Vor 20 Jahren: Apfalters Herz versagte rechtzeitig

Die Schlüsselfigur der „Noricum“-Affäre starb kurz vor dem Prozessbeginn.

Am Dienstag, dem 25.August1987, macht der 62-jährige Heribert Apfalter den ganzen Tag über bei seinem Zweithaus in Weistrach (NÖ) Holz. Er schneidet massenhaft Meterprügel mit der Kreissäge zu handgerechten Stücken. Seine Nachbarin, die 18-jährige Claudia Krifter, hilft ihm. Sie befördert das Holz mit dem Traktor in Apfalters Schuppen. Nachmittags unterbrechen sie die Arbeit, es nieselt. Man verabschiedet sich, am nächsten Morgen wollen sie weitermachen.

Heribert Apfalter hat sonst keine Betätigungsmöglichkeit mehr. Der bullige Mann mit den buschigen Augenbrauen geht seit Monaten mit vollen Bezügen spazieren. Und die sind wahrlich nicht gering: Es handelt sich immerhin um den vom Dienst suspendierten Generaldirektor der Voest-Alpine. Im November 1985 war er mitsamt seinen Vorstandskollegen abgesetzt worden. Ursache war eine gigantische Fehlspekulation einer Voest-Tochterfirma namens „Intertrading“, die Gernot Preschern zu verantworten hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.


Wollte er „auspacken“?

Erst ab dem Jahr 1988 hätte Apfalter Anspruch auf die Voest-Firmenpension. Er weiß sehr viel. Zum Beispiel über den Kanonendeal seiner Tochterfirma „Noricum“ mit dem Iran und dem Irak. Abgesegnet von der obersten politischen Spitze in Wien – allesamt verlässliche Genossen. Solange die ihn in Ruhe lassen, meint er im Sommer 1987 beim Heurigen, „gebe ich auch eine Ruh', aber wenn s' mich sekkieren, dann pack' ich aus“. Dann müsste wohl die ganze Regierung in Wien zurücktreten, lässt er durchblicken.

Nahe dran sind die Justizbehörden schon. Am 21.August hat Apfalter erstmals vor dem Linzer Untersuchungsrichter aussagen müssen. Danach seien anonyme Drohanrufe erfolgt. „Man hat mir geraten, ins Ausland zu verschwinden“, vertraut er am 24.August dem „Krone“-Reporter Richard Schmitt an.

Apfalter fürchtet – nicht ganz zu Unrecht – um sein Leben. Seit den Achtzigerjahren hatte das Liezener Zweigwerk der Voest Noricum-Kanonen gebaut, ein Lizenzprodukt des genialen kanadischen Waffenerzeugers Bull. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil die Auftragslage für Bleche und Sensen verheerend war. Die 45Kilometer weit tragende Waffe GHN-45 war natürlich staatsvertragswidrig. Das Bundesheer wollte sie sowieso nicht. Daher musste sie exportiert werden – über die Scheinadresse Jordanien an den Irak Saddam Husseins. Und später auch – über Libyen – an den Iran.


Amry war zu hellhörig

Bis 1986 produzierten 1600 Arbeiter in Liezen. Alle waren zufrieden. Nicht zuletzt die Bundesregierung in Wien. Dann starb plötzlich der österreichische Botschafter in Athen, Herbert Amry, ein enger Vertrauter des inzwischen pensionierten Bruno Kreisky: Herzversagen. Der Diplomat hatte Wind von dem Waffendeal bekommen und das Wiener Außenamt gewarnt.

Die Justiz trat in Aktion und bereitete die Anklage gegen 16 verantwortliche „Noricum“- und Voest-Manager vor. Mit Apfalter. Vorerst als Zeugen...


Geheimnisvolles Verschwinden

An diesem ominösen 25.August1987 bemerkt die Nachbarin Claudia Kriftner zufällig, dass Apfalter etwa gegen 20.15Uhr mit seinem weißen Geländewagen Puch-G sein Anwesen verlässt. Und um 22.15Uhr beobachtet ein anderer Nachbar, wie Apfalter wieder heimkehrt, das Auto abstellt und in seinem Haus verschwindet.

