Kriegsausgaben: Geld, Geld und noch einmal Geld

Die Finanzierung der Kriegsausgaben erfolgte großteils über Anleihen. Diese wurden mit propagandistischem Aufwand lanciert und sollten die Kriegsbegeisterung fördern. Durch die Hyperinflation wurden die Anleihen später wertlos.

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Dass man zum Kriegführen drei Dinge brauche, Geld, Geld und noch einmal Geld, ist eine alte Weisheit. Doch beim Ersten Weltkrieg ging es um ganz neue, viel größere Dimensionen. Auf etwa 80 bis 90 Milliarden Kronen lassen sich die direkten Kriegskosten Österreich-Ungarns beziffern, ohne die Folgekosten in den nächsten Jahrzehnten. Zum Vergleich: Der Staatshaushalt der beiden Reichshälften zusammen erreichte im letzten Friedensjahr etwa 4,9 Milliarden Kronen.

Das Volkseinkommen der Habsburgermonarchie wurde auf etwa 19,3 Milliarden Kronen geschätzt. Insgesamt wurde wohl fast die Hälfte des von 1914 bis 1918 erwirtschafteten Sozialprodukts für den Krieg verwendet. Mehr als 60 Prozent dieser Kosten entfielen auf Verpflegung und Bekleidung der Soldaten, 25 Prozent auf Bewaffnung und Munition, der Rest auf Pferde, Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge, Bauten und Sanitätsausgaben.

Österreich war „sparsam“. Dabei könnte man sagen: Österreich war ohnedies „sparsam“. Denn Deutschland, das um etwa ein Viertel mehr Einwohner hatte als die Habsburgermonarchie, gab fast dreimal so viel aus, und Italien, um fast ein Jahr weniger lang im Krieg und bevölkerungsmäßig deutlich kleiner und wirtschaftlich schwächer, fast ebenso viel wie Österreich-Ungarn.

Die USA, für die der Krieg nur eineinhalb Jahre lang dauerte, verbrauchten doppelt so viel wie die Habsburgermonarchie. Insgesamt werden die direkten Kosten des Ersten Weltkriegs für alle Kriegsteilnehmer zusammen auf über 1000 Milliarden Kronen geschätzt, von denen etwa ein Drittel auf die Mittelmächte und zwei Drittel auf die Alliierten entfielen.

Wie finanziert man derart horrende Kriegsausgaben? Infrage kommen Steuern, Anleihen, Geldschöpfung und die Requirierungen von Gütern und Zahlungen aus besetzten Gebieten oder besiegten Staaten.

Von den etwa 90 Milliarden Kronen Kriegskosten Österreich-Ungarns wurden 53,7 Milliarden Kronen durch Kriegsanleihen aufgebracht und 35,7 Milliarden Kronen durch den Druck zusätzlicher Banknoten, überhaupt nichts hingegen über Steuern.

Mussten schon vor dem Krieg wichtige Rüstungsbeschaffungen über Anleihen gedeckt werden, so reichten die Steuereinnahmen während des Krieges nicht einmal mehr, um die normalen Staatsaufgaben wie Schule, Verwaltung, Infrastruktur und innere Sicherheit abzudecken. Das lag einerseits an der Art des österreichischen Steuersystems, dessen Ergiebigkeit wegen der einseitigen Ausrichtung auf Zölle und indirekte Steuern für Grundbedürfnisse wie Mehl, Zucker, Bier, Fleisch und Tabak im Kriegsverlauf dramatisch abnahm, während man die mit einem Spitzensteuersatz von fünf Prozent nahezu bedeutungslosen Einkommensteuern nicht zu erhöhen wagte. Die Staatseinnahmen sanken daher bis 1917/18 zu realen Preisen gerechnet auf 16 Prozent des Friedensstandes.

