Der ORF, ein Wahlkampfthema

Heute findet das "Sommergespräch" mit Christian Kern statt. Die ÖVP kritisiert ein Naheverhältnis zwischen Kanzler und Moderator. Der ORF spricht von "bewusstem Anpatzen".

Eigentlich sollte Politik in den ORF-„Sommergesprächen“ Thema sein. Nun wurde die Sendung, die vor dem Parlament gedreht wird, selbst zum Politikum.
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Eigentlich sollte Politik in den ORF-„Sommergesprächen“ Thema sein. Nun wurde die Sendung, die vor dem Parlament gedreht wird, selbst zum Politikum.
Eigentlich sollte Politik in den ORF-„Sommergesprächen“ Thema sein. Nun wurde die Sendung, die vor dem Parlament gedreht wird, selbst zum Politikum. – (c) ORF (Hans Leitner)

Wien. Die „Sommergespräche“ des ORF sind für Parteichefs heikel. Eine Stunde lang müssen sie vor laufender Kamera Rede und Antwort stehen. Die Möglichkeit, sich zu profilieren, besteht. Noch viel größer ist aber die Gefahr, mit einer falschen Aussage einige Sympathisanten zu verschrecken.

Das ist ganz grundsätzlich so, gilt aber für Wahlkampfzeiten ganz besonders. Dementsprechend angespannt sind die Parteien vor dem Termin mit ihren Spitzenkandidaten. Das war schon vergangenen Montag so – bei ÖVP-Chef Sebastian Kurz. Und ist es auch heute, Montag, bei Bundeskanzler Christian Kern. Mit einer Ausnahme: Denn dieses Mal ist nicht nur die Politik der Inhalt des Interviews. Sondern das „Sommergespräch“ wird auch zum Politikum.

Was ist geschehen? Die Volkspartei wirft Moderator Tarek Leitner mehr oder weniger indirekt ein Naheverhältnis zum SPÖ-Chef vor. Efgani Dönmez, der von den Grünen ausgetreten ist und nun auf Platz fünf auf der ÖVP-Liste kandidiert, hat am Samstag einen (länger bekannten) gemeinsamen Ibiza-Urlaub von Leitner und Kern 2015 aufgebracht. Laut ORF-Moderator waren damals mehrere Familien gemeinsam in den Ferien, da seine Tochter mit jener Kerns, damals noch ÖBB-Chef, befreundet war. Die beiden besuchten dieselbe Volksschule.

SPÖ bestreitet zweiten Urlaub

Am Sonntag ging Dönmez im „Kurier“ weiter und sprach von einem zweiten gemeinsamen Urlaub in Marokko, und zwar im Jahr 2016 – also als Kern bereits Bundeskanzler war. Der ÖVP-Kandidat forderte daher, dass ein anderer Moderator das Gespräch führen solle. Allerdings: Sowohl Leitner als auch Kern bestritten am Wochenende den Vorwurf vehement.

Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler (SPÖ) sprach von einer „Sudelkampagne“: Der Vorwurf sei falsch, „Kern war nämlich in seinem ganzen Leben noch nie in Marokko.“ Der ORF-Redakteursrat forderte Dönmez in einer schriftlichen Stellungnahme dazu auf, „die Verbreitung von Unwahrheiten zu unterlassen“. Es hätte nur ein Urlaub auf Ibiza stattgefunden. Zwar hat es laut Informationen der "Presse" auch eine gemeinsame Familienreise nach Marokko gegeben, tatsächlich hat Kern daran aber nicht teilgenommen.

Das Gremium erkenne „ein bewusstes und absichtliches Anpatzen mit dem Zweck, einen ORF-Journalisten vor einem wichtigen Interview einzuschüchtern“. Dönmez schädige damit bewusst die journalistische Glaubwürdigkeit des Mitarbeiters. „Leitner beweist seit vielen Jahren, dass er parteipolitisch unabhängig und objektiv ist“, heißt es weiter. Es gebe keinen Grund, an seiner journalistischen Integrität zu zweifeln.

Und was sagt Dönmez selbst dazu? Am Sonntag: nichts. Er war für die „Presse“ nicht erreichbar. In der ÖVP selbst will man auf den angeblichen Marokko-Urlaub nicht weiter eingehen, Beweise dafür wollte man auch nicht vorlegen. Das sei auch nicht die primäre Frage, das Thema sei eigentlich, ob Leitner tatsächlich die „Sommergespräche“ moderieren sollte.

Kern trifft Kurz

Die ÖVP, zumindest zum Teil davon, war schon in der vergangenen Woche unzufrieden mit der Interviewführung Leitners. Parteichef Kurz hatte im TV-Gespräch immer wieder danach verlangt, ausführlicher auf Fragen einzugehen. Leitner selbst hingegen bat den Spitzenkandidaten immer wieder, auf seine Fragestellungen einzugehen. Am Ende waren sichtlich beide nicht mit dem Verlauf des Gesprächs zufrieden. Heute, Montag, ist also der SPÖ-Chef an der Reihe. Kern und Kurz treffen im TV-Duell übrigens im Oktober aufeinander. (ib/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2017)

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