"Jammern auf hohem Niveau" um Wiens Kulturpolitik

30.09.2010 | 09:35 |   (DiePresse.com)

Geringes Publikumsinteresse gab es für die Podiumsdiskussion von SP-Kulturstadtrat und den Kultursprechern rund um das "Pipifax"-Ressort. Die Opposition forderte dabei weniger Budgetanteil für "große Kultur-Tanker".

Von Beobachtern wurde bisher konstatiert, dass die Kulturpolitik gar keine Rolle im Wiener Gemeinderatswahlkampf spiele. Das drückte sich auch im geringen Publikumsinteresse an einer Diskussion aus, zu der gestern, Mittwoch, Abend, die IG Kultur Wien geladen hatte. Vor schütter besetzten Sitzreihen diskutierten SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, die Wiener Kultursprecher von Volkspartei, Freiheitlichen und den Grünen sowie ein Vertreter der IG Kultur Wien über den Ist- und den Soll-Zustand. Und sogar die Opposition bekannte: "Es ist ein Jammern auf hohem Niveau" (Zitat von Marco Schreuder, Kultursprecher der Wiener Grünen).

Kultur als Thema wegen "Pipifax"

Die bisher einzigen zwei Reizthemen mit kulturellem Bezug wurden am Rande gestreift: Der "Pipifax"-Sager von Christine Marek (über Ressorts mit wenig Gestaltungsmöglichkeiten) habe doch immerhin dafür gesorgt, dass Kunst und Kultur ein Thema seien, verteidigte Franz Ferdinand Wolf (ÖVP) die eigene Spitzenkandidatin. Verblüffung erntete Gerald Ebinger (FPÖ) für seine Antwort auf Mailath-Pokornys Frage, ob das von der FPÖ verschickte Sagen-Comic, in dem "dem Mustafa ane aufbrennt" werden soll, seinem Kulturbegriff entspreche. Man müsse Kultur zu den Kindern bringen, so die Replik des Freiheitlichen, "dort kann Integration gelingen."

Darin, dass die Vielfalt der Kulturen in der Stadt sich in der Kulturpolitik noch viel zu wenig abbilde, waren sich SP und Grüne einig. "Die großen Diskussionen in diese Stadt finden im Bereich der Integration statt. Hier muss man Schwerpunkte setzen", sagte Schreuder, der erzählte, dass am Brunnenmarkt die Banken die ersten gewesen waren, die türkisches Kundenservice angeboten hatten. Schreuder forderte unter anderem mehr Verteilungsgerechtigkeit ("Je näher zur Ringstraße, desto höher ist derzeit die Förderung pro Quadratkilometer.") und mehr Transparenz ("Wir erfahren nur, wer Subventionen bekommt, nicht, welche Anträge abgelehnt werden."). Er wies mehrfach auf eklatante Versäumnisse im Musikschulbereich hin und konstatierte: "Ich kenne eine einzige kulturpolitische Aussage des Bürgermeisters: Am Augartenspitz will er den Sängerknabenkonzertsaal und kein Filmzentrum."

"Unzumutbare Arbeitsbedingungen"

Während Willi Hejda (IG Kultur Wien) auf unzumutbare Arbeitsbedingungen und fehlende soziale Absicherung bei den meisten Kulturarbeitern hinwies, vom ermüdenden und oft erfolglosen Kontakt mit diversen Förderstellen berichtete, echte Unterstützung sowie kulturpolitische Visionen der Parteien vermisste, war sich die Rathaus-Opposition darin einig, dass im Verhältnis zu viel Mittel in die "großen Kultur-Tanker" wie die Vereinigte Bühnen Wien (VBW) fließen. Der Stadtrat zeigte sich indes nicht unzufrieden: Das Kulturbudget sei in seiner Amtszeit erheblich erhöht worden, in vielen Bereichen seien aufregende Entwicklungen entstanden, "auch durch eine Politik des Ermöglichens": "Die Szene bewegt sich. Die Unterscheidung zwischen Hoch- und Alternativkultur ist zunehmend nicht mehr gültig. Überall ist etwas in Bewegung geraten."

(APA)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    "Jammern auf hohem Niveau" um Wiens Kulturpolitik

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.