Der tote Dollfuß ist an allem schuld

Die seltsame Geschichte des Denkmals für die gefallenen Soldaten. Der Umbau in den Dreißigerjahren war auch ein Protest gegen den Nationalsozialismus.

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NATIONALFEIERTAG 2012 - KRANZNIEDERLEGUNG: FISCHER – DARABOS / SEGUR-CABANAC / ENTACHER / Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Die vorerst nur angekündigte Umgestaltung der Ehrenstätte im Wiener Äußeren Burgtor wird nicht der erste Umbau dieses Denkmals sein. Dass es sich dabei um einen Überrest der alten Befestigungsanlage aus dem Jahr 1660 handle, die die gesamte Innenstadt umschloss, ist unrichtig. Die war nämlich 1809 im Auftrag Napoleons gesprengt worden. Soldaten der kaiserlichen Armee mussten das heutige Burgtor errichten – nach Plänen Peter Nobiles. Am 16.Oktober 1824 wurde die imposante Toranlage mit ihren fünf Rundbogen, wie wir sie kennen, feierlich eröffnet.

Auf der Ringstraßenseite ließ sich Kaiser FranzI. in Goldbuchstaben huldigen, an der dem Heldenplatz zugewandten Front mahnt die Inschrift alle Regierenden, die je in der Hofburg herrschten: „IUSTITIA REGNORUM FUNDAMENTUM“.

Weniger bekannt ist wohl, dass der legendäre Wiener Stadtplaner und Architekt Otto Wagner gegen Ende des 19.Jahrhunderts das Tor abtragen und irgendwohin nach Grinzing versetzen wollte. An seiner Stelle sollte sich nämlich ein monumentales Denkmal Franz Josephs erheben. Auch der Bauleiter der Neuen Hofburg, Ludwig Baumann, war für die Schleifung der Anlage, um den Heldenplatz optisch zu vergrößern.

Dazu kam es bekanntlich nicht. Aber dafür war die Zeit der Heldendenkmäler angebrochen. Zunächst sollte nur auf die Völkerschlacht von Leipzig hingewiesen werden und auf den opferreichen Kampf der kaiserlich österreichischen Armee gegen den französischen Usurpator Napoleon.

Doch während des Ersten Weltkrieges startete eine Spendenaktion für den „k.k. Militär-Witwen- und Waisenfonds“. Die Idee: Auf bronzenen Lorbeerkränzen, die man auf der Ringstraßenseite des Tores erblickt, konnten die Spender ihre Namen eingravieren lassen oder eines dieser Blätter einem Soldaten an der Front widmen. Die vier prominentesten Spender waren Franz Joseph, WilhelmII., Großsultan MehmedV. und der bulgarische König FerdinandI.

Der christlichsoziale „Ständestaat“ ließ dann von 1933 bis 1934 das Äußere Burgtor durch Rudolf Wondracek, einen Schüler Otto Wagners, zu einem Gefallenendenkmal des Ersten Weltkrieges umbauen. Wenig spektakulär, weil die äußere Form gewahrt blieb. Aber an den beiden Schmalseiten führen breite, gitterbewehrte Stiegen zu einer seltsamen „Ehrenhalle“ ohne Dach: „Die Helden des Weltkrieges sind auch unter freiem Himmel gefallen.“

Im Inneren wurde eine Krypta für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet. Darin befinden sich das von Wilhelm Frass geschaffene Epitaph eines toten Soldaten, ein Altar und zehn Ehrenbücher mit den Namen der gefallenen Österreicher, deren Seiten täglich umgeblättert werden. An jedem Sonntag wird hier eine Messe gelesen.

 

Gegen den Hitlerismus

Für den „Ständestaat“, nun von Kurt (von) Schuschnigg geleitet, war die Eröffnung am 9.September 1934 ein wichtiges Ritual österreich-patriotischer Gefühle, war doch im Juli Bundeskanzler Dollfuß von heimischen Nationalsozialisten im Amt am Ballhausplatz ermordet worden.

Dass just an diesem Epitaph nach 1938 Adolf Hitler und sein engster Kumpan, Hermann Göring, Kränze niederlegten, mag auf die Unwissenheit der Nazi-Größen hinweisen. Später bekam sogar die SA ihr eigenes Ehrenmal zwischen den Torbögen, es wurde nach 1945 rasch wieder entfernt.

Die Jahre kamen, die Jahre gingen, alljährlich besuchten die Bundespräsidenten und die Regierungsvertreter die Krypta mit ihren Lorbeerkränzen. Es dauerte bis zum Jahr 1965, als die Bundesregierung unter VP-Kanzler Josef Klaus endlich auf die Idee kam, auf der anderen Seite des Tores einen „Weiheraum“ für die Opfer des österreichischen Freiheitskampfes einzurichten.

Der schwarze Marmorblock trägt das Bundeswappen und auf seiner Vorderseite die Inschrift „Im Gedenken an die Opfer im Kampfe für Österreichs Freiheit“. Dokumente über die Wiedererrichtung der Republik sind im Vorraum zu besichtigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)

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