Vor 75 Jahren: "Anschluss" nur mit Gänsefüßchen

Die Annexion Österreichs durch die Nationalsozialisten am 12. März 1938 hat man hierzulande gern aus der Perspektive von "Hitlers erstem Opfer" interpretiert. Mit der Affäre Waldheim wurde dieser Mythos relativiert.

Annexion Österreichs
Annexion Österreichs
Annexion Österreichs – (c) APA/HILSCHER, ALBERT/ÖNB-BILDARC (HILSCHER, ALBERT/�NB-BILDARCHIV/)

Ein freundlicher Herr aus dem Burgenland, Ungar aus Siebenbürgen, rief diese Woche in der Redaktion an. Warum wir, bitte schön, bei der Besprechung der Ausstellung „Nacht über Österreich“ vom „Anschluss“ schrieben. Es sei doch eine „Okkupation“ gewesen, 1938. Die Antwort, dass die Österreichische Nationalbibliothek im Untertitel der Schau und auf dem Katalog mit diesem Euphemismus werbe, wäre zu billig.

Ein Kollege rät hingegen dazu, dass man „Anschluss“ immer unter Anführungszeichen setzen solle. So erspare man sich peinliche Diskussionen. Ähnlich funktioniert das wohl auch bei Wörtern wie „Ständestaat“ oder „Austrofaschismus“, die die Gesinnung verraten, je nachdem, ob die Großeltern von 1934 bis 1938 in Wien oder im Lager Wöllersdorf verbracht haben.

„Ständestaat“ mit Gänsefüßchen wirkt korrekt. Auch „»Anschluss«“, um bei den Anführungszeichen ganz genau zu sein, ist eine typisch österreichische Lösung. Denn vor allem Beobachtern, die ein wenig Distanz zu diesem Land haben, fällt auf: „Der Österreicher“ spricht von „Anschluss“, wenn er die Eingliederung ins „Nazi-Reich“ meint, und er sagt dann meist „Besatzungszeit“, wenn er sich an jene Periode erinnert, in der die „Siegermächte“, die Österreich von der Diktatur befreit haben, bis 1955 das Land vor einem Rückfall in faschistische Zustände bewahrt haben.

Zurück zum März 1938: Wie erlebte Kurt Waldheim (1918– 2007) diese Tage und ihre Folgen? Seine Memoiren „Im Glaspalast der Weltpolitik“ (1985) sind fragmentarisch. „Schule des Überlebens“ heißt das Kapitel über die Zwischenkriegszeit. In einer Rede erinnerte sich der Bundespräsident: „Ich saß mit meinen Eltern und Geschwistern in unserer Wohnung, und wir hörten die Worte des damaligen Bundeskanzlers aus dem Radio: Wir weichen der Gewalt – Gott schütze Österreich! Es war der Untergang unserer österreichischen Heimat. Meiner Mutter rannen die Tränen über die Wangen. Wir spürten zutiefst die auf uns zukommende Tragödie. Schon am nächsten Tag wurde mein Vater – ein aufrechter österreichischer Patriot – von der Gestapo abgeführt, eingesperrt und vom Dienst entlassen.“ Der patriotische Sohn soll sich mit Nazis geprügelt haben. Waldheim – eine Opfergeschichte. Der Krieg wird im Buch nur am Rande gestreift.

Da Waldheim zum Einsatz als Soldat auf dem Balkan geschwiegen hatte, wurde daraus im Wahlkampf 1986 ein Skandal. Eine „Kampagne“, sagte er selbst. Eines aber hat diese Geschichte tatsächlich ausgelöst: Die Zeit von der Annexion 1938 bis zur Befreiung vom Dritten Reich wurde in Österreich so intensiv diskutiert, dass der Mythos von „Hitlers erstem Opfer“ endgültig geopfert wurde. Eine ganze Generation lernte neue Geschichte.

Wurde Österreich überfallen? Hat es sich willig ergeben? War es Mittäter? Alles trifft zu. Carl Zuckmayer hat in seinen Erinnerungen „Als wär's ein Stück von mir“ (1966) treffend ausgedrückt, dass 1938 die Hölle losbrach, die Unterwelt ihre Pforten auftat: Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt... Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen: die einen in Angst, die andren in Lüge, die andren in wildem, hasserfülltem Triumph.

Nach dem Krieg wurde die Mitschuld meist verdrängt. So bietet „Das Österreichbuch“ (von Ernst Marboe 1948 herausgegeben) bei diesem Abschnitt ein Minimum an Chronologie zur „Proklamierung der Annexion Österreichs durch Deutschland“. Vom „kleinen gequälten Lande“ wird geschrieben, „inmitten der ideologischen und materiellen Gewalten“. Der gute Schluss: „Trotz aller Entzweiung fand Österreich die Kraft, der Aggression des Dritten Reichs so lange zu widerstehen, bis der Einmarsch der Hitler'schen Armeen die Freiheit des Landes – vorübergehend – zertrat.“ Mehr nicht.

„Österreich“, das offizielle, konservative, wehrte sich im März 1938 tatsächlich bis zuletzt gegen Hitler. „Die Österreicher“ eher weniger lang. Ein großer Dichter, der diesen Vorgang der Einverleibung aus kritischer Distanz beobachtete, schrieb ein kleines Spottgedicht über Fräulein „Austria“ als unschuldige Allegorie vom Lande: Ich habe mich zwar hingegeben, doch nur weil ich gemusst. / Geschrien habe ich nur aus Angst und nicht aus Liebe und Lust. / Und dass der Hitler ein Nazi war – das habe ich nicht gewusst. Pointiert kehrt Erich Kästner den anschließenden Opfermythos ins Paradoxe. „Wahre“ Dichter lassen kein Vergessen zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2013)

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