Österreich nach '45: Ein Staat im Staate namens USIA

Für „Spionage“ gab es in der Sowjetzone den Genickschuss. Insgesamt wurden zwischen 1950 und 1953 104 Österreicher in Moskau erschossen.

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Am 25. September 1951 begibt sich der Fabrikarbeiter Leo Thalhammer (49) aus Wiener Neustadt zu einer befohlenen „Auskunfterteilung“ in die Kommandantur der sowjetischen Besatzungsmacht in Wien. Seine Frau begleitet ihn. Sie wird heimgeschickt. Aus einem offenen Fenster im ersten Stock hört sie ihren Mann aufschreien: „... kann nur eine Verleumdung sein, ich weiß von dem Ganzen nichts!“ Dann hört sie klatschende Schläge, das Fenster oben wird geschlossen.

Leo Thalhammer ist nie heimgekehrt. In Moskau erforschte Dokumente zeigen, dass er am 4. Dezember 1951 vom sowjetischen Militärtribunal in Baden bei Wien zum Tod durch Erschießen verurteilt wurde – wegen „Spionage“ für den US-Geheimdienst CIC. Am 1. März 1952 ist er in Moskau durch Genickschuss ermordet worden.

Thalhammers Verbrechen: Er hat mit seinem Schwager über die Produktionskapazität der „Raxwerke“ geplaudert, wo er angestellt war und die zum riesigen Firmenkonglomerat der USIA in Ostösterreich gehörten. Das war der schwerste Fehler seines Lebens.

Die „Upravlenie sovetskim imu??estvom v Avstrii“ („Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich“) waren 1945–1955 ein Staat im Staat in der sowjetisch besetzten Zone Österreichs. Am 2. August 1945 hatten die USA und Großbritannien jene Firmen, die während des Weltkriegs „deutsches Eigentum“ waren, der Sowjetunion als Reparation überlassen. Und die schuf sich innerhalb weniger Monate einen exterritorialen Wirtschaftskörper, der sich nur bedingt an die österreichische Steuerhoheit hielt und hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt wurde. Das wichtigste Faustpfand war dabei Erdöl. Die Vorkommen bei Zistersdorf bis Aderklaa waren höchst wertvoll, Österreich galt – gleich nach Rumänien – als das zweitgrößte Erdölland in Europa.

 

Nach Rumänien größter Erdöllieferant

Allein die Sowjetische Mineralölverwaltung (SVM) beschäftigte mehr als 11.000 österreichische Arbeiter und Angestellte. An ihrer Spitze: Ein russischer Generaldirektor, der den Befehl aus Moskau hatte, notfalls auch durch Raubbau die Ölförderung zu forcieren. In den zehn Jahren ihres Bestehens förderte die SVM 17,8 Millionen Tonnen des „schwarzen Goldes“ aus den niederösterreichischen Vorkommen; der Großteil wurde an die KP-Satellitenstaaten Osteuropas abgegeben, der Rest von den Besatzungstruppen im Land verbraucht.

Im Kalten Krieg waren die US-Geheimdienste höchst interessiert an den geheimnisvollen Vorgängen. Sie warben österreichische Arbeiter mit lächerlichen Geldbeträgen als Spitzel an. Die Notlage der Bevölkerung nutzten die Amerikaner und Briten beinhart aus. 700 Schilling und 900 Zigaretten waren ein fürstlicher Lohn für wenig Arbeit: Wann, wohin fuhren Güterzüge aus der Sowjetzone? Wie hoch ist die Ölfördermenge im Bezirk Gänserndorf? Es fanden sich genügend Verzweifelte, die um einen Hungerlohn Zuträgerdienste leisteten.

 

Rigide Indoktrinierung

Dass darauf der Tod stand, war nicht bekannt. Die russische Besatzungsmacht fand es völlig selbstverständlich, dass alle Beschäftigten in der USIA dem kommunistischen Weltbild anzuhängen hatten. Dafür bot man auch einiges: Zeitungen, Vorträge, Ausstellungen, Theater, Bibliotheken, Sportsektionen – alles ideologisch ausgerichtet. Aber: Allein schon die milde Kritik am Kommunismus galt als strafwürdig.

Auf diese Weise wurden zwischen 1950 und 1953 insgesamt 104 Österreicher (und auf österreichischem Staatsgebiet zum Tod verurteilte Personen, darunter auch russische Besatzungssoldaten) in Moskau erschossen. Ihre Asche ruht in einem Massengrab am Fuße des Donskoe-Klosters. Durch die Initiative des Grazer Historikers Stefan Karner erinnert ein Gedenkstein an die unfassbaren Vorgänge.

 

Wie im Schlachthof

Erst die Öffnung der Moskauer Archive nach dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ ermöglichte Karner und Barbara Stelzl-Marx eine lückenlose Erfassung der Stalin-Opfer. Die meisten Erschießungen fanden im Butyrka-Gefängnis beim Weißrussischen Bahnhof statt. Der Henker, Vassilij M. Blochin, kleidete sich zu diesem Zweck wie ein Schlächter: braune Schirmmütze