Die letzten Zeitzeugen erinnern sich

In der Nacht von 9. auf 10. Oktober 1938 waren sie zwischen zehn und 14 Jahre alt. Rudi Gelbard, Vilma Neuwirth, Walter Fantl-Brumlik und Karl Pfeifer über ihre Erinnerung an jene Nacht.

Vilma Neuwirth und Walter Fantl-Brumlik
Vilma Neuwirth und Walter Fantl-Brumlik
Vilma Neuwirth und Walter Fantl-Brumlik – Hellin Sapinski

„Das Netz hat sich immer mehr zugezogen“


Rudolf Gelbard, damals acht Jahre alt, erinnert sich an die Zerstörung der Synagoge in der Tempelgasse.

Wien. Rudolf Gelbard war acht Jahre alt, als am 9. November 1938 in Wien 42 Synagogen und Bethäuser zerstört wurden. „Wir wohnten 200 Meter vom größten Tempel in Wien, in der Tempelgasse. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie der Tempel in die Luft gesprengt wurde“, sagt Gelbard, einer der bekanntesten Holocaust-Überlebenden, der von 1942 bis 1945 Häftling im KZ Theresienstadt war.

„Besonders entsetzlich waren die Lastautos mit den verhafteten Männern, die in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald gebracht wurden. Es war eine schrecklich verängstigte Stimmung. Wir wussten nicht, was passieren wird, das Netz hat sich über uns bis zu meiner Einlieferung ins KZ immer mehr zugezogen. Wir haben in die Ausweise ein J für Jude und Zusatznamen bekommen, die Frauen Sarah, die Männer Israel. Wir durften in kein Kino gehen, kein Theater, kein Schwimmbad, nicht in Wälder. Es gab Ausgangssperren. Und so kurios es klingt, es gab sogar einen Erlass, dass Juden keine Tiere halten dürfen, sogar Kanarienvögel“, so der 83-Jährige.

Er erinnert sich auch an die Abschiedsrede des letzten Bundeskanzlers, Kurt Schuschnigg: „Alle haben bitterlich geweint. Ich hab die Zusammenhänge nicht verstanden, aber ich hab gefühlt, wenn alle weinen, muss etwas Schreckliches auf uns zukommen. Und so war es auch.“

„In meiner menschlichen Würde verletzt“


Karl Pfeifer floh im Sommer 1938 als Zehnjähriger nach Ungarn, die Pogrome hat er schon zuvor gespürt.

Wien. Was genau in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geschah, erfuhr Karl Pfeifer erst im Nachhinein. „Da war ich schon in Ungarn, in einem Internat. Dort waren wir von aller Information abgeschottet“, sagt der heute 85-Jährige. Im Sommer 38 floh er mit seinen Eltern als Zehnjähriger nach Ungarn.

„Was ich davor erlebt hab in Baden bei Wien, war auch nicht von schlechten Eltern.“ Etwa jenes Ereignis im April 1938, das dazu führte, dass er aus der Schule genommen wurde. „Auf dem Heimweg von der Volksschule haben mich drei oder vier Hitlerjungen, die 14 waren, verfolgt. Ich bin weggerannt, aber an der Ecke Marchetstraße 53 haben die mich erwischt und an den Zaun gedrückt. Einer hat mir die Gurgel zugedrückt und gesagt: ,Saujud, sag Heil Hitler.‘ Und in dem Moment ist die Dame des Nachbarhauses, eine Baronesse, rausgekommen und hat den Hitlerjungen Watschen versprochen, die sind weggerannt. Die Dame hat dann meiner Mutter gesagt: Sie können das Kind nicht mehr allein in die Schule lassen.“
Für Pfeifer war das ein Erlebnis, das ihn in zweierlei Hinsicht bestärkte. „Ich kann sofortige Entschlüsse fassen, das hat mir auch das Leben gerettet. Ich war entschlossen, auch wenn sie mich erwürgen würden, ich werde so etwas nicht sagen.“ Und es war für ihn ein weiterer Beweis, dass es Menschen gab, die eingeschritten sind, wie auch das Ehepaar Weber aus der Nachbarschaft, das der Familie half. „Die Argumentation, ,wir waren so arm und hatten keine Arbeit‘ hat nicht zu gelten. Niemand war gezwungen, etwas zu tun, was seinem Gewissen widerspricht.“ Im Sommer fuhr er mit seinen Eltern nach Ungarn, wo sein Vater geboren wurde. „Am Westbahnhof sind wir eingestiegen. Ich durfte nicht reden, meine Eltern waren kreidebleich. Wir hatten ungarische Pässe, obwohl die nicht mehr an Juden vergeben werden durften.“ Ein Jahr später wurde er auch dort als „dreckiger Jude“ beschimpft. „Ich habe es als Elfjähriger sehr schmerzlich empfunden, dass ich ich meiner menschlichen Würde verletzt wurde.“ 1943 floh er nach Palästina, 1951 kam er nach Österreich zurück.

„Am Abend marschierte die SA vorbei“


Walter Fantl-Brumlik wurde am 10. November 1938 verhaftet. Er hat zwei Konzentrationslager überlebt.

