Pensionsrevolution bringt hunderttausende Verlierer

Radikalreform ab 2014: Die Umstellung auf ein Pensionskonto gilt für Jahrgänge ab 1955. Der Verlust macht im Schnitt 23 Euro aus. Minister Hundstorfer widerspricht AMS-Chef Kopf.

Pensionsrevolution bringt hunderttausende Verlierer
Pensionsrevolution bringt hunderttausende Verlierer
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[WIEN] Im Zuge des Maßnahmenpakets der Regierung müssen sich die Österreicher auf eine Totalreform bei der Pensionsberechnung ab 2014 einstellen. Während es in etlichen Punkten Kritik an der Regierung gibt, haben Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) mit dem Sieben-Milliarden-Euro-Paket bei den Pensionen auch eine Revolution vereinbart: Das „Zauberwort" heißt Pensionskonto. Die Radikaländerung besteht darin, dass mit Ende 2013 im ASVG-System, bei Bauern und Gewerbetreibenden alle Arbeits- und Beitragszeiten vor dem Jahr 2005 schlagartig auf dieses Pensionskonto umgerechnet und „umgebucht" werden.

► Folgen? Bei der Neuberechnung der bis 2005 gesammelten Pensionszeiten gibt es zwar auch Gewinner. Die Regierung geht laut SPÖ-ÖVP-Einigung aber davon aus, dass unter dem Strich mehr Betroffene Verluste gegenüber bisher hinnehmen müssen. Denn das Paket hat Einsparungen von insgesamt 123 Millionen Euro bis 2016 vorgesehen. Gewinne wie Verluste aus der Umstellung machen aber maximal 1,5 bis 3,5 Prozent aus.

► Wer ist betroffen? Im ASVG, bei Bauern und Gewerbetreibenden gilt dies für alle Männer und Frauen, die ab 1. Jänner 1955 und später geboren wurden (neu zu berechnen sind dabei Zeiten bis Ende 2004, denn seit Jänner 2005 gilt ohnehin bereits das Pensionskonto). Alle, die vor dem 1. Jänner 1955 geboren wurden, sind von der Umstellung nicht betroffen.
Bei den Bundesbeamten gilt die Umstellung für alle Jahrgänge ab 1. Jänner 1976. Die Jahrgänge von 1955 bis 1975 bleiben hingegen bei den Bundesbeamten ausgenommen, weil Verluste aufgrund der Umrechnung auf das Pensionskonto für diese viel höher wären.

► Wie viele gewinnen bzw. verlieren aufgrund des Umstiegs auf das Pensionskonto? Das Sozialministerium macht dazu offiziell keine Angaben. Nach Auskunft der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) ist damit zu rechnen, dass immerhin rund 5,2 Millionen Versicherte von der Umstellung auf das Konto betroffen sein werden (etwa auch jene, die vor Jahrzehnten nur kurz beschäftigt waren). Hunderttausende verlieren durch die Umrechnung. Im Durchschnitt sind Pensionsverluste pro Betroffenem von insgesamt rund 23 Euro bezogen auf die prognostizierten Einsparungen von 123 Millionen Euro zu erwarten.

► Warum betragen die Verluste bzw. Gewinne aus der Umstellung im Einzelfall höchstens 1,5 bis 3,5 Prozent? Das ist in erster Linie eine politische Entscheidung. Um dies sicherzustellen, wurde eine entsprechende Berechnungsformel ausgewählt. Für den Jahrgang 1955 machen Pensionsgewinne und Verluste maximal 1,5 Prozent aus. Dieser Wert steigt pro Jahrgang um 0,2 Prozentpunkte. Mit dem Jahrgang 1965 ist der Maximalwert mit Gewinnen oder Verlusten von 3,5 Prozent durch die Umstellung erreicht. Laut Sozialressort werden zwei Drittel der Fälle in der Bandbreite von 1,5 Prozent mehr bis 1,5 Prozent weniger Pension liegen.

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123 Millionen werden eingespart

Sozialminister Hundstorfer bestritt nach dem Ministerrat gegenüber der „Presse" am Vormittag noch, dass das Maximum bei 3,5 Prozent Pensionsänderung aufgrund des Kontos ab 2014 liegen könne. Mögliche Verluste für Einzelne sind für ihn angesichts des insgesamt niedrigen Spareffekts von 123 Millionen Euro im Vergleich zu den Gesamtaufwendungen für die Pensionen im zweistelligen Milliardenbereich verkraftbar.

Bei der Pensionsreform der schwarz-blauen Regierung und der Einführung des Pensionskontos 2005 waren Gewerkschaft und SPÖ noch mit Streiks Sturm gelaufen und hatten Verluste als „Pensionsraub" gebrandmarkt. Ob nun auch er ein solcher „Raubritter" sei? Hundstorfer erbost zur „Presse": „Das ist eine Unterstellung, die ich auf das Schärfste zurückweise." Die Diskussion sei angesichts der künftig für Einzelne möglichen Verluste „philosophisch".

► Sind 1,5 bis 3,5 Prozent der maximale Pensionsverlust? Nein, das gilt nur für die Umstellung auf das Pensionskonto und nur bei Erreichen des Regelpensionsalters (60 Jahre für Frauen im ASVG, 65 Jahre für Männer). Geht jemand vorzeitig in Pension, kommen die sogenannten Abschläge für Frühpensionisten zusätzlich zum Tragen. Geht beispielsweise ein Mann mit 62 in die Korridorfrühpension, macht sein Verlust zusätzlich pro Jahr 5,2 Prozent, bei einem Pensionsantritt mit 62 Jahren also 15,3 Prozent der Pension aus.

► Wie erfährt jemand, wie hoch seine Pension nach der Umstellung wäre? Durch Auskunft bei der für ihn zuständigen Pensionsversicherungsanstalt ab Anfang 2014. Diese kämpft allerdings noch mit dem Problem, dass bei vielen Menschen die Versicherungszeiten aus früheren Zeiten, vor allem auch etwaige Kindererziehungszeiten noch keineswegs lückenlos erfasst sind. Der entscheidende Vorteil des neuen Pensionskontos besteht in der Transparenz für den Einzelnen: Er kann erfahren, mit welcher Pension er zum Regelpensionsalter rechnen darf.

Hundstorfer ließ am Rande des Ministerrats freilich auch wegen der Folgen für den Arbeitsmarkt aufhorchen. Johannes Kopf, einer der beiden Chefs des Arbeitsmarktservices (AMS), hatte am Montag offen erklärt, es sei als Folge des Maßnahmenpakets, aufgrund dessen die Österreicher länger arbeiten sollen, vor allem bei Jungen mit höherer Arbeitslosigkeit zu rechnen. „Ich kann diese Aussagen nicht nachvollziehen", konterte der Sozialminister. Denn es würden in den kommenden Jahren sogar 10.000 Jugendliche fehlen.

Live-Chat

Sozialminister Rudolf Hundstorfer stellt sich am Mittwoch um 11 Uhr im Chat Ihren Fragen zu Sparpaket und Pensionen.

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