Manche Geschichten, etwa Reportagen von Tiertransporten, seien gar nicht anders als mit verdeckter Recherche zu bekommen.

 

Ausnahmen gerechtfertigt

Sehr klare Worte findet der deutsche Presserat in seinem Pressekodex unter Ziffer4 zum Thema „Grenzen der Recherche“: „Journalisten geben sich grundsätzlich zu erkennen“, heißt es hier, und weiter: „Verdeckte Recherche ist im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichem Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind.“ Der Fall Strache könnte nach dieser Regel gerechtfertigt sein. Auch der österreichische Presserat, der zu verdeckter Recherche nicht explizit Stellung nimmt, sagt in seinem Ehrenkodex, dass das Interesse der Öffentlichkeit an einer Veröffentlichung immer gegen das schutzwürdige Interesse der Einzelperson an der Nichtveröffentlichung eines Berichts abzuwägen sei. Im Fall von Strache, der beim WKR-Ball als politische Person aufgetreten ist, wird dieses öffentliche Interesse eindeutig überwiegen.

Auch die „New York Times“ hat in ihrer „Company Policy on Ethics in Journalism“ Grundsätzliches zur Undercover-Recherche unter Punkt A2 festgehalten: Redakteure müssen ihre Identität grundsätzlich immer offenlegen, aber nicht jedes Mal ihre genaue Bezeichnung erklären. Verboten ist ebenso wie im deutschen Pressekodex, dass man sich als jemand anderer, etwa als Rechtsanwalt oder Polizist ausgibt, um an Informationen zu gelangen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2012)

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