Das gespaltene Land

Das Land, Familien, Generationen sind gespalten wie selten: in Wähler von Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer. Ein kleiner soziologischer Streifzug durch die österreichische Gesellschaft aus gegebenem Anlass.

BP-WAHL ATV - DISKUSSION 'MEINE WAHL - DAS DUELL': HOFER / VAN DER BELLEN
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Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer – APA/HANS PUNZ

Die "Ü50" sind für Hofer, die "U30" für Van der Bellen

Paradox, aber wahr: Die Älteren wählen den Jüngeren, die Jüngeren wählen den Älteren. Bei den Über-50-Jährigen bekam der 45-jährige Hofer vor vier Wochen die meisten Stimmen, nämlich 33 Prozent, wie der Meinungsforscher Peter Hajek (im Auftrag von ATV) errechnet hat. Der 72-jährige Alexander Van der Bellen wurde hingegen nur Fünfter, mit gerade einmal zwölf Prozent.

Dafür darf sich der frühere Grünen-Chef bei den Unter-30-Jährigen Hoffnungen machen. Eine Jungwählerbefragung des Meinungsforschers Bernhard Heinzlmaier (T-Factory) besagt, dass 58 Prozent am Sonntag Van der Bellen wählen wollen. Hofer würde da die Stichwahl mit 42 Prozent verlieren. Die Jungen seien „in zwei unversöhnliche Lager gespalten“, so Heinzlmaier. Während 60 Prozent der mittleren und niedrigen Bildungsschichten hinter Hofer stünden, seien die höher Gebildeten (81 Prozent) für Van der Bellen.

 

Da Van der Bellens "Hautevolee", dort Hofers "Volk"

Das „Establishment“ gegen das „Volk“ – so sah die FPÖ die Wahlauseinandersetzung. Und liegt damit nicht ganz falsch. Denn der Stichwahlkampf Alexander Van der Bellens bestand mehr oder weniger darin, jeden Tag einen neuen prominenten Namen als Unterstützer zu präsentieren. Von Christian Konrad bis Irmgard Griss, von André Heller bis Wilhelm Molterer. Alexander Van der Bellen, immerhin einmal Grünen-Chef, ist weit in die Mitte gerückt und heute der Kandidat der Eliten dieses Landes. Prominente, die sich für Norbert Hofer aussprachen, musste man mit der Lupe suchen. Viel mehr als Extremsportler Felix Baumgartner und Bischof Andreas Laun waren da nicht zu finden. Hofer inszenierte sich daher, nicht zuletzt auf den Plakaten, als Kandidat des einfachen Volkes.

 

Bildungsbürger für Van der Bellen, Arbeiter für Hofer

Besonders eklatant ist der Unterschied zwischen den jeweiligen Wählern, was den Bildungsgrad anbelangt. Nun wird Norbert Hofer zwar wohl zu hundert Prozent von den akademischen Burschenschaftern gewählt, unter den Akademikern insgesamt bewegt sich der frühere Uni-Professor Van der Bellen allerdings wie ein Fisch im Wasser. Laut Wahltagsbefragung von Sora aus dem ersten Durchgang stimmten 35 Prozent der Uni-Absolventen für Van der Bellen, 15 für Hofer. Von Personen mit Pflichtschul- bzw. Lehrabschluss wählen 43 respektive 51 Prozent Hofer.

Laut der Befragung von Hajek wählten 40 Prozent der Menschen mit Matura Van der Bellen. 41 Prozent der Wähler ohne Matura stimmten für Hofer. Dieser bekam dafür 64 Prozent der Arbeiter, Van der Bellen nur sieben. Erstaunlich ist allerdings: Auch bei den Selbstständigen lag Hofer bei Hajek mit 49:21 vorn. Bei den öffentlich Bediensteten ebenso (32 Hofer, 16 Van der Bellen.) Bei Sora gewann allerdings Van der Bellen die meisten Beamten.

 

Die Männer wählen Hofer, die Frauen sind gespalten

Die Männer, jedenfalls die meisten, hat Norbert Hofer auf seiner Seite. 45 Prozent stimmten am 24. April für den Freiheitlichen, aber nur 17 Prozent für Alexander Van der Bellen, wie das Sora Institut für den ORF erhoben hat. Bei den Frauen ist es weniger eindeutig: Hofer kam auf 27, Van der Bellen auf 22 Prozent. Dazwischen lag Irmgard Griss mit 26 Prozent. Ihre Wählerinnen werden am Sonntag entscheiden, wer bei den Frauen vorn liegt.

Würden nur Frauen unter 30 wählen, hieße der nächste Bundespräsident Van der Bellen. In der Stichwahl wollen laut Meinungsforscher Bernhard Heinzlmaier 62 Prozent der Jungwählerinnen für ihn stimmen.

 

Van der Bellen hat das urbane Publikum, Hofer den Rest

Alexander Van der Bellen hat das urbane Publikum, Norbert Hofer alle anderen. So oder so ähnlich könnte man das Wahlverhalten nach geografischen Gesichtspunkten zusammenfassen. Denn der ehemalige Grünen-Chef gewann am 24. April zwar in Wien, Graz, Linz, Innsbruck und Bregenz, aber nur in zwei Landbezirken, nämlich in Feldkirch und Mödling. Der Rest ging an seinen freiheitlichen Kontrahenten, was dann doch ein deutliches Gesamtergebnis von 35 zu 21 Prozent ergab.

Ein Problem hat Van der Bellen auch in den bevölkerungsreichen Bezirken Wiens, in denen Zuwanderung nicht erst seit den großen Flüchtlingsbewegungen ein Thema ist. In Favoriten, Simmering, Floridsdorf, in der Donaustadt und in Liesing war Hofer klar vorn, weshalb ihm Wien-weit am Ende nur rund fünf Prozent auf Van der Bellen fehlten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2016)

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