Naschi: Jugendlicher Führer-Kult in Russland

Ihr Feind ist, wer die Macht und die Mächtigen Russlands bedroht. Gegen diese Feinde sind alle Mittel recht: Geld, Gewalt und Massenhochzeiten. Doch die kremltreue Jugend steht vor ihrem Ende.

Naschi Jugendlicher PutinKult Russland
Naschi Jugendlicher PutinKult Russland
(c) REUTERS

Sie bereiten sich in Ferienlagern auf den Militärdienst vor, marschieren in Massen auf und attackieren Journalisten und Politiker. Das Tun der russischen Jungendbewegung „Naschi" unterscheidet sich grundlegend von dem österreichischer Jugendorganisationen und hat im Westen einige Aufmerksamkeit erregt. Auch in der jüngsten russischen Wahlschlacht um das Amt des Präsidenten mischte "Naschi" mit: Sie sollen Blogger und Journalisten mit Geld versorgt haben. Die lieferten im Gegenzug freundliche Berichte, um Wladimir Putin zu seiner dritten Amtszeit zu verhelfen.

Gegründet wurden „die Unsrigen" im Jahr 2005 auf Initiative des Kreml-Chefideologen Wladislaw Surkow, der für Putin den Kontakt zu den Parteien und Verbänden organisierte. Die Unzufriedenheit in der Ukraine entlud sich zu dieser Zeit in der orangenen Revolution. Die russische Elite fürchtete, dass die Jugend sich von den Protesten im Nachbarland inspirieren lassen könnte und trachtete danach, ihr eine Alternative zu bieten. Nicht gegen, sondern an der Seite des staatlichen Establishments sollte sie kämpfen. Dafür gab es reichlich finanzielle Zuwendung aus dem staatlichen Budget. Und auch private Spender ließen sich nicht lumpen, stand doch hinter "Naschi" der Kreml - und Wladimir Putin persönlich. Für das Jahr 2010 beziffert Russlandexperte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck das Budget der "Naschi" auf 200 Millionen Rubel. Zum damaligen Zeitpunkt waren das knapp 5 Millionen Euro.

"Vermehrung für Russland"

Die Anfangsjahre während Putins zweiter Amtszeit (2004-2008) waren die „Hochzeit der ideologischen Attraktivität und Blüte" der "Naschi", sagt Mangott. Die "Naschi" erfüllten die ihnen zugedachte Aufgabe. Bei Aufmärschen skandierten die Jugendlichen in Massen für ihren Präsidenten. Zum Sommerlager am Seligersee bei Twer im Norden Moskaus kamen 10.000 Jugendliche.

Eine Kundgebung der Naschi im Jahr 2005 in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg
Eine Kundgebung der Naschi im Jahr 2005 in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg
Eine Kundgebung der Naschi im Jahr 2005 in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg –
Dort betrieben sie Kampfsport, schwenkten Fahnen der Bewegung, Russlands und des russlandtreuen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow. Junge Paare schworen sich in eigenen Zeremonien die Liebe; Vermehrung für Russland wurde propagiert.

Das Ackern für das Vaterland belohnte Putin mehrmals mit Besuchen. Die Ästhetik der Lager erinnerte an Bilder der faschistischen Jugendorganisationen Nazideutschlands und brachte "Naschi" in westlichen Medien den Namen 'Putinjugend' ein.

Selbst begreifen sich die "Naschi" als national orientierte Jugend. Aber: „Personenkult stört uns nicht", sagte ein Gruppenleiter der "Naschi" in einem Interview mit dem TV-Sender „Arte" im Jahr 2007. Russland sei ein großes Land und brauche eine starke Persönlichkeit an der Spitze, um die Sicherheit zu garantieren. Putin und ein mächtiges Russland stehen über allem und werden verteidigt. Als Estland 2007 ein Denkmal für Soldaten der Roten Armee an einen anderen Ort gestellt hatte, belagerte "Naschi" die Botschaft des Landes in Moskau und stürmte eine Pressekonferenz.

Naschi-Aktivisten demonstrieren in Uniformen sowjetischer Soldaten gegen Estland
Naschi-Aktivisten demonstrieren in Uniformen sowjetischer Soldaten gegen Estland
Naschi-Aktivisten demonstrieren in Uniformen sowjetischer Soldaten gegen Estland –
Veteranen seien beleidigt worden. Weil der britische Botschafter Tony Brenton im selben Jahr eine Veranstaltung der russischen Opposition besucht hatte, belagerte "Naschi" seinen Wohnsitz.

