"Postfaktisch": Warum das Hirn von Fakten kaum beeindruckt ist

"Die Macht des Postfaktischen" wurde im US-Wahlkampf zum populären Schlagwort. Claus Lamm, Leiter der Neuroscience Unit der Uni Wien, erklärt, warum Fakten ihre Wirkung oft verfehlen.

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Likes auf Facebook sind kein Wahrheitsindikator.
Likes auf Facebook sind kein Wahrheitsindikator. – APA/AFP/KIMIHIRO HOSHINO

Kennt die Wissenschaft den jetzt so populären Begriff „postfaktisch“ überhaupt - nämlich als Synonym dafür, dass sich Gerüchte durch Fakten nicht widerlegen lassen? 

Claus Lamm: In der psychologischen Literatur bedeutet „postfaktisch“ etwas anderes. Da geht es um „Was wäre wenn“: z. B. ich überfahre unter Alkoholeinfluss jemanden und frage mich, wie mein Leben wäre, wenn das nicht passiert wäre.

Wissenschaftlich wurde die fehlende Wirkung von Fakten jedenfalls untersucht: Man präsentierte beispielsweise Menschen, die zum Klimawandel eine bestimmte Meinung haben, Fakten, die ihre Meinung widerlegen. Es zeigte sich: Die Probanden blieben unbeeindruckt. Registriert wurden bloß Fakten, die die eigene Meinung bestätigten und sodann verstärkten. Warum reagieren wir Menschen so?

Unsere Überzeugungen setzen sich meist aus mehreren Faktoren zusammen. Das heißt: Eine einzige Gegeninformation reicht oft nicht aus, um eine Meinung zu ändern  - außer die Information wird immer wieder wiederholt, und zwar von unterschiedlichen, am besten besonders glaubwürdigen Quellen. Bis diese Schwelle aber erreicht ist, gibt es eine Art Schutzmechanismus, der uns erlaubt, an unseren Überzeugungen festzuhalten.

Ist unser Gehirn quasi faul? Einstellungen zu ändern ist ja anstrengend.

Teilweise ja, das beschreibt man dann mit Reaktanz d.h. ich reagiere mit Widerwillen auf Dinge, die dem widersprechen, was ich glaube oder glauben will. Das hängt mit dem evolutionär sehr alten Muster des Schwarz-Weiß-Denkens zusammen.

Sind wir auf Grautöne nicht ausgelegt?

Es gibt beides. Erstens dieses alte Muster, Dinge zu vereinfachen. Das ist ja auch sehr effizient. Es gibt hier nur zwei Zustände: Annäherung oder Rückzug. Dieses Muster funktioniert meist über Emotionen. Die andere, jüngere Funktion erlaubt uns das rationale Bewerten. Hier sind Grautöne möglich, Grautöne und Emotionen passen hingegen meist nicht zusammen. In einer Medienlandschaft, die immer schneller wird und in der nicht mehr klar ist, wer die Autoritäten sind, kann man schnell in eine Situation kommen, wo man überfordert ist und nur mehr auf Grund seiner „good feelings“ entscheidet, also: Schwarz-oder-Weiß.

Ist es eine Schwäche der nüchternen Fakten-Checks, dass sie gegen Emotionen nicht ankommen?

Ich würde eher meinen, dass jene Personen, die Fakten-Checks konsumieren, ohnehin mehr rationalisieren. Die lassen sich dann von Fakten durchaus überzeugen, weil sie in ihrer Ausbildung darauf trainiert wurden. Wer dagegen nur die U-Bahn-Zeitung liest, ist vermutlich ohnehin im Schwarz-Weiß-Bewertungsmodus. Da bringt ein gelegentlicher Fakten-Check wenig

Den Hang zum „Postfaktischen“ gab es immer schon, aber viele haben den Eindruck,  er hätte sich zuletzt akut verstärkt. Teilen Sie diese Ansicht? 

Die Social Media haben den öffentlichen Diskurs sicher stark verändert. Dort dreht sich alles um Emotionen: Bilder, Stimmungen, Likes/Dislikes, also einfache Kategorien. Facebook ist ja kein Informations-, sondern ein Unterhaltungsmedium, auch wenn das anders wahrgenommen wird. Diese Social-Media-Landschaft trifft nun auf ein in Mitteleuropa präsentes Gefühl der Bedrohung, der Angst, dass man uns etwas wegnimmt, dass der Status quo nicht aufrechterhalten werden kann. In so einer Situation wird vielleicht vereinfachende Information gesucht - und gefunden. Wobei es einem nichts macht, wenn durch die Informationen das Gefühl der Bedrohung verstärkt wird. Hauptsache, die Unsicherheit wird reduziert. Insofern kann es für einen, der glaubt, dass alle Flüchtlinge Vergewaltiger sind, entlastend wirken, wenn diese Meinung bestätigt wird. Freilich gerät man da in einen Teufelskreis, die negative Weltsicht wird immer mehr verstärkt. Aber das bewältigen die Menschen scheinbar eher als große Komplexität und Verwirrung.

Warum halten wir Zweifel und Unsicherheit so schlecht aus?

Unsicherheit macht uns unruhig. Sie führt dazu, dass wir dauernd Zusatzinformationen suchen, um die Unsicherheit zu reduzieren. Unsicherheit aktiviert Körper und Geist. Manche finden das auf- und anregend, viele aber unangenehm. Sie werden daher Unsicherheit vermeiden. Sie werden sich bei 70- zu-30-Prozent-Aussagen auf die 30 Prozent stürzen, die ihre Ansicht stützen. Oder sie werden gewisse Medien meiden und sich stattdessen in Online-Foren bewegen.

Was ist nun die Lösung; wie dringt man mit Fakten durch? Durch stete Wiederholung, mit glaubwürdigen Quellen? 

Glaubwürdigkeit ist ein großes Thema. Ist die einmal verloren, wird es schwierig. Wahrscheinlich braucht es aber auch mehr Zeit zur Reflexion. Sowohl bei jenen, die die Fakten checken, als auch bei den Konsumenten. Fünf Minuten aufs Smartphone zu schauen wird nicht reichen. 

Claus Lamm
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Claus Lamm
Claus Lamm – (c) Martin Zimmermann

Zur Person

Claus Lamm ist Professor für Biologische Psychologie und Leiter der Social, Cognitive and Affective Neuroscience Unit an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Er forscht vor allem zu Empathie.

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