Josef Krainer Sen.: Lärchener Stipfel in grüner Mark

Mit Bauernschläue und Volksverbundenheit regierte ein Holzknecht mehr als 24 Jahre lang die Steiermark. Kritik am Bund war sein Markenzeichen.

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Der Niederl soll Landeshauptmann werden. Er ist der Verläßlichste und Beste. Mit ihm kann man die Steiermark politisch halten. Vielen Dank meinen Freunden. Beim Leichenbegängnis keinen Prunk nur ein Gedenken.“

Diese Notiz, in Kurrent geschrieben, finden die Kinder des Josef Krainer in der Jagdjoppe des Vaters, als sie ihn am 28. November 1971 daheim aufbahren. Während seiner geliebten Jagd hat das Herz versagt. Das war bei Wildon. Seit dem Juli 1965, bevor er sich auf der Stolzalpe einer komplizierten Knieoperation unterziehen mußte, hatte der steirische Landeshauptmann dieses Testament in seiner Brieftasche mit sich getragen. Der erwähnte Friedrich Niederl wußte nichts davon. Der älteste Sohn Josef war der einzige, den der Vater ins Vertrauen gezogen hatte.

Am Tag vor seinem Tod hatte der 68-Jährige im Bildungshaus Haidegg eine harte Auseinandersetzung mit der Jungen ÖVP gehabt. Danach war er mit einem Nachbarn aus Gasselsdorf auf Fasanenjagd gegangen. Auf dem Platz, der ihm zugewiesen war, hob er gerade sein Gewehr, sagte zum Nachbarn noch: „Der ist mir zu weit“, ließ die Waffe fallen und stürzte leblos zu Boden. Es war nichts mehr zu machen.

Ein schöner Tod.


Gewerkschaftssekretär

23 Jahre hat Josef Krainer die Steiermark wiederaufgebaut, dann geführt. Ein Holzknecht, 1903 als uneheliches Kind einer Magd in Sankt Lorenzen in die Welt gestoßen. Ein geborener Redner, ein Christlichsozialer, der seine dürftige Bildung in kirchlichen Seminaren vertiefte, bald ein engagierter Vertreter der christlichen Land- und Forstarbeiter.

So wurde Josef Krainer langsam Berufspolitiker. Der Herr Gewerkschaftssekretär und Familienvater hatte freilich kein sicheres Monatseinkommen. Die Land- und Forstarbeiter waren selbst bettelarm, in der Gewerkschaftskasse klimperten wenig Schillinge. So musste Krainer zwangsläufig Ämter-Multi spielen, sogar Sekretär der christlichen Bauarbeitergewerkschaft ist er eine Zeitlang. Viel Arbeit, viel Verantwortung für recht wenig Geld. Die schlimmen Jahre der Zwischenkriegszeit verlangten ständig Hilfsaktionen für arbeitslos gewordene Landarbeiter. In der sozialen Hierarchie waren sie überhaupt die ärmsten Teufel.


Grazer Vizebürgermeister

Endlich konnte er sich 1930 in Graz niederlassen, wo ihn – in der Zeit der christlichen Ständestaates – Landeshauptmann Karl Maria Stepan zum Vizebürgermeister macht. Krainer zählte nun zum politische Establishment. Und so gehörte er am 12. März 1938 zu den Prominenten der ersten Stunde, die in Gestapo-„Schutzhaft“ genommen wurden. Stepan war dabei, ebenso Alfons Gorbach, der Landesleiter der Vaterländischen Front. Beide kamen ins KZ Dachau. Krainer blieb verschont. Denn Sigfried Uiberreither, der NS-Gauleiter und neue Landeshauptmann, war ein Untergebener Krainers in der Krankenkasse.

Krainer überlebte den Krieg als Teilhaber einer kleinen Ziegelei in Gasselsdorf, südwestlich von Graz, mehr schlecht als recht. Seine Stunde sollte am 8. Mai 1945 schlagen.

An diesem Tag – die Wehrmacht kapituliert bedingungslos – wird in Graz schon die neue Landesregierung gebildet. Mit Josef Krainer als provisorischem Landesrat, der sich um das Undankbarste kümmern muss, um die Ernährung.

Und um die Partei. Denn schon am 25. November sollen bei den ersten freien Landtagswahlen die Gewichte zwischen SPÖ, ÖVP und Kommunisten ein- für allemal verteilt werden. Krainer ist nicht mehr zu bremsen. Die ganze Familie muss Plakate kleben und unsichere Nachbarn überzeugen. Der älteste Sohn Josef kann hier erstmals sein rednerisches Talent nützen, das er bei der HJ gelernt hatte. Zur Zufriedenheit des Papas.

Mit 53 Prozent der Stimmen und 26 Mandaten erreicht die ÖVP ein Traumergebnis. Die SPÖ kommt auf zwanzig Sitze, die KPÖ auf zwei. Josef Krainer ist Landesrat für Gemeinden, fürs Forst- und Veterinärwesen, für die Statistik und die Preisbehörde. Von den Amerikanern bekommt er einen alten Chevrolet geschenkt, der als rollendes Büro dienen muß. Der breite Wagen hat noch einen Vorteil. Man kann auf der hinteren Sitzbank herrlich schlafen.


Landesrat in Graz

In Gasselsdorf entsteht für die wachsende Familie ein neues Haus. Dort praktiziert der Landesrat jene menschennahe Politik vor der Haustür, die auch das Geheimrezept des Tiroler Eduard Wallnöfer war. Krainer ist Listenführer im Landtag für den Wahlkreis West- und Untersteiermark – und an den Wochenenden ein „Opfer“ seiner Wähler. Am Stammtisch im Gasthaus Brand in Gleinstätten hört er von den Bauern, was einem Politiker normalerweise verborgen bleibt. Und am Montagmorgen führt er den Brauch der regelmäßigen Sprechstunde daheim ein. Die Gasselsdorfer laden ihren Kummer bei ihm ab. Denn bis 1950 sollte er ja gleichzeitig auch ihr Bürgermeister sein.

Am 6. Juli 1948 wird Josef Krainer zum Landeshauptmann „gekrönt“. Er verlangt in seiner Antrittsrede von Jugoslawien die Freilassung der Kriegsgefangenen, er bietet im Inneren den „minderbelasteten“ ehemaligen Nationalsozialisten die Hand. Das ist Balsam auf die Wunden der so lange Verfemten. Krainer sollte diese Taktik während seiner langen Regierungszeit beibehalten, die gutgesinnten Deutschnationalen in der weit geöffneten steirischen Volkspartei zu integrieren. Und er gibt ihnen auch Raum zur freien Artikulation. Hanns Koren, Otto Hofmann-Wellenhof sind nur die bedeutendsten Repräsentanten.


Landesvater in der Joppe

In seiner Tagespolitik, die ihm alle fünf Jahre wie das Amen im Gebet von den Steirern mit einer Mehrheit honoriert wird, ist er gütiger Landesvater. Aber wenn's um Forderungen an die Wiener Zentralregierung geht, kann der rauhe Holzfäller im grauen Lodenrock auch ganz anders. Da ist's ein ständiger Sturmlauf gegen die Wiener Bastion, der manchmal siegreich endet, manchmal mit einem Patt, oft aber auch mit blutigen Köpfen.


Reibebaum der Bundespartei

Ähnlich hält es der alte Krainer mit der Bundespartei. Krainer ist meist unzufrieden mit dem, was seine Leute in der Bundes-ÖVP tun. Dabei hat er inzwischen geschickt seinen langjährigen Vertrauten Alfons Gorbach auf den Sessel des schon schwerkranken Freiheitskanzlers Julius Raab gehievt. Doch als er erkennen muss, dass der freundliche Gorbach vom taktisch versierteren Koalitionspartner immer mehr ins Eck gedrängt wird, entschließt er sich zum Holzfällen. Er stärkt den innerparteilichen Reformern den Rücken, die schließlich den Salzburger Landesparteichef Josef Klaus nach Kampfabstimmung gegen den Wiener Heinrich Drimmel an die Parteispitze hieven.

Und wenig später wird er auch Bundeskanzler. Gorbach sollte davon fast als Letzter erfahren. Denn Krainer hatte die Landesparteichefs zu einer konspirativen Sitzung ins Wirtshaus Pollerus in Spital am Semmering gerufen, wo die Würfel rasch gefallen sind.


Krise in der Mur-Mürz-Furche

Doch die Probleme in der grünen Mark werden größer und sind kaum bewältigbar. Die Industrie ist im Umbruch, die Obersteiermark mit ihren unrentabel gewordenen Bergbaugebieten, einer eisenverarbeitenden Industrie, schlechten Verkehrsanbindungen, wird zur Problemzone. Der Erzberg ist schon lang nicht mehr das, was er Generationen von Steirern war. Krainer schiebt die Schuld den Managern der verstaatlichten Industrie zu, erhofft sich Heilung durch den Bau der Südautobahn. Eine vergebliche Hoffnung, wie sich später herausstellen wird. Und immer öfter unternimmt er lautstarke Bittprozessionen zu den Einflußreichen in Wien, für die Krainer ein polternder, donnernder, lästiger Petent wird. Die Krise verfolgte noch seinen Sohn als Landeschef.
***


Heute erhebt sich an jener Stelle, wo sich Josef Krainers Schicksal erfüllt hat, unweit von Allerheiligen bei Wildon, eine schlicht gemauerte Gedenkstätte mit einer Kreuzigungsgruppe. Die Tafel kündet dem Wanderer: „Er starb in der freien Weite des steirischen Landes, dem er entstammte und dem er, siebenmal zum Landeshauptmann gewählt, über 24 Jahre mit allen Kräften seines Herzens und Geistes diente. Als Landesvater bleibt er unvergessen.“

 

Buchtipp

Hans Werner Scheidl

Die Monarchen der Republik

Landeshauptleute im Porträt

Ueberreuter, 2002

SELBST IM TODE NOCH: Eine Spitze gegen „die Weaner“

Am 1. Dezember 1971 trägt die Landeshauptstadt tiefe Trauer. Josef Krainers Beisetzung wird zum Staatsakt. Beim Requiem im Dom meistert Bischof Johann Weber die leicht angespannte Situation. Immerhin sitzen in den vordersten Bänken reihenweise Nichtkatholiken, bekennende Agnostiker: Bundespräsident Jonas, Bundeskanzler Kreisky, Justizminister Broda, Nationalratspräsident Benya und viele andere. Weber schließt seine Predigt, die der Auferstehung des Menschen Josef Krainer gilt, mit den Worten: „Wer nicht an die Auferstehung zu glauben vermag, möge doch zu beten ersuchen. Und wer auch dahin nicht finden kann, möge auf die Frage an dieser Bahre hören: Was zählt wirklich?“

Die Panne. Flott fährt danach der Konvoi in Richtung Steinfeldfriedhof. Sargwagen und die Autos mit der Familie fahren wie vorgesehen in die Annengasse, doch der nächste Wagen mit Bundespräsident Jonas biegt nach rechts ab: Franz Jonas hat sich entschuldigt, er muss nach Wien zurück. Ihm schließen sich irr- tümlich alle Regierungsautos an, die unge- betenen Gäste aus Wien kämpfen sich erst mühsam wieder durch den Stau zum Friedhof zurück. – Da ruht Josef Krainer bereits im Familiengrab. Die Gasselsdorfer Nachbarn haben ihren Mitbürger auf den letzten Metern zum Grab getragen. Ohne die „Auswärtigen“. Der Bauer Josef Krainer hätte über diesen letzten Streich, den er „den Weanan“ spielte, wohl am lautesten gelacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2007)

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