Am Morgen des 26.August wird Hermine Apfalter, die in Linz lebende Ehefrau des früheren Voest-Chefs, unruhig. Ihr Mann meldet sich doch sonst immer bei ihr. Nachbar Kriftner solle drüben Nachschau halten. Über eine Leiter gelangt Kriftner ins verschlossene Haus. Apfalter liegt reglos in seinem Bett, ganz entspannt. Er ist tot.

Zwei Gendarmen werden gerufen, wenig später rücken acht Mann der Mordkommission und der Gemeindearzt an. Die Ehefrau rast zum Zweitwohnsitz. Apfalter muss kurz vor Mitternacht gestorben sein. Die Obduktion in St.Peter in der Au ergibt einen Verschluss der linken Herzschlagader. Keine Hinweise auf Drogen. Die Leiche wird zur Bestattung freigegeben.

Freilich: Irgendetwas stört den Linzer Gerichtsmediziner Klaus Jarosch, der die Obduktion vorgenommen hat: Beim Herzinfarkt verkrampft sich der Körper des Sterbenden. Das war bei Apfalter nicht der Fall. Der war nach Aussagen aller Augenzeugen völlig entspannt.


Der große Unbekannte

Was ist in den zwei Stunden des 25.August passiert, als Apfalter sein Haus verließ? Er fuhr mit seinem Geländewagen – wie später rekonstruiert werden konnte – zur Autobahnraststätte Strengberg, Fahrtrichtung Salzburg. Um 20.30Uhr traf er dort einen Unbekannten, klein, dunkle Haare, Bart.

Möglich, dass ihm der Unbekannte von drohendem Unheil berichtete: Dass tags zuvor in Linz die Verhaftung Apfalters beschlossen worden sei, dass ihn die Wiener Genossen wie eine heiße Kartoffel fallen lassen werden und er aus Staatsräson für den illegalen Kanonenexport geradestehen müsse: Neutralitätsgefährdung, Verletzung des Waffenexportgesetzes...

„Ich glaube, dass Apfalter daraufhin eine zu hohe Dosis seines Herzmedikaments genommen hat, dass er also Selbstmord begangen hat“: Auch Franz Summer konnte nur spekulieren. Er leitete jahrelang die Presseabteilung des Voest-Konzerns. Der Filmschauspieler und grüne Abgeordnete Herbert Fux hingegen verfolgte noch Jahre danach die Mordtheorie. Er entdeckte im Jahr 1989 Seltsames: In der Wiener Gerichtsmedizin lagen immer noch tiefgekühlte Teile der Leber und der Niere Apfalters, die bei der ersten Obduktion entnommen worden waren. Also gab es doch Verdachtsmomente auf einen unnatürlichen Tod des Voest-Generals.


Selbstmord, Mord, Herzattacke?

Daraufhin wurde nochmals auf Digitalis untersucht, jenes Herzmedikament, das sich bei Geheimagenten besonderer Beliebtheit erfreut. Aber es wurden nur geringe Spuren gefunden. Für eine Ermordung zu wenig, urteilten die Mediziner.

Die Akten mit der Aufschrift „Apfalter“ wurden endgültig geschlossen, sehr zur Erleichterung vieler Akteure. Nur Herbert Fux verfolgte hartnäckig weiter seine Spur. Er habe ein Geheimnis entdeckt, vertraute er vor einem Jahr der „Presse“ an, doch das werde er erst kurz vor seinem Tod preisgeben. „Die Republik wird erzittern“, munkelte der einstige Filmbösewicht, der sich immer mehr von „seiner“ grünen Partei entfremdet hatte.

Dazu kam es leider nicht mehr. Am 13.März2007 ist Herbert Fux in Salzburg gestorben. Was er entdeckt haben wollte – wir sollten es nicht mehr erfahren.

 

Buchtipp

Kurt Tozzer, Günther Kallinger

Todesfalle Politik

Vom OPEC-Überfall bis zum Sekyra-Selbstmord

NÖ, Pressehaus, 1999

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2007)

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