Emotionale Attraktivität sinkt

Um Einfluss zu gewinnen wurden Aktivisten von "Naschi" lange Zeit ermutigt, Anwälte oder Abgeordnete zu werden. „Mittlerweile werden die 'Naschi' vermehrt als Vorfeldorganisation und Karrieremaschine wahrgenommen", so Mangott. Mit fragwürdigen Aktionen haben sie sich zudem selbst ins Abseits gespielt. Um für ihre Aufmärsche zu werben, wurde etwa ein Kalender produziert. 'Sex gegen Korruption' war das Motto. Abgebildet waren junge Frauen - lediglich mit einer weißen Schürze bekleidet. Das ursprünglich reine Image wurde zusehends diskreditiert.

Wladimir Putin inszeniert sich 2011 am Sommerlager der Naschi
Wladimir Putin inszeniert sich 2011 am Sommerlager der Naschi
Wladimir Putin inszeniert sich 2011 am Sommerlager der Naschi –

So wird "Naschi"-Aktivisten vorgeworfen, in physische Übergriffe gegen Journalisten und Oppositionelle involviert gewesen zu sein. Gelegentlich musste die russische Polizei gar Demonstrationen der "Unsrigen" auflösen. „Dadurch ist ihre emotionale Attraktivität gesunken", sagt Mangott.
Nach den Parlamentswahlen 2007 und den Präsidentschaftswahlen 2008 stellte sich bei der russischen Führung langsam Überdruss ein. „Bereits damals gab es eine große Debatte, was mit den "Naschi" gemacht werden soll", so Mangott. 2008 wechselte der Vorsitzende und Gründer Wasilij Jakimenko in das Jugendkommitee des Kreml. „Nach seinem Abgang war der Bedeutungsverlust nicht zu übersehen", so Mangott.

Jugendlager der Naschi
Jugendlager der Naschi
Jugendlager der Naschi –

Schleichender Bedeutungsverlust

Im April 2011 war in Moskau heiße Wahlkampfphase für die Wahlen der Duma, der russischen Volksvertretung. Nach dem schleichenden Bedeutungsverlust 2008 versuchten sich die "Naschi" erneut in den Vordergrund zu spielten. Tausende ihrer Anhänger demonstrierten auf dem Sacharow-Prospekt in der russischen Hauptstadt für die Regierungspartei „Einiges Russland". Auch vom Kreml wurde die treue Jugend nach den Wahlen im Dezember 2011 wieder gebraucht, als tausende Russen gegen die autoritäre Führung Russlands auf die Straßen gingen. "Naschi" wurde für Gegenproteste aktiviert und soll die Regierungsgegner bei der Ausgabe von Zelten und Agitationsmaterial gestört haben.

„Allerdings hat die Mobilisierung nicht sehr gut geklappt", sagt Mangott. Und das, obwohl auch finanzielle Abgeltungen für die Teilnahme an den Kundgebungen geflossen sein sollen. Während des Wahlkampfes für die Abstimmung über den neuen Präsidenten Anfang März tauchten die "Naschi" erneut in den Schlagzeilen auf. Sie waren in das Visier des subversiven Hackernetzwerks 'Anonymous' geraten. Die Hacker enthüllten, dass die "Naschi" Blogger und Journalisten auf ihrer Gehaltsliste hatten. Für bis zu 15.000 Euro sollten diese den um eine dritte Amtszeit kandidierenden Wladimir Putin in ein positives Licht rücken - und seine Gegner diskreditieren.

Junge Garden als Nachfolger

Trotz der neuerlichen Aktivierung scheint die Zeit der "Unsrigen" vorbei zu gehen. „Die 'Naschi' sind weg, wenn die Unterstützung des Kreml endet", sagt Mangott. Die Anzeichen dafür mehren sich. Statt des "Naschi"-Mentors Wladislaw Surkow zog im Dezember Wjatscheslaw Wolodin in das Präsidialamt ein. Er organisiert nun für den Präsidenten die Beziehungen zu den Parteien und Verbänden. Mit dem Projekt seines Vorgängers und Konkurrenten, hat Wolodin „nicht mehr viel am Hut", sagt Mangott.

Wolodin bevorzuge eine direktere Einbindung der russischen Jugend und baue daher die „Jungen Garden" von der Staatspartei „Einiges Russland" zur Nachfolge auf. Ihr wesentlicher Vorteil: Sie sind straffer organisiert. 160.000 Mitglieder können den Jungen Garden zugerechnet werden. Wie viele Aktivisten "Naschi" habe, sei schwer zu beurteilen - „zu intransparent ist die Organisation", sagt Mangott. Schätzungen gehen aber immer noch von 120.000 bis 300.000 jungen Menschen aus.

(Red.)

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