Lernen wir von der Schweiz

Österreich hat sich gegen ein Vaterland der Autochthonen entschieden. Doch die FPÖ meint es ernst mit ihren totalitären Ideen.

Marlene Streeruwitz
Marlene Streeruwitz
Marlene Streeruwitz – Clemens Fabry

Bei der Wahl zum Bundespräsidenten wurde eigentlich über die Demokratie abgestimmt. Es wurde darüber abgestimmt, ob Österreich beim vertragstheoretischen Modell der Demokratie bleibt oder ein Vaterland der Autochthonen wird.

Denn. Die Freiheitliche Partei meint es ernst. Schon im Namen ist nicht das Wort Freiheit angeführt. Freiheitlich. Das ist dann nur mehr eine Ableitung. Das muss so sein. Die Freiheitliche Partei hat sich das Opfersein zum Programm gemacht, und Opfer sind nicht frei. Damit konnte die FPÖ ein Identifikationsangebot für alle anbieten, die sich persönlich als Opfer fühlen. Und. Der Opfermythos Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg kann hier offen staatstragend verständnisvoll angewendet werden. Österreicher waren immer Opfer, heißt das. Die anderen haben Österreich zum Opfer gemacht. Das politische Establishment hat die Österreicher nicht verteidigt. Jetzt kommt der Retter. Erlöserfantasien. Dass die Einweisung Österreichs in die neoliberale Globalisierung von der FPÖ gemeinsam mit der ÖVP 2000 begonnen wurde, das interessiert die nun die Folgen dieser Maßnahmen spürenden Männer nicht.

Reaktionäres Familienbild

Im Grund wurde an diesem Wahltag über die Haltung zur Französischen Revolution abgestimmt, und die Reaktion hat sich offen gezeigt. Das hat wohl auch mit dem endgültigen Ende der Nachkriegszeit zu tun, dass niemand sich mehr geniert, rassistische Vorschläge offen zu unterstützen. Die FPÖ will ja über die Dokumentation der Herkunft und der Muttersprache eine Kaste der Eingeborenen schaffen, die am Sozialsystem beteiligt werden. Ausländer. Gastarbeiter. Die sollen eine getrennte Sozialversicherung bekommen, aus der sie nur bekommen können, was sie eingezahlt haben. Die Ausländerin soll kein Kindergeld für ihre Kinder bekommen. Damit verliert sie aber auch Pensionsansprüche. Im Kosmos der FPÖ arbeiten Frauen aber ohnehin nicht, sondern sind mit dem Kind verschmolzen. Frausein heißt Kindhaben. Der Mann wird wieder zum Hausvater des bürgerlichen Gesetzbuchs von 1811.

In einem TV-Bericht sagte ein älterer Mann, wenn Hofer zum Bundespräsidenten gewählt werde, der würde alles richten. Von den Arbeitsplätzen bis zum Geld.

„Alles richten.“ Es geht um Ordnung. Das Leben wird nicht als Prozess steter Veränderung ausgehalten. Und. Der Rassismus, der im Konzept der Autochthonie enthalten ist. Dieser soll an den Staat delegiert werden. Damit wird der Rechtsstaat aufgehoben und die totalitäre Machtausübung vorbereitet.

Die Bruchlinie verläuft wieder zwischen Stadt und Land. Zum Jahr 1929 ist nun noch der Bruch zwischen Männern und Frauen dazugekommen. Es geht also Männer am Land gegen Frauen in der Stadt. Ein Ausweg wäre natürlich, die „Freie Republik Wien“ zu gründen. Warum nicht wieder Stadtstaaten, in denen die Frauen ihre Leben frei gestalten können und nicht die reaktionäre heteronormative Familie der FPÖ leben müssen.

In allem und vor allem im Geschlecht. Es geht um die Ordnung des Totalitären. Die „anderen“ werden in Zurichtung genommen, damit den „einen“ der Genuss des Staatssadismus zur Abgeltung der Komplizenschaft geboten werden kann. Besser wird es dadurch nicht. Die Schweizer und Schweizerinnen haben es schon gelernt und wollen nicht mehr so viel ausschließen. Der Ausschluss der Migranten hat zu wirtschaftlichen Nachteilen geführt.

(Print-Ausgabe, 24.05.2016)

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