Die Welt bis gestern: „...matte sache, das ganze, bisher...“

DIE „UNI-FERKELEI“ 1968. Eine Aktionisten-Provokation, die zur Staatsaffäre werden sollte.

Möglich, dass die legendäre „Uni-Ferkelei“ vor 40 Jahren gar nicht stattgefunden hätte, wäre in Österreich schon Bruno Kreisky an der Macht gewesen. So hieß aber der Regierungschef Josef Klaus, ein bemühter Salzburger, CVer, Parteichef der ÖVP, die nach dem fulminanten Wahlsieg 1966 erstmals eine Alleinregierung bilden konnte. Die Linke und ein (kleiner) Teil der Hochschülerschaft formierten sich.

Aber wofür? Wogegen? Gegen die Elterngeneration, die das Land nach dem Weltkrieg aufbaute, um den Kindern ein prosperierendes Österreich zu bieten. „Kleinbürgerliche Wert- und Normvorstellungen, wie Disziplin, Ordnung, Autorität, Heimat, Religion, Unterordnung und Benehmen wurden als Grundlage für ein glückliches Leben in geordneten gesellschaftlichen Verhältnissen herangezogen“, urteilt Martin Krenn in einer Studie über diese Jugendkultur.

Dem parteiübergreifenden Konsens entsprach das Bildungswesen. Zwischen 1955 und 1963 verdreifachte sich die Zahl an den Hochschulen, neue Universitäten entstanden, man war liberal: Jedermann konnte studieren, ohne Zugangsbeschränkung.

 

80 Prozent waren konservativ

Diesen Reformen der ÖVP-Regierung entsprach freilich die bürgerlich-konservative Zusammensetzung der Professorenschaft in keiner Weise. Wer sein Studium halbwegs zügig absolvieren wollte, passte sich an. Zeitgenössische Fotos der Studentenschaft zeigen uns die jungen Leute in Anzug mit Krawatte, die Mädchen in Rock und Bluse. Erst langsam wurde der Dresscode durchbrochen: mit Jeans und T-Shirts.

Ähnlich strukturiert war die Vertretung der Hochschülerschaft: 50 Prozent für den VP-nahen „Wahlblock“, 30 Prozent für den deutschnationalen „Ring Freiheitlicher Studenten“, ein kleiner Rest an Mandaten für den „Verband Sozialistischer Studenten“ und extrem linke Splittergruppen.

Der Auslöser der Studentenrevolte hieß Taras (von) Borodajkewycz. Seit 1955 lehrte der einstige Organisator des österreichischen Katholikentages Sozialgeschichte an der Hochschule für Welthandel. Seine antisemitischen Äußerungen, von einem Großteil der Studierenden beifällig belacht, wurden von Ferdinand Lacina mitgeschrieben und mit Hilfe von Heinz Fischer veröffentlicht. Die Politisierung der Studenten hatte begonnen.

Bei einer Demo der Widerstandsbewegung gegen „Boro“ kam es zu Schlägereien mit rechten Gruppen. Vor dem „Sacher“ eskalierte der Wirbel, bei dem die Polizei keine Lorbeeren erntete. Der Kommunist Ernst Kirchweger bekam vom Burschenschaftler Günther Kümel die Faust ins Gesicht, stürzte mit dem Hinterkopf auf die Gehsteigkante – und starb. Wie das heuer dem Währinger Bezirksrat Nathschläger erging.

Ein Land unter Schock, die Linke in Bewegung. Dazu eine SPÖ, die unter Kreisky gerade dabei war, die Oppositionsrolle abzustreifen und die absolute ÖVP-Mehrheit zu brechen. Kreisky distanzierte sich daher von all den Gruppen, die außerhalb der „roten“ Sektionen an Stoßkraft gewannen: Zu den SP-Mittelschülern und Studenten kamen die Vereinigung Demokratischer Studenten (VDS) und die Freie Österreichische Jugend, beide KPÖ-Ableger. Der radikale Sozialistische Österreichische Studentenbund (SÖS) blieb ein Intermezzo.

Dennoch war es dieser SÖS, der für 7. Juni 1968 zur Veranstaltung „Kunst und Revolution“ ins Neue Institutsgebäude der Wiener Uni einlud. Neben Günter Brus, Otto Mühl, Oswald Wiener und Peter Weibel wurde auch ein Journalist aufgeboten, dessen Identität nicht gelüftet werden sollte: Malte Olschewski, „Presse“-Redakteur, dann ORF, heute im Ruhestand. Valie Export lehnte die Einladung mitzumachen ab: „Spinnst? I' hab' a Kind!“

 

Die Veranstalter hatten Bauchweh

Kazuo Friedemann Kandutsch hat in seiner Diplomarbeit an der Wiener Uni nachgezeichnet, was dann geschah. Der SÖS hatte Bauchweh, wie die teilnehmenden Aktionisten berichten. Aber Oswald Wiener konnte nicht nur die Bedenken ausräumen, er konstruierte auch ein Sicherungssystem gegen Störungen rechtsradikaler Demonstranten. Weibel: „Wiener maß den Abstand vom Boden zur Türklinke und ließ Holzpflöcke dieser Größe anfertigen. Unter die Türklinke gestellt, war die Tür von außen nicht mehr zu öffnen.“

 

Die Show beginnt...