Finanzierung über Anleihen. Alle Krieg führenden Staaten griffen auf Anleihen als Finanzierungsinstrument zurück. Sie wurden mit großem propagandistischen Aufwand lanciert und sollten nicht nur die Kriegsbegeisterung fördern, sondern bei den Anleihezeichnern auch zu einem materiellen Interesse am Kriegserfolg führen.

Deutschland deckte mit dem Erlös der Anleihen rund 60 Prozent seiner Kriegskosten. Die USA finanzierten 58 Prozent ihrer Ausgaben durch die sogenannten Liberty und Victory Bonds. In Österreich waren es ebenfalls etwa drei Fünftel. Nominell wurden von der österreichischen Finanzverwaltung in acht Emissionen 35,1 Milliarden Kronen eingenommen. Die 17 in Ungarn aufgelegten Kriegsanleihen erzielten ein Nettoergebnis von rund 18 Milliarden Kronen. Der Form nach waren sie zu 5,5 Prozent, später 6,25 Prozent verzinste Schatzscheine, die zwischen 1920 und den 1950er-Jahren zurückgezahlt werden sollten.

Was der amerikanischen Regierung mit überraschendem Erfolg gelang, nämlich alle Bevölkerungsgruppen, auch die große Gruppe der Amerikadeutschen, zur Zeichnung zu motivieren und ihnen damit auch ein materielles Interesse am Kriegserfolg zu vermitteln, misslang in der Habsburgermonarchie. Hier wurden keineswegs alle Nationalitäten und Bevölkerungsgruppen in gleichem Ausmaß erreicht.

Die Kriegsanleihen waren vor allem von Deutschösterreichern gezeichnet worden. Auffallend war der bescheidene Anteil, den das führende tschechische Finanzinstitut, die Zivnostenska Banka, unter den Subskribenten bereits der ersten Kriegsanleihe Ende 1914 einnahm. Der Bank wurde passive Resistenz vorgeworfen. Es wurde errechnet, dass bei dieser ersten Kriegsanleihe 85 Prozent der Veranlagungen in Böhmen deutschsprachigen Instituten und Personen zuzurechnen waren und nur 15 Prozent tschechischsprachigen. Auch bei den folgenden Anleihezeichnungen blieb diese Grundtendenz erhalten. Wer Kriegsanleihen zeichnete und wer nicht, war und blieb Gegenstand heftigster politischer und öffentlicher Kontroversen.

Auch zahlreichen vermögenden Hocharistokraten wurde vorgehalten, sich nicht adäquat an den Kriegsanleihen beteiligt zu haben. Das korrespondiert auf recht eigentümliche Art mit dem Vorwurf, dass gerade der hohe österreichische Adel ganz anders als der reichsdeutsche sich auch bei der persönlichen Kriegsdienstleistung eher zurückgehalten habe. Hingegen dürften sich überproportional viele Spitzenverdiener aus der sogenannten zweiten, zu einem beträchtlichen Teil jüdischen Gesellschaft unter den Anleihezeichnern befunden haben, gerade um ihre österreichische beziehungsweise deutsche Gesinnung ostentativ unter Beweis zu stellen.

Während die USA und England etwa ein Viertel ihrer Kriegskosten über Steuererhöhungen finanzierten, blieb in Österreich nur die Notenbank. Nominell wurden vom österreichisch-ungarischen Staat etwa 35 Milliarden Kronen von der Notenbank in Anspruch genommen. Die Geldmenge stieg von 1914 bis 1918 von 3,4 auf 42,6 Milliarden Kronen. Das schlug voll auf die Preisentwicklung durch.

Jedes Jahr kam es zu einer Verdoppelung der Preise. Bis Kriegsende war die Kaufkraft der Krone auf ein Sechzehntel des Friedenswertes gesunken. Bis Juli 1922 war ein Vierzehntausendstel des Vorkriegswerts der Krone und damit die völlige Entwertung aller Geldvermögen erreicht.

