Der Kampf um die Konservativen

In einem Monat ist Präsidentenwahl. Mit leichtem Vorteil für Van der Bellen. Auch wenn seine Kampagne nicht so recht verfängt. In der ÖVP-Klientel bleiben viele Hofer-affin.

Ein Jahr Präsidentenwahlkampf geht zu Ende. Im Jänner sind die Kandidaten präsentiert worden, am 4. Dezember sollte nun eine Entscheidung fallen.
Ein Jahr Präsidentenwahlkampf geht zu Ende. Im Jänner sind die Kandidaten präsentiert worden, am 4. Dezember sollte nun eine Entscheidung fallen.
Ein Jahr Präsidentenwahlkampf geht zu Ende. Im Jänner sind die Kandidaten präsentiert worden, am 4. Dezember sollte nun eine Entscheidung fallen. – (c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)

Alexander Van der Bellen beim Erntedankfest der Jungbauern im Wiener Augarten. Alexander Van der Bellen bei der 10.-Oktober-Feier in Klagenfurt. Alexander Van der Bellen bei der Bundesheerparade auf dem Heldenplatz. Alexander Van der Bellen auf Wallfahrt ins niederösterreichische Maria Taferl. Lauter Veranstaltungen, bei denen man Alexander Van der Bellen, den urbanen Professor aus der 68er-Generation, bisher eher nicht vermutet hätte.

Doch der Präsidentschaftskandidat muss Wähler der Mitte gewinnen, dafür geht er gewissermaßen über seine Grenzen hinaus. Und es wirkt zumindest so, als würde ihm das sogar Spaß machen. Allerdings scheint dieses Werben um Wähler der Mitte, insbesondere die angepeilte ÖVP-Klientel auf dem Land, nicht so wirklich zu verfangen. „Bei den Jungen vielleicht. Aber sonst kommt Van der Bellen bei unseren Wählern auf dem Land nach wie vor nicht wirklich gut an. Da ist alles ziemlich blau“, sagt ein ÖVP-Funktionär.

 

MKVer für Norbert Hofer

Speziell im konservativeren Segment der ÖVP kommt Norbert Hofer besser an. Heute Abend lädt ein „Überparteiliches Personenkomitee für Norbert Hofer“ zu einem Abend mit dem FPÖ-Kandidaten ins Schloss Wilhelminenberg. Dieses Personenkomitee besteht zu einem großen Teil aus Mitgliedern des Mittelschulkartellverbands (MKV). Es moderiert laut Einladung: Norbert Baron van Handel. Der Prokurator des St.-Georgs-Ordens war schon bisher Hofers Wegbereiter in konservative und adelige Kreise.

Heinz-Christian Strache bemüht sich derweil, so die serbische Zeitung „Danas“, die serbischstämmigen Wähler in Österreich von Norbert Hofer zu überzeugen. Gegenüber der Zeitung kündigte der FPÖ-Chef einen Besuch Hofers am 8. November in Belgrad an. Dabei soll es auch zu einem Treffen mit Präsident Tomislav Nikolić kommen.

Es ist sozusagen ein Kampf um die konservativen, traditionelleren Wähler, der hier stattfindet. Alexander Van der Bellen, der links der Mitte alles abräumt, braucht zumindest auch einen gewissen Anteil von diesen, um eine Mehrheit zu erreichen.

Norbert Hofer wiederum wird ebenfalls Mittewähler brauchen, um 50 Prozent plus eine Stimme zu schaffen. Und hier stellt sich die Frage, ob die jüngsten Aktionen der FPÖ-Führung – Straches Warnung vor einem „Bürgerkrieg“, das Posten der Kernstock-Hymne am Nationalfeiertag, Herbert Kickls Auftritt beim Kongress der „Verteidiger Europas“ in Linz – diesem Ziel zuträglich waren. Der Bürgerkriegssager könnte zwar einen Nerv der FPÖ-Sympathisanten getroffen haben, mit der Kernstock-Hymne werden aber auch diese wenig bis gar nichts anzufangen wissen. So manch bürgerlichen Wähler könnte dies jedoch verschreckt haben.

Die einzig logische Erklärung dafür ist, dass die FPÖ mobilisieren muss. Und das funktioniert nach altbewährtem Muster: Eine Provokation setzen, die Gegner heulen auf, die FPÖ kommt medial breitflächig vor und kann gegebenenfalls auch noch einen Solidarisierungseffekt unter ihren Anhängern und darüber hinaus lukrieren.

Und ein Mobilisierungsproblem dürfte die FPÖ haben: Während Van der Bellens Wahlhelfer geschlossen und hoch motiviert – angesichts des Schreckgespensts eines freiheitlichen Staatsoberhaupts – für ihn laufen, muss die FPÖ nun schon zum dritten Mal hintereinander ihr Reservoir ausschöpfen. Relativ eindrucksvoll gelang dies im ersten Wahlgang, als Norbert Hofer deutlich auf dem ersten Platz lag. In der ersten Stichwahl reichte es hingegen knapp nicht mehr für den ersten Platz.

 

Norbert Hofers Imagewandel

Und nun? Norbert Hofer ist auch nicht mehr der frische, unverbrauchte Überraschungskandidat, der er bei seiner Präsentation im Jänner war. Er hat sein Potenzial ausgeschöpft. Die Angriffe, insbesondere im Stichwahlkampf, haben Narben hinterlassen. Den Satz „Sie werden sich noch wundern, was alles geht“ wird er nicht mehr los. Der zuvor – als Dritter Nationalratspräsident – weitgehend als umgänglich und moderat Wahrgenommene wirkte für viele auf einmal bedrohlich. Die Van-der-Bellen-Kampagnen-Verantwortlichen haben diese Drohkulisse – Stichwort „Blaue Republik“ – auch geschickt mit aufgebaut. Und sie hält noch.

Und noch etwas spricht für Van der Bellen: Er war schon einmal – für kurze Zeit – Bundespräsident. Im Bewusstsein der Wähler jedenfalls. Er hat also einen minimalen Amtsbonus: Man konnte ihn sich schon einmal in der Rolle des Staatsoberhaupts vorstellen. Möglicherweise ein kleiner psychologischer Vorteil für den 4. Dezember.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2016)

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