Kurz nach 20 Uhr begann die Veranstaltung. Mit 500 Personen war der Hörsaal I gut gefüllt. Otmar Bauer schilderte in seinem Gedächtnisprotokoll am besten die aufgeheizte Stimmung: „weibel, der sich beim reden stets verhaspelt, eröffnet mit einer flammenden rede, das flammende dran ist ein brennender, mit benzin übergossener asbesthandschuh / wiener spielt professor / weibel hat sich ein demokratiespiel ausgedacht / mühl kennt einen masochisten, der ist redakteur bei der presse, um nicht erkannt zu werden, hat er seinen kopf bis auf sehschlitze zubandagiert, deklamiert de sade, während otto ihn mit einem gürtel andeutungsweise schlägt, wegen des paragrafen körperverletzung, und der redakteur laurids sowieso nur geil wird, wenn frauen ihn schlagen...

matte sache, das ganze, bisher. die linken lachen, buhen: aufhören! pfiffe. wir sind dran: hinter mir, mit schrillender kommandopfeife marschieren nackt stumpfl, anastas und herrmann, besteigen den katheder, ich notiere auf die tafel: wer kann weiter / beginnt der pinkelwettbewerb, der sieger bekommt eine plastikrose. es folgt: schwechater, recht hat er, mit bierschaumspritzen, dieweil hat brus einen sessel auf den katheder gestellt, steigt drauf, nackt bis auf die socken, starrt vor sich, würgt sich einen, drückt, fährt sich mit'm finger zum arsch, verschmiert seine scheiße am körper, singt mit erregt gebrochener stimme die bundeshymne – jetzt ist feuer am dach, die versammlung ist elektrisiert, an den drei ausgängen trauben von leuten, die flüchten wollten und jetzt mit offenen mündern auf sakrileg-brus starren / nicht mehr rauskommen, da ist es, das fanal infernal, verstörtes schweigen im grellen licht, ende der vorführung, stehen sie rum, sind sie in die sessel geklebt, hängen an den eingängen.“

Dann hält Weibel noch eine Schmährede gegen Finanzminister Stephan Koren, dem im Krieg die linke Hand weggeschossen worden war. „... doch wenn finanzminister koren mit der linken hand sein zumpferl aus der hose fummelt, linkisch daneben spritzt und die urintropfen am parlament abstreift, wenn...“ Und so weiter, immer ausfallender, bis die Litanei so endet: „... wenn bezahlte schweine ein bezahltes krüppel an die finanzen lassen, wenn dem krüppel koren die österreichische staatsbürgerschaft nicht aberkannt wird, dann um den österreicher reif zu machen für die totale kapitulation vor der schwarzen fut!“

 

...und erbrach sich

Da wollten die Kumpane nicht nachstehen. Günter Brus stieg auf den Vortragstisch und versetzte seiner Brust und den Oberschenkeln mit einer Rasierklinge Schnitte, urinierte in seine Hand, trank anschließend den Harn und erbrach sich.

Robert Schindel kam erst gegen Schluss dazu, weil er als Teilnehmer der Kommune Wien bei einem Teach-In im Audimax der Uni sein musste und dort unabkömmlich schien. Nachdem er durch Urinlachen gewatet war, nahm er kurz das Wort und erklärte, dass „ich nicht für diese Art von Kunst bin, aber dafür bin, dass sie durchgeführt werden kann“.

1968 ALS STUDIENTHEMA

Friedemann Kazuo Kandutsch (Jahrgang 1977) ist der Enkel des legendären Rechnungs-hofpräsidenten Jörg Kandutsch. Er studierte Zeitgeschichte bei Oliver Rathkolb.

Seine Diplomarbeit „Das Jahr 1968 am Beispiel der Veranstaltung Kunst und Revolution in der (gesellschafts-)politischen Diskussion in Österreich“ erhielt die Note „Sehr gut“.

An der Sorbonne in Paris schloss Kandutsch sein Geschichtsstudium ab.

Er arbeitet seit 2008 im Künstlerhaus Wien und war kuratorischer Assistent der Hrdlicka-Ausstellung, ebenso beim Ausstellungsprojekt „Nagoya. Das Werden der japanischen Großstadt“.

Zuvor war er in der Publikationsabteilung des MUMOK tätig. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2008)

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