Wien. Walter Fantl-Brumlik war am 10. November 1938 in der Provinz, wie er es nennt, in seiner Heimat Bischofstetten in Niederösterreich. „Zuerst wurden mein Vater und ich von der Gendarmerie in Kilb verhaftet, das ist die Nachbarortschaft. Da war ich 14 Jahre alt. Dort waren wir ein paar Stunden im Gefängnis, anschließend hat man uns nach Bischofstetten geführt. Ich bin dann freigekommen, und mein Vater wurde im Gemeindeamt im Keller festgehalten“, erinnert sich der heute 89-Jährige.
Sein Vater hatte ein Geschäft mit Waren aller Art – „von der Pfeife bis zur Pferdepeitsche“. „Er war sehr angesehen. Deshalb war am 10. November auch keiner von den Gendameriebeamten anwesend, keiner wollte ihn verhaften. Das machten die aus der Nachbarortschaft.“ Ein paar Tage später wurde sein Vater von der Gestapo auf das Polizeipräsidium St. Pölten gebracht. Ein hoher Funktionär, der ihn durch das Geschäft kannte, schickte ihn nach Hause. „Er hat ihm sehr geholfen. Wenn mein Vater in St. Pölten geblieben wäre, wäre er nach Dachau gekommen.“
An noch etwas erinnert er sich: „Am Abend ist die SA vorbeimarschiert, die war in Bischofstetten stark vertreten. Die haben nationalsozialistische Lieder gesungen. Unter anderem ein Lied mit der Zeile ,Wenn das Judenblut vom Messer spritzt‘. Ich kann mich nur an diese Passage erinnern.“ Die Familie musste bis Jänner 1939 Bischofstetten verlassen und ging nach Wien. Fantl-Brumlik musste dort als Schlosser Wohnungen von SS-Mitgliedern instandhalten. 1942 wurde er mit seinen Eltern und seiner Schwester in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, später nach Auschwitz. Nur er überlebte.

„Die waren alle gut aufgelegt und haben gelacht“

Vilma Neuwirth sieht heute noch die lachenden Gesichter jener Menschen, die Synagogen zerstört haben.

Wien. „Ich war damals zehn Jahre alt, es war ein Wirbel auf der Straße, ich habe nicht gewusst, worum es sich handelt, aber ich bin denen nachgegangen“, erinnert sich Vilma Neuwirth (85), die ihre Erlebnisse auch in dem Buch „Glockengasse 29“ niedergeschrieben hat. Sie folgte der Menge in die Pazmanitengasse, zur Synagoge.
„Da hab ich gesehen, wie sie alles herausgerissen haben, auch die Thora, für die Juden das Heiligste, das es gibt, und haben alles angezündet. Die Leute haben jubiliert, gelacht und waren gut aufgelegt. Diese Gesichter sehe ich heut' noch“, sagt Neuwirth. „Ein paar Tage später sind wir alle schon aus der Schule geworfen worden. Und meine besten Freundinnen, mit denen ich jeden Tag auf der Straße gespielt hab, haben uns Saujuden geschimpft und gerufen: ,Schleichts euch, es Judengfraster!‘ Das war ganz arg.“ Auch der Nachbar, mit dem die Familie befreundet war, hat sich gewandelt. „Der war eigentlich immer arbeitslos und mies angezogen. Der ist am nächsten Tag mit einer SA-Uniform gekommen, mit schönen Stiefeln. Wir haben im Haus ein Friseurgeschäft gehabt. Mein Vater ist ins Geschäft gegangen, da ist der Nachbar am Gang gestanden und hat meinen Vater aufs Ärgste beleidigt: ,Du Judensau, wir werden dir's jetzt geben, hast einer Christin jüdische Bangat angehängt.‘ Dann hat er meine Mutter beschimpft. So hat das angefangen. Dann hat er bei meinem Vater das Schloss mit Gips verschmiert und mit einem Revolver ins Fenster geschossen. Und zwei Tage vorher waren wir noch bei ihm in der Wohnung, da hat er uns noch Zuckerln geschenkt, wir waren ja befreundet. Das waren meine ersten Eindrücke.“

Zur Person

Karl Pfeifer. 1928 in Baden geboren, im Sommer 1938 floh er nach Ungarn, 1943 nach Palästina. 1951 kam er nach Österreich zurück, machte eine Ausbildung zum Hotelfachmann, betrieb im Prater eine Bowlinghalle und wurde Journalist. Im März erschien sein Buch „Einmal Palästina und zurück – Ein jüdischer Lebensweg“ (Edition Steinbauer).

Vilma Neuwirth. 1928 in Wien geboren, sie überlebte die Nazi-Zeit als Sternträgerin in Wien. Nach 1945 war sie Friseurin und studierte Fotografie. Seit 1993 ist sie für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes tätig. 2008 erschien ihr Buch „Glockengasse 29. Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien“ (Milena-Verlag).

Walter Fantl-Brumlik. Geboren 1924 in Loosdorf, lebte bis 1938 mit seiner Familie in Bischofstetten (NÖ), ging 1939 nach Wien. 1942 wurde er mit seiner Familie ins KZ Theresienstadt, später nach Auschwitz deportiert. Seine Eltern und seine Schwester wurden ermordet. Er hält heute noch Vorträge in Schulen.

Rudolf Gelbard. 1930 in Wien geboren. 1942 wurden er und seine Familie ins KZ Theresienstadt deportiert. 19 Familienmitglieder wurden während der NS-Zeit getötet. Nach der NS-Zeit war er als Handelsvertreter für Stoffe und als Redakteur beim „Kurier“ tätig. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine Gedenkarbeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2013)

Kommentar zu Artikel:

Die letzten Zeitzeugen erinnern sich

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen