Der linke Schwarze mit den zwei Gesichtern

Wilhelm Molterer – einst Revoluzzer, später Machiavellist.

(c) APA (Robert Jäger)

Wilhelm Molterer ist dieser Tage demonstrativ gut gelaunt, ungewohnt lässig kommt er daher, auf dem Land spricht er in breitem Dialekt, in Interviews mit Lifestyle-Magazinen gibt er den Kunstsinnigen. Wilhelm Molterer stellt derzeit die vielschichtige Persönlichkeit Wilhelm Molterer zur Schau – vielleicht eine Spur zu aufgesetzt.

Dabei gab es den lockeren, umgänglichen Wilhelm Molterer tatsächlich schon einmal. Als Landwirtschaftsminister galt der fröhliche Oberösterreicher als fortschrittlicher, weltoffener „linker Schwarzer“, der dem Bauernstand ein neues, moderneres Image zu verpassen versuchte. Eine Rolle, die heute Josef Pröll spielt.

Doch dann, als Klubchef in der schwarz-blau/orangen Koalition, bekam Molterer harte Züge. Er entwickelte sich zu Wolfgang Schüssels Mann fürs Grobe. Es war die Zeit, als am Küniglberg tagsüber oft das „Moltofon“ (© Alfred Dorfer) läutete. Molterer war zum Machtpolitiker geworden, zum „Pater Willi“. Ein grauer Machiavellist, der nur noch schwarz-weiß dachte: da der Gegner, dort wir.

Molterer wurde für seine Dienste belohnt, Wolfgang Schüssel designierte ihn 2006 zum Erben am schwarzen Hof. Plötzlich war Molterer wieder umgänglich wie zuvor. Bei der Regierungsbildung 2007 entschied er sich für das Finanzministerium, um sich als verantwortungsbewusster Verwalter des Geldes der Steuerzahler zu positionieren. Und nebenbei vom Umstand zu profitieren, dass Schatzmeister in Österreich seit jeher außerordentlich beliebt sind. In Zeiten der Teuerung funktionierte das aber nicht mehr wie gewohnt. Molterer stand in der Medienöffentlichkeit auf einmal als hartherziger Dagobert Duck da.

 

Abkehr vom Schüssel-Erbe

Hinter den ÖVP-Kulissen jedoch versuchte Molterer von der rigiden Schüssel'schen Nulldefizitdoktrin abzugehen, die ÖVP mit der Perspektivengruppe zu öffnen, die Partei wieder ein wenig christlich-sozialer auszurichten. „Ich will nicht erleben, wenn ich am Samstagvormittag über den Meidlinger Markt gehe, dass dort Pensionisten das Obst aus der Mülltonne klauben“, warb Molterer unlängst in einer internen Strategiesitzung um Verständnis für seinen Kurs und appellierte an das soziale Gewissen seiner Kollegen.

Wilhelm Molterer – Markenzeichen: Fünftagesbart, über die Schultern geworfenes Sakko – ist auch im Umgang mit seinen Mitarbeitern lockerer als Vorgänger Wolfgang Schüssel. Mit seinem Kabinett war er binnen kürzester Zeit per du, Schüssel war mit seinen engsten Mitarbeitern noch nach Jahren per Sie. „Molterer ist ein Mensch, der wirklich in seiner Mitte ruht“, sagt ein ÖVP-Grande. Nachsatz: „Von Schüssel konnte man das nie behaupten.“

Das christlich-soziale Milieu auf dem Land hat den Sierninger Bauernsohn Willi Molterer, geboren als Wilhelm Kletzmayr, geprägt. Im Alter von 14 Jahren wurde er von seinem Onkel adoptiert, der keinen Hoferben hatte. Molterer, mit 18 Landesmeister im Leistungspflügen, blieb jedoch nicht auf dem elterlichen Gut, sondern ging zum Studium der Sozialwirtschaft nach Linz. Und kam dort an der Uni mit linken Strömungen in Berührung, die den schwarzen Bauernbuben, sein Adoptivvater war Nationalratsmandatar der ÖVP, faszinierten. Molterer engagierte sich zwar bei der bürgerlichen Studenten-Union ÖSU – er war sogar Linzer ÖH-Vorsitzender –, wurde jedoch wegen Linksabweichlertums aus der Fraktion ausgeschlossen: Er hatte die Gesamtschule propagiert, wollte das Bundesheer abschaffen und hatte öffentlich Zweifel an dem auf Privateigentum aufgebauten Wirtschaftssystem geäußert. Molterers jüngerer Bruder war zur selben Zeit Chef der Sozialistischen Studenten in Wien.

Die echte politische Karriere Wilhelm Molterers begann dann im Bauernbund, von 1989 bis 1993 war er dessen Direktor. Der ehemalige Mitarbeiter von Landwirtschaftsminister Josef Riegler und Büroleiter von dessen Nachfolger Franz Fischler darf sich Miterfinder der Ökosozialen Marktwirtschaft nennen.

Seinen Hof in Sierning, das Enzelsdorfer Gut, hat Wilhelm Molterer übrigens verpachtet. Er könnte sich also ganz auf das Kanzleramt konzentrieren.

ZUR PERSON

Wilhelm Molterer wurde am 14. Mai 1955 in Steyr geboren. Er studierte Sozialwirtschaft in Linz. Er begann als wirtschaftspolitischer Referent im Bauernbund, danach war er Sekretär des OÖ-Landesrats Hofinger. Er wechselte ins Büro von Landwirtschaftsminister Josef Riegler, jenes von Franz Fischler leitete er. Nach einem vierjährigen Intermezzo als Direktor des Bauernbundes wurde Molterer 1993 Generalsekretär der ÖVP, 1994 Landwirtschaftsminister. 2003 wurde er Klubobmann, 2007 Parteichef. Molterer ist verheiratet und hat zwei Söhne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2008)