Hyperinflation. Damit löste die Hyperinflation auch die Frage der Tilgung der Kriegsanleihen, während die nach Kriegsende vollzogene Erhöhung des Grenzsteuersatzes der Einkommensteuer von fünf auf 60 Prozent, die Einhebung einer Vermögensabgabe und die Einführung der Umsatzsteuer nur einen Tropfen auf den heißen Stein bedeuteten. Durch die Hyperinflation wurden die Schulden getilgt und die Geldvermögen vernichtet.

Die Bauern und Arbeiter hatten nicht viel zu verlieren. Die hohe Vorkriegsverschuldung der Landwirtschaft wurde durch die Inflation beseitigt, während die Lebensmittelpreise stiegen. Den Arbeitern kam die größer gewordene Verhandlungsmacht der Gewerkschaften zugute. Die Mittelschicht der Beamten hingegen wurde empfindlich getroffen. Sie verlor bis zu 80 Prozent ihres Realeinkommens. Viele hatten in Kriegsanleihen investiert. Die höchsten Einkommen wurden am stärksten beschnitten, auch wenn es sich oberflächlich angesichts des Luxus einiger Inflationsgewinnler ganz anders darstellen mochte. Die Einkommensunterschiede wurden deutlich geringer. Zählte man 1912, gerechnet auf das Gebiet der heutigen Republik Österreich, noch 1306 Personen, die ein Jahreseinkommen von mehr als 100.000 Kronen versteuerten, so gab es 1925 nur mehr 209 Personen, die ein ähnlich hohes Spitzeneinkommen erreichen konnten.

Die Erosion der hohen Einkommen setzte schon im Ersten Weltkrieg ein. Direkt geschädigt waren jene, deren Unternehmen oder Interessen unmittelbar im Kriegsgebiet oder im feindlichen Ausland lagen, sei es in Italien, England, Ägypten oder Thailand.

Der Großonkel des einflussreichen kommunistischen Historikers Eric Hobsbawm, Albert Mayer, der eine Kaufhauskette mit sechs Standorten in Ägypten und im Osmanischen Reich betrieb und im Jahr 1910 ein für damalige Zeiten riesiges Einkommen von 106.000 Kronen versteuerte, hinterließ bei seinem Tod 1927 „ein Paar Manschettenknöpfe, einer davon gebrochen, eine Brille, eine Uhr“ und einen Berg von Wertpapieren ohne Wert. Angeblich hatte er 700.000 Kronen mit Kriegsanleihen verloren.

Ähnlich erging es vielen superreichen Familien von Miller-Aichholz bis Vonwiller. Friedrich Pacher-Theinburg zog 1926 Bilanz: Er hatte neun Zehntel seines Vermögens verloren, obwohl er es nicht in Staatspapieren oder spekulativen Werten angelegt hatte, sondern in Effekten und guten Industrieaktien und auch kaum in Kriegsanleihen.

Im Sommer 1918 veräußerte Eugen Miller-Aichholz sein Palais mitsamt der berühmten Kunstsammlung an den Spekulanten Camillo Castiglioni. Dieser sollte sich nicht viel später rühmen, dass ein einziger der fünf Tiepolo der Sammlung mehr wert sei als die ganzen sechs Millionen, die er für Palais und Inhalt gezahlt habe.

Nie in der jüngeren Geschichte Österreichs und nirgendwo in der Habsburgermonarchie war die Vermögens- und Einkommensverteilung so ungleich gewesen und gab es so viele Superreiche wie in Wien in den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Diese Millionärsschicht, die den Glanz des Wiener Fin de Siècle prägte und ihn auch finanzierte, ist mit dem Ersten Weltkrieg zum größeren Teil untergegangen.

Univ. Prof. Dr. Roman Sandgruber, Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Linz, zuletzt: Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910, Wien, Styria, 2013.

Kosten

90

Milliarden Kronenkostete Österreich-Ungarn der Erste Weltkrieg.

53,7

Milliarden Kronen
wurden in Österreich-Ungarn durch Kriegsanleihen aufgebracht und 35,7 Milliarden Kronen durch den Druck zusätzlicher Banknoten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)

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