Wien: Rückblick auf zwei Jahrzehnte

Kulturelle Blüte. Mit dem Klimtjahr 2012 wird der Fokus auf eine unwahrscheinlich produktive Epoche der österreichischen Bundeshauptstadt gelenkt. Von Erich Witzmann

Wien. Gustav Klimt, wer sonst. Allein in Wien werden 2012 alle namhaften Museen und Galerien ihre eigenen Klimt-Ausstellungen eröffnen, an neun Museumsstandorten sind zum 150.Geburtstag Sonderpräsentationen zu sehen (siehe Infokasten). Und Gustav Klimt (14.Juli 1862 bis 6.Februar 1918) wird als Wegbereiter der Moderne für Wien, für seine Künstlergeneration stehen.

Viele Synonyme zeigen deutlich den Stellenwert der Zeitenwende um 1900 in der damaligen Hauptstadt der Habsburgermonarchie: Wiener Moderne, Jugendstil, Zeit der Secession oder kurz Jahrhundertwende, aber auch „Traum und Wirklichkeit“, wie 1985 eine Ausstellung diese Epoche charakterisierte (Gesamtleitung: der seinerzeitige Direktor des Wien Museums, Robert Waissenberger; künstlerische Gestaltung: Hans Hollein).


Jung Wien im Griensteidl

Bauten, Interieur und Kunstgegenstände des Wiener Jugendstils sind auch noch hundert Jahre später prägend für diese Stadt. Im Café Griensteidl (1990 am selben Ort wiedereröffnet) trafen sich damals Autoren in der Gruppe Jung Wien, der neben Hermann Bahr, dem Kopf der Gemeinschaft, unter anderen Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus (in der ersten Phase), Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und Felix Salten angehörten.

Seinen Schwerpunkt auf die Wiener Moderne setzte das 1993 begründete Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften Wien (IFK), zumindest in den Anfangsjahren. „Bis zum Jahr 2000 gab es zahlreiche Tagungen und Projekte zur Literatur dieser Zeit“, sagt der stellvertretende IFK-Direktor, Lutz Musner, „dann aber verlagerte sich das Forschungsinteresse an dieser Wiener Epoche in den angloamerikanischen Bereich.“

So werde heute in den USA zu Felix Salten publiziert, und Peter Altenberg werde als Multimediakünstler, der Bilder mit Texten kombinierte, entdeckt. Musner: „Die kulturelle Blüte Wiens von 1890 bis 1934, also bis zur beginnenden Emigration, ist nach wie vor ein Thema der internationalen Forschung.“ In Wien liegt heute der Fokus des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften bei den Fragen der Evidenz und Authentizität sowie im Bereich Globalisierung/Lebenswelten. Auch da widme sich das IFK, so Lutz Musner, dem Globalisierungsschub im 19.Jahrhundert und der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg und damit mittelbar wieder dem Thema der Wiener Moderne.

Zurück zur Literatur: „Im Zentrum des gesellschaftlichen Anspruchs des literarischen Zirkels Jung Wien stand die Infragestellung des Selbst, vor allem des bürgerlichen Selbst“, sagt Ingrid Scholz-Strasser, Direktorin des Sigmund Freud Museums in der Berggasse19 in Wien. Die Vertreter der Wiener Moderne, so Scholz-Strasser, hätten sich als Eliten verstanden, die gegen den etablierten Kunst- und Kulturbetrieb opponierten und ihm neue Werte entgegensetzten.

Sigmund Freud, der in seinem Fach, der Psychoanalyse, revolutionär wirkte, nahm an den privaten Zirkeln nicht teil und verkehrte nicht in den führenden Salons dieser Zeit. Er war aber durch Bekannte genau informiert und verfolgte die neuen Ideen und Bewegungen seiner Epoche – ihn selbst zeichnete aber eine durchaus konservative Gesinnung aus. Die Schriftsteller des Jung Wien setzten sich wiederum ihrerseits intensiv mit Sigmund Freud auseinander. Ingrid Scholz-Strasser verweist auf Arthur Schnitzlers späte Traumnovelle oder Hugo von Hofmannsthal und seine Figur der Elektra, die auffallende Kongruenzen mit Anna O. – das Pseudonym für Freuds Patientin Bertha Pappenheim – aufweise.


Das letzte Stadium der Monarchie

Charakteristisch für die Wiener Moderne ist die Verzahnung und gegenseitige Befruchtung der Leitfiguren aus Architektur, bildender Kunst, Theater, Literatur, Philosophie und Musik bis hin zu den Wissenschaften. Der engere Zeitraum, 1890 bis 1910, markiert zudem das letzte Stadium der Habsburgermonarchie sowie den Status Wiens als eine der wichtigsten Metropolen Europas. Jung Wien, Wiener Secession und Wiener Werkstätte sind noch hundert Jahre nach dieser Epoche Markenzeichen, die automatisch auf eine herausragende Periode der österreichischen Bundeshauptstadt verweisen.

Sonderausstellungen

Belvedere (I). Gustav Klimt/Josef Hoffmann. Pioniere der Moderne, 25.Oktober 2011 – 4.März 2012.

Belvedere (II). 150 Jahre Klimt, 15.Juni 2012 – 6. Jänner 2013.

Kunsthistorisches Museum. Gustav Klimt im Kunsthistorischen Museum, 14. Februar – 6. Mai 2012.

Leopold Museum. Klimt persönlich, 24. Februar – 27. August 2012.

Albertina. Klimt – Zeichnungen, 14.März – 10. Juni 2012.

Österreichisches Museum für angewandte Kunst. Gustav Klimt: Erwartung und Erfüllung. Entwürfe zum Mosaikfries im Palais Stoclet, 21.März – 15. Juli 2012.

Wien Museum. Klimt: die Sammlung des Wien Museums, 16. Mai – 16.September 2012.

Österreichisches Theatermuseum. Gegen Klimt. Die „Nuda Veritas“ und ihr Verteidiger Hermann Bahr, 10. Mai – 29. Oktober 2012.

Künstlerhaus. Gustav Klimt und das Künstlerhaus, 6. Juli – 2. Sept. 2012.

Österreichisches Museum für Volkskunde. Objekte im Fokus: Die Textilmustersammlung Emilie Flöge, 25. Mai – 14. Oktober 2012.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2011)

Kommentar zu Artikel:

Wien: Rückblick auf zwei Jahrzehnte

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen