Die Welt bis gestern: Hermann Withalm: Der politische Absturz des „Eisernen“

Eine verpatzte Präsidentschafts-kandidatur 1974, oder: Wie man einen Wahlkampf mutwillig verliert.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Das erste Wahlplakat war im Druck. Es zeigte einen strahlenden Hermann Withalm mit Ehefrau. Die Kampagne um die Bundespräsidentschaft '74 konnte beginnen. Die Volkspartei hatte sich auf ihren früheren Generalsekretär, Klubchef, Vizekanzler und Parteiobmann als Würdigsten geeinigt. Die SPÖ bot dagegen den parteilosen Außenminister Rudolf Kirchschläger auf. Doch dann passierte Unglaubliches. Im Parteirat der ÖVP riss Tirols Eduard Wallnöfer das Ruder für seinen Freund, Innsbrucks Bürgermeister Alois Lugger, herum. Die Withalm-Plakate wurden eingestampft, Lugger trat gegen Kirchschläger an – und verlor.

Heribert Steinbauer, damals Wahlkampfleiter in der ÖVP-Zentrale, erinnert sich. Ab dem Frühjahr 1973 lief das Gerücht, Bundespräsident Jonas leide an Krebs. Beide Parteien ließen mögliche Nachfolger abfragen, im Oktober lagen der ÖVP folgende Ergebnisse vor: Kirchschläger 31%, Josef Klaus 21, Alois Lugger 12, Hugo Portisch 9, Anton Benya 8, Hermann Withalm 4. Unter „ferner liefen“: Gerd Bacher, Heinrich Drimmel, Theodor Piffl v. Percevic, Herbert v. Karajan.

Steinbauer: „Somit war klar, dass Kirchschläger kommt.“ Die ÖVP hätte ihn gern zusammen mit den Sozialisten präsentiert, immerhin war der Mann ohne Parteibuch nach dem Kriege eine Zeit lang ÖAAB-Mitglied gewesen. Doch Kreisky dachte gar nicht daran und „schnappte“ sich den Außenminister – vorläufig natürlich ganz inoffiziell – als SP-Kandidat.

ÖVP-Obmann Karl Schleinzer fuhr zu Withalm nach Wolkersdorf in die Notariatskanzlei – er bedurfte keiner großen Überredungskunst. Am 8.Jänner1974 stand intern fest: „Wir kandidieren!“ Es begann eine heimliche Werbetour Steinbauers mit Withalm durch die Bundesländer: „Wir waren quasi mit einem ,Erlkönig' unterwegs, denn wir konnten Withalm ja nicht offiziell präsentieren, solange Jonas noch lebte.“

 

„Stoppe die Druckmaschinen!“

Am 24. starb Franz Jonas nach langem und schwerem Leiden. Am 27.April war Schleinzer nochmals bei Withalm. Alles lief auf Schienen. Fotos wurden gemacht, das erste Wahlplakat mit dem Ehepaar Withalm fand allgemeine Zustimmung, die 16-Bogen-Plakate wurden in Auftrag gegeben. Doch zwei Tage später kam der Anruf von Schleinzer: „Stoppe die Druckmaschinen!“ Es hatte im Parteivorstand eine Probeabstimmung gegeben, in der Landeshauptmann Eduard Wallnöfer seinen Landsmann, den Innsbrucker Bürgermeister Lugger, mit 13:8 durchbrachte. „I' glaub', der Luis ischt der bess're Kandidat“, so lautete Wallnöfers Diktum, und dem musste sich die Wiener Parteiführung zähneknirschend beugen.

 

Respektiert, gefürchtet, gehasst

Alles war umsonst. Lugger wurde aufgestellt, schlug sich sogar recht wacker – und verlor. Ob es mit Withalm besser gelaufen wäre, darüber lässt sich nur spekulieren. Steinbauer glaubt auch heute noch, „seine Kampfkraft hätte den Sieg gebracht.“ Vielleicht aber hat Wallnöfer ungewollt dem „Eisernen Hermann“ Gutes getan und ihn vor einer herben Niederlage bewahrt.

War da nicht sein Image hinderlich? Ehrlich, aber direkt; überlegt, aber auch nüchtern; kühl bis ans Herz hinan; eisern, streng zu sich, zum Gegner, zum Parteifreund – so kannte man ihn. Dazu kam, dass Withalm nie zu den beliebtesten Politikern der Sechziger- und Siebzigerjahre zählte. Er wurde respektiert, wurde gefürchtet, wurde – auch das muss gesagt sein – gehasst.

Vor allem seine Parlamentsrede vom 4.Juli1963 zum „Fall“ Otto Habsburg-Lothringen hatte die Sozialisten bis zur Weißglut gereizt. Withalm trat für den Rechtsstaat ein, die SPÖ wollte eine Heimkehr des Kaisersohnes partout verhindern. Es hagelte erbitterte Zwischenrufe, die in ihrer Herbheit bewiesen: Da ist noch lange nicht alles „aufgearbeitet“, was 1927, 1934 und 1938 betrifft. Withalm provozierte die SP-Zwischenrufer. Das Blut geriet in Wallung – auf beiden Seiten der in gegnerischer Koalition miteinander Gefangenen. Withalm hingegen war eiskalt. Und zynisch.

So zählte der Kalksburger Jesuitenschüler zum absoluten Feindbild für die SPÖ, weil er eine Zeit lang der einzige ernst zu nehmende politische Gegner war. Von der „roten“ Wählerschaft hätte er wohl kaum die nötigen Stimmen für einen Sieg bekommen. Steinbauer sieht das anders: „Unser Wahlkampfauftakt war in Kapfenberg geplant. Wir wollten in eine klassische Arbeiterhochburg. Unser Signal wäre gewesen: Versöhnung der einstigen Vaterländischen Front mit den Arbeitern.“

So wurde seine Karriere, die ihn im Raketentempo emporgeführt hatte, ja ihn eine Zeit lang zum mächtigsten VP-Politiker werden ließ, mit einer bitteren persönlichen Niederlage beendet. Er schrieb Bücher, er ging auf die Pirsch, gab nur sehr vereinzelt noch Interviews, hielt sich mit Kritik an seinen Nachfolgern vornehm zurück.

 

Seniorenbund-Obmann

Nur einmal noch juckte das alte Schlachtross der Hafer. Parteichef Josef Taus bot dem rüstigen 64-Jährigen die Obmannschaft im Seniorenbund an, immerhin eine der fünf VP-Teilorganisationen. Withalm schlug ein, machte sich mit Feuereifer über seine neue Aufgabe her und übte sie bis 1988 aus. Erstmals hatte die im Verborgenen blühende Rentner-Fraktion in der Partei ein ernst zu nehmendes Gewicht. Über seine neuen Schützlinge sagte er: „Es gibt nichts Dankbareres als einen alten Menschen.“

Am 19.August2003 ist Withalm hochbetagt in Wolkersdorf gestorben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)

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