Der Fuchs im Schafspelz

Wie rechts ist FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer? Eine Spurensuche zwischen Burschenschaft, Freiheitlicher Partei und Parlament.

Austrian far right Freedom Party presidential candidate Hofer addresses a news conference in Vienna in Vienna
Austrian far right Freedom Party presidential candidate Hofer addresses a news conference in Vienna in Vienna
Anders als ein Heinz-Christian Strache oder ein Jörg Haider komme Hofburg-Anwärter Norbert Hofer „nicht aus dem freiheitlichen Hardcore-Bereich, sondern aus der gemäßigten Mitte“, heißt es in der FPÖ. – REUTERS

So schnell kann es gehen. Als Norbert Hofer nur Dritter Nationalratspräsident war, galt er als freundliches Gesicht der FPÖ, das auch der ÖVP gut stehen würde. Als dann bekannt wurde, dass er in die Hofburg möchte, begannen die ersten, einen Wolf unter Hofers Schafspelz zu vermuten. Mittlerweile – und einige fragwürdige Aussagen später – nennt man ihn, wie Armin Thurnher im aktuellen „Spiegel“, nur noch einen „strammen Rechten“. Aber ist er das wirklich?

Das kommt auf die Perspektive an. Jemand, der in der FPÖ ist, wird schon auch eine entsprechende Weltanschauung haben und deutlich rechts von, sagen wir, Hans Niessl, stehen. Von links betrachtet ist er also ein Rechter. Aber von rechts eher nicht. Anders als Heinz-Christian Strache oder Jörg Haider komme Hofer „nicht aus dem freiheitlichen Hardcore-Bereich, sondern aus der gemäßigten Mitte“, sagt ein FPÖler. „Er ist in einem kleinbürgerlich-schwarzen Milieu aufgewachsen und erst als Erwachsener zur FPÖ gestoßen. Da musste er erst hineinwachsen.“

Das gelang ihm aber recht schnell, nachdem er nach der Parteispaltung im Jahr 2005 – aus dem Burgenland kommend – Karriere in der Strache-FPÖ gemacht hatte. Hofer gilt als loyaler Vizeparteichef, weshalb auch Konkurrenzgerüchte weit hergeholt sind. Am Ende, meint ein Freiheitlicher, sei er immer dort, wo der Parteichef ihn haben wolle.

Vor fünf Jahren wurde Hofer beauftragt, ein neues Parteiprogramm zu entwickeln. Das Ergebnis war nicht unbrisant und wird jetzt gegen ihn verwendet. Denn die FPÖ bekennt sich seither wieder zur „deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft“. Wobei die Idee dazu vom damaligen EU-Mandatar Andreas Mölzer gekommen war. Hofer hat sich allerdings nicht dagegen gewehrt.

Verdächtig erscheint vielen auch Hofers Ehrenmitgliedschaft in der Marko-Germania zu Pinkafeld, einer Burschenschaft, die ein schlampiges Verhältnis zum österreichischen Staat hat. In ihren Statuten bekennt sie sich nämlich zum „deutschen Vaterland, unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen“. Das passt nicht ganz zu einem angehenden Staatsoberhaupt, auch wenn Hofer versichert, dass weder er noch seine Burschenschaft Österreich infrage stellten. Manchem Freiheitlichen ringt das nur ein Schmunzeln ab: „Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt weiß, wozu er da steht.“

In seiner Heimatgemeinde Pinkafeld nimmt man den 45-Jährigen in Schutz. Die Marko-Germania stehe dann doch rechts von Hofer, glaubt etwa Bürgermeister Kurt Maczek, immerhin ein SPÖ-Politiker. „Ich würde ihn nicht als extrem einschätzen.“ Ähnlich sieht das Günter Kovacs, auch ein Sozialdemokrat, der Hofer aus zehn gemeinsamen Jahren im Gemeinderat von Eisenstadt kennt. „Er ist ein offener, sachorientierter Politiker. Es gefällt mir nicht, dass er in die rechte Ecke gedrängt wird. Dort gehört er nicht hin.“

Verbinder zu Israel. Dafür spricht auch, dass sich Hofer seit Jahren um gute Kontakte zu Israel bemüht. Er war der erste Freiheitliche, der in die Knesset eingeladen wurde. Antisemiten müssten wissen, dass die FPÖ nicht ihre Heimat sein könne, sagte er unlängst in einem „Presse“-Interview. Außerdem hat Hofer seine Meinung zum NS-Verbotsgesetz, das er einmal in Richtung Meinungsfreiheit aufweichen wollte, revidiert. Wenn auch möglicherweise nur aus wahltaktischen Gründen.

Allerdings sagte er im Wahlkampf dann doch Dinge, die vielen zu denken gaben. Dass er das Recht des Bundespräsidenten ausreizen und nötigenfalls die Regierung entlassen würde. Und dass man sich noch wundern werde, was alles möglich sei. Das hat vor allem jene gewundert, die Hofer aus dem Parlament kennen. „Das passt gar nicht zu ihm“, sagt ein Schwarzer. „Ich nehme an, das war dem Wahlkampf geschuldet. Denn Hofer steht sicher nicht weiter rechts als der durchschnittliche Rote in einem Wiener Flächenbezirk.“

Vielleicht ist Straches Stellvertreter ja gar nicht der böse Wolf, für den ihn nun viele halten, vielleicht musste er ihn nur spielen, um gewisse Wählerschichten zu mobilisieren. Das wäre nicht untypisch für die FPÖ, in der ambivalente Signale part of the game sind. Es ist ja schon vorgekommen, dass Strache die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht und dabei ein Burschenschafter-Käppi trägt. Da kann dann jeder herauslesen, was er möchte.

Ex-Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP), der Hofer vor allem als Umweltsprecher kennengelernt hat, sieht in ihm „keinen Wolf, sondern einen Fuchs im Schafspelz“ – im Sinne eines „Schlaumeiers, der genau weiß, was er zu tun hat“. Generell, sagt Berlakovich, sei Hofer nicht nur lieb und nett, sondern härter, als er sich gebe. „Wenn auch nicht unmenschlich.“

Zuletzt hat sich Hofer aber wieder in den Schafspelz gehüllt. Im ersten Duell mit Alexander Van der Bellen war er zahm wie ein Lamm. Von den Identitären hat er sich diese Woche ausdrücklich distanziert („Ich will mit dieser Gruppe nichts zu tun haben“). Und seine Drohungen, eine untätige Regierung zu entlassen, hat er deutlich entschärft.

Auch das erklärt sich vermutlich aus der Strategie. Um Bundespräsident werden zu können, braucht Hofer in der Stichwahl am 22. Mai auch die Moderaten – und die mögen keine absolutistischen Töne. Also erzählt er ihnen jetzt, was sie hören wollen. Das ist nicht rechts, sondern berechnend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2016)

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