NS-Tagebuch: "Schicksal von Millionen in meine Hand gelegt"

In den USA sind Aufzeichnungen aufgetaucht, die Alfred Rosenberg, Hitlers "Kirchenvater des Nationalsozialismus", von 1936 bis 1944 geführt hat. Sie zeigen den Propagandisten voll Hass auf Juden, Slawen und Katholiken.

Alfred Rosenberg 1941
Alfred Rosenberg 1941
Alfred Rosenberg 1941 – Hoffmann (Bundesarchiv)

Alfred Rosenberg ist eine Gestalt aus dem Führungskreis Hitlers, die schwer zu fassen ist. War der 1893 in Reval (dem heutigen Tallinn) geborene Sohn eines Baltendeutschen und einer Estin ein Wichtigtuer, der Hitler umschmeichelte, als versponnener Bücherwurm im Ringen um die Macht aber von Himmler, Göring und Goebbels ausgebremst wurde? Oder war Rosenberg, ab 1923 Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“, Verfasser der judenfeindlichen Kampfschrift „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ und von 1941 bis Kriegsende Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Planer der systematischen Versklavung und Vernichtung der Slawen und Juden Osteuropas?

Die nun in den USA aufgetauchten Aufzeichnungen Rosenbergs der Jahre 1936 bis 1944 tragen zum besseren Verständnis des Wesens des Mannes bei, den Hitler im August 1936 als „Kirchenvater des Nationalsozialismus“ bezeichnet hat. Das US Holocaust Memorial Museum in Washington hat die Sammlung loser Blätter vor Weihnachten vom amerikanischen Zollschutz übernommen. 15 Jahre haben Historiker des Museums den Nachlass von Robert Kempner, dem deutschen Assistenten des US-Chefanklägers bei den Nürnberger Prozessen, nach dem Dokument durchsucht. Seit Kriegsende hielt sich das Gerücht, der 1993 verstorbene Kempner habe das „Rosenberg-Tagebuch“ unterschlagen.

"Eiterproduzent" Goebbels

Es ist ein merkwürdiger Text, kein wirkliches Tagebuch, sondern eine Grundlage für Memoiren, die Rosenberg nach dem Endsieg verfassen wollte. „Es spielt sich so viel ab, dass es für eine spätere Zukunft vielleicht doch nicht ganz ohne Reiz ist, den Verlauf des Gestaltenwandelns in allen führenden Stellen nachzuweisen“, schreibt er Ende Juli 1936.

In diesem gespreizten und eitlen Ton geht es weiter. Hier feilt ein selbstverliebter Karrierist an seinem Ruhm. „Ich weiß zwar sehr wohl, dass die Zeiten für mich noch nicht reif sein, aber manchmal ist es herbe, Menschen Dinge verwalten zu sehen, die ich geistig gestaltet habe“, notiert er am 11. August 1936. Nach dem Parteitag 1937, auf dem ihm der Nationalpreis („als Erstem unter den Lebenden“) überreicht wurde, notiert Rosenberg, Hitler habe „plötzlich Tränen in den Augen“ gehabt und zu ihm gesagt: „Den ersten Preis des Reiches können doch nur Sie erhalten. Sie sind doch der Mann...“

Stets ist Rosenberg darauf bedacht, Nebenbuhler bei Hitler zu diskreditieren, besonders oft den Propagandaminister Goebbels im Visier. Nach dem Reichspogrom im November 1938 schreibt Rosenberg über Goebbels, der wegen seiner Sexaffären – bevorzugt mit Ufa-Filmsternchen – den Spitznamen „Bock von Babelsberg“ trug: „Früher schimpften wir über die jüdischen Generaldirektoren, die ihre Angestellten sexuell zwangen. Heute tut es Dr. G.“ Im März 1939 hält er fest: „G. ist ein Eiterproduzent.“

Als Zweites springt der Hass Rosenbergs auf die katholische Kirche ins Auge. „Die widerlichen Burschen im Papstornat sind des anständigen Kerns der europäischen Völker nicht wert gewesen“ (23.8.1936). Was er mit den Katholiken und ihren Kirchen plant, macht er am 13.9.1940 deutlich: „So hoffe ich, dass zuerst im Strassburger Münster das Monument dieser deutschen Soldaten errichtet wird.“ Kriegerdenkmäler müssten die Mariensäulen ersetzen, Dome sollten in Nazi-Festhallen umgewidmet werden.

"Gegen Moskowitertum und Judentum"

Die dritte Lehre wiegt am schwersten: Rosenberg war ein skrupelloser Planer des industriellen Massenmordes in Zentral- und Osteuropa. Seine Versuche, sich im Nürnberger Prozess als kleines Rädchen darzustellen, klingen angesichts eines Eintrags etwa vom 28.3.1941 verlogen: „Ich glaube, die ukrainische Frage sei nur durch klare Losungen zu lösen: gegen Moskowitertum und Judentum. Das seien 200 Jahre alte Parolen, die jetzt verwirklicht werden können.“

Kurz darauf ernannte Hitler Rosenberg zum Sonderbeauftragten für die zu erobernden Ostgebiete – Monate vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion: „Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen. Für diese ganze russische Frage will ich bei mir ein Büro einrichten, und Sie sollen es übernehmen.“ Rosenberg ist entzückt (2.4.1941): „Millionen und ihr Lebensschicksal werden damit in meine Hand gelegt. Ob Millionen anderer der Durchsetzung dieser Notwendigkeit einmal fluchen werden, was tut's.“

Der Massenmord an den Juden, der zu der Zeit in den ihm unterstellten Gebieten vom Baltikum bis zur Ukraine verübt wird, kommt in den Aufzeichnungen kaum vor. „Bericht aus Semgallen“, notiert Rosenberg am 12.9.1941 über die westlettische Region. „Jetzt, wo Juden und Kommunisten ausgemerzt sind, lebt das Volk auf.“ Oder, viel früher schon, am 23.8.1936: „Immer wieder fasst mich die Wut, wenn ich mir überlege, was dieses jüdische Parasitenvolk Deutschland angetan hat.“

Spätestens mit Stalingrad begann Rosenbergs Stern zu sinken. Seit Februar 1944 empfing Hitler ihn nicht mehr. „Bei solchem Lauf der Dinge ist es kein Wunder, dass ein großes Reich gefährdet ist“, jammert er. Den Verlust des Realitätssinns lässt ein Eintrag vom 4. August 1943 ahnen: „Angesichts der Vernichtung der Großstädte erscheint mir für die Zukunft eine Chance für Wiederentdeckung des Ländlichen gegeben.“

Bis zuletzt blieb Rosenberg überzeugter Nationalsozialist. Andere sind schuld: „Klar ist aber, dass viele der höheren Offiziere den revolutionären Zug dieses Krieges nicht verstanden haben“, zürnt er im Sommer 1944. Erst am 12.11.1944, in einem der letzten Einträge, dämmert es ihm: „Man wird mich für das bisherige Versagen verantwortlich zu machen versuchen.“

ZUR PERSON

Alfred Rosenberg wurde 1893 in Reval (heute Tallinn) geboren. Ab 1923 leitet er die NSDAP-Zeitung „Völkischer Beobachter“, 1933 wird er Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, 1941 macht ihn Hitler zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. 1946 wird er in Nürnberg für seine Beteiligung an den Kriegsverbrechen gehenkt. Das US Holocaust Memorial Museum bringt im Herbst 2014 mit dem Zentrum für Holocaust-Studien am Münchner Institut für Zeitgeschichte eine kommentierte Fassung seines Tagebuchs heraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2014)

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