Gusenbauer/Schüssel: Roter Kapitalist und schwarzer Schweiger

Was wurde aus Alfred Gusenbauer und Wolfgang Schüssel? Um beide ist es ruhig geworden. Der eine verdient viel Geld. Und der andere sorgt für Aufregung, wenn er dann doch einmal etwas sagt.

Die seltenen Interviews, die er noch gibt, pflegt Alfred Gusenbauer seit geraumer Zeit mit einem denkwürdigen Satz zu beenden: Er danke für das Gespräch, aber jetzt müsse er sich wieder dem Kapitalismus widmen. Scherzhaft ist das nicht gemeint, allenfalls selbstironisch. Denn seit seinem Abschied aus der Politik im Jahr 2008 macht der Ex-Kanzler, der nach wie vor Vizepräsident der Sozialistischen Internationale ist, vor allem eines: Er verdient Geld.

Seinen jüngsten Coup vermeldete Gusenbauer im Februar dieses Jahres: Mit drei Partnern gründete er den Private-Equity-Fonds Cudos Capital AG, der vornehmlich „die Industrie und Realwirtschaft im deutschsprachigen Raum“ im Visier hat. Die dazugehörige Beratungsgesellschaft Cudos Advisors gibt es schon seit Mai 2011. Auch hier hält der Ex-Kanzler einen 25-prozentigen Anteil. Die Gusenbauer Projektentwicklung & Beteiligung GmbH gehört ihm hingegen allein. 2010 machte das Ein-Personen-Unternehmen einen Gewinn von rund 1,6 Millionen Euro. Wobei der 52-Jährige partout keine Auskünfte über sein Einkommen gibt: Das, sagt er, sei seine Privatsache.

Um sein Auskommen braucht sich Gusenbauer jedenfalls nicht zu sorgen– eher schon, dass er den Überblick über seine beruflichen Aktivitäten verliert. Denn ein derart breit gefächertes Jobportfolio hat kaum ein anderer Ex-Politiker: Er fungiert – unter anderem – als Osteuropa-Experte der WAZ-Mediengruppe, ist Europadirektor eines chilenischen Investmentfonds, Mitglied im European Advisory Board des US-Bankenriesen Citigroup und im Board of Directors des kanadischen Bergbaukonzerns Gabriel Resources.

Im Aufsichtsrat von René Benkos Signa-Gesellschaften hat Gusenbauer ein Mandat, jenem der Strabag (und der Privatstiftung von Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner) steht er sogar vor. Nebenher betätigt er sich als Gastprofessor an US-Unis (Harvard) und teilt – gegen entsprechendes Honorar – der Welt sein Wissen in Vorträgen mit.

Als Selbstvermarktungsspezialist steht „Professor“ Gusenbauer in der Tradition europäischer Ex-Regierungschefs der jüngeren Vergangenheit, meist sozialdemokratischer Abstammung – eines Gerhard Schröder zum Beispiel. Oder eines Tony Blair. Und wenn das Salär stimmt, blenden diese Herren ihre ideologischen Berührungsängste schon einmal aus. Der österreichische Ex-Kanzler etwa macht kein Hehl aus seiner Tätigkeit für den kasachischen Autokraten Nursultan Nasarbajew (Tony Blair im Übrigen auch nicht). Außerdem ist Gusenbauer Vizepräsident einer internationalen Institution, die sich „Öffentliches Weltforum – Dialog der Zivilisationen“ nennt. Dabei handelt es sich um eine russische NGO mit Sitz in Moskau. Ihr Gründer war früher KGB-Agent.

Rede in Ungarn. Deutlich weiter rechts im politischen Spektrum machte vor Kurzem Gusenbauers Vorgänger im Kanzleramt von sich reden: Bei einer Konferenz in Budapest mit dem Titel „Nationale Werte im Fokus“ lobte Wolfgang Schüssel Ungarns „neuen, modernen Patriotismus“ und ermunterte Regierungschef Viktor Orbán, die „im Parlament errungene Zweidrittelmehrheit“ nach Möglichkeit zu nutzen.

Nicht, dass die Fidesz-Partei das nicht ohnehin täte: Staatliche Institutionen und Medien wurden systematisch unterwandert, die Kritik der EU-Kommission über weite Strecken ignoriert. Der Auftritt Schüssels war jedoch weniger einem finanziellen Eigeninteresse geschuldet denn ein Freundschaftsdienst: Als die EU im Jahr 2000 Sanktionen gegen die schwarz-blaue Regierung in Österreich verhängte, war Orbán der erste europäische Regierungschef, der Schüssel trotzdem empfing. So etwas vergisst man nicht.

Sonst ist es ruhig um Schüssel geworden, seit er im September 2011 sein Nationalratsmandat zurückgelegt hat – im Windschatten der aufkeimenden Korruptionsskandale, obwohl der Ex-Kanzler diesbezüglich „reinen Herzens“ ist, wie er sagt. Wenig später trat Schüssel als Illustrator von Tarockkarten mit Tiermotiven in Erscheinung. Interviews gibt er selten bis nie, die Öffentlichkeit – so scheint's – hat er nicht mehr nötig, auch finanziell nicht.

Denn Schüssel ist ein wohlhabender Mann. Seine Pension beläuft sich auf monatlich 15.000 Euro. Für seine Aufsichtsratstätigkeit beim deutschen Energiekonzern RWE kassierte er im Vorjahr rund 83.000 Euro. Weitere (rund) 30.000 Euro im Jahr bringt ihm seine Mitgliedschaft im Kuratorium der deutschen Bertelsmann-Stiftung ein, einer konservativen Denkfabrik.

Das macht unabhängig – und frei für jene Dinge, die man immer schon tun wollte. Im steirischen Lachtal erstand Schüssel, der Tourengeher, im Vorjahr eine Hütte auf 1700 Meter Seehöhe, die er mit seiner Tochter renovierte. Denn von der Almperspektive aus betrachtet sieht die Welt gleich ein wenig anders aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)

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