Der FPÖ-Wähler, das bekannte Wesen

Staunend fragen sich nun viele: Wer ist der Trump-Wähler? Woher kommt er? Und wieso macht er das? Fragen, die in Bezug auf die Freiheitliche Partei auch immer wieder gestellt werden. Eine Antwort aus aktuellem Anlass.

BP-WAHL: WAHLKAMPFAUFTAKT HOFER
BP-WAHL: WAHLKAMPFAUFTAKT HOFER
Norbert Hofer – APA/WERNER KERSCHBAUMMAYR

Die Erstanalyse in den frühen Morgenstunden nach geschlagener US-Wahl lautete: Menschen wie jene perspektivenlosen weißen Männer der Arbeiterklasse aus dem Rust Belt hätten den Ausschlag für Donald Trump gegeben. Später stellte sich dann heraus, dass Donald Trump bei den Wählern ab einer bestimmten Einkommensklasse aufwärts durchgehend eine klare Mehrheit hatte – also bei der Mittel- und der Oberschicht. Und auch die weißen Frauen wählten letztlich mehrheitlich Donald Trump.

Soll heißen: So einfach ist das mit den Zuordnungen nicht. Und dennoch: Die größte Faszination für die Medien übt eben jener Typus aus, an dem sie bisher lieber nicht anstreifen wollten – der Trump-wählende kleine Mann aus den darniederliegenden Industriezonen und den ruralen Gebieten. Heerscharen von Journalisten werden nun wohl losziehen, um dieses unbekannte Wesen zu ergründen.

Solch eine Reise an den Stadtrand von Wien oder in die Bundesländer könnte auch für österreichische Medienmenschen aufschlussreich sein. Vor allem für jene, die nicht verstehen konnten, wie es Norbert Hofer in die Stichwahl schaffen – und diese fast gewinnen – konnte. Und die seit Jahren vorrangig das politikwissenschaftliche Diktum von den „Modernisierungsverlierern“ im Kopf haben.

 

Rust Belt Mur-Mürz-Furche

Aber auch hier gilt: So einfach ist die Sache nicht. Freilich: Die FPÖ ist zur neuen Arbeiterpartei aufgestiegen, das zeigen sowohl die Wahlen im österreichischen Rust Belt in der Obersteiermark als auch jene in den Wiener Außenbezirken. Beide einstmals stolze Bastionen der Sozialdemokratie.

Aber die FPÖ ist heute genauso eine Partei der Mittelschicht, teilweise auch der Oberschicht. Gerade in den Bundesländern sind nicht wenige Unternehmer und Industrielle freiheitlich – wobei die Grenzen zur ÖVP mitunter fließend sind. In Oberösterreich waren es freiheitliche und FPÖ-affine ÖVP-Unternehmer, die eine schwarz-blaue Landesregierung mit durchsetzten. Bei der Landtagswahl 2015 gewann die FPÖ 84.000 Stimmen von der ÖVP – der größte Wählerstrom dieser Wahl. Auch viele Abgänger der Montan-Uni in Leoben, bestens ausgebildet und gut verdienend, gehören zur blauen Elite dieses Landes. Ebenso wie Burschenschafter anderswo.

Wieso wählen diese Menschen nun also die FPÖ? Am Anfang war es sehr stark das Proporzthema, die Aufteilung des Landes in eine rot-schwarze Einflusssphäre, der Kampf gegen den Kammerstaat. Unter Jörg Haider kam dann das Ausländerthema hinzu. Und dieses ist auch heute noch das bestimmende. Im Wesentlichen hat die Strache-FPÖ nur zwei Themen: die Zuwanderung und die EU-Kritik, die im Kern auch eine Elitenkritik ist. Also ähnlich wie in den USA. Zudem stehen auch die FPÖ-Wähler den politischen Ansprüchen aus dem urban-intellektuellen Milieu – Political Correctness, Refugees welcome, Gender Mainstreaming – verständnislos gegenüber.

Kärnten ist jenes Biotop, in dem sich die Heterogenität des freiheitlichen Elektorats am anschaulichsten studieren lässt: Hier gab es bereits traditionell viele Freiberufler, Anwälte, Ärzte, Apotheker, Unternehmer und Bauern, die freiheitlich wählten. Unter Jörg Haider kamen dann auch die Arbeiter und Angestellten hinzu. Die FPÖ war hier in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und auch etliche von denen, die weiterhin SPÖ oder ÖVP wählten, waren – zumindest zeitweise – fasziniert von ihm.

Heute sehen viele seiner früheren Wähler die Haider-Ära kritisch. Aber: Bei der Bundespräsidentenstichwahl hatte FPÖ-Kandidat Norbert Hofer in Kärnten schon wieder eine satte Mehrheit von 58,1 Prozent. Auch Irmgard Griss kam hier übrigens sehr gut an: Sie erzielte in Kärnten mit 22,9 Prozent ihr bundesweit zweitbestes Ergebnis nach Vorarlberg (auch eine freiheitliche Hochburg seit jeher).

 

Die Hofer-Koalition

Wer sind nun die Hofer-Wähler bundesweit? In erster Linie sind es natürlich die Anhänger der Freiheitlichen Partei. Plus die konservativeren der ÖVP. Etliche der SPÖ, insbesondere in Wien, kommen zwar auch noch hinzu. Aber im Wesentlichen sind die ÖVP-Wähler die entscheidende Zielgruppe für eine Mehrheit. Weshalb ja auch Alexander Van der Bellen intensiv um diese wirbt und sich dafür sogar rustikal in Schale wirft.

In Zahlen verdeutlicht: Die ÖVP-Stimmen der Nationalratswahl 2013 haben sich in der Hofburg-Stichwahl annähernd gleich auf die beiden Kandidaten verteilt, so die Wählerstromanalyse von Sora. Von den SPÖ-Wählern von 2013 stimmten 753.000 für Van der Bellen, 347.000 für Hofer.

Nun kann man freilich sagen: Meinungsforschung. Kann man der – siehe USA – überhaupt noch trauen? Bei der Bundespräsidenten-Stichwahl lag Sora mit der Ergebnisprognose am Sonntababend jedenfalls ziemlich richtig.

 

Leben außerhalb der Blase

Mitunter hilft für eine Einschätzung aber auch ein Blick auf die eigene Lebensrealität: Es wird wahrscheinlich jeder, der ein Leben außerhalb der Wiener Blase hat, an seinem Bekannten- oder Verwandtenkreis bemerken, dass die Wählerschaft der FPÖ vielschichtiger ist als medial oft dargestellt.

Und apropos Blase: In Washington D. C. haben 93 Prozent Hillary Clinton gewählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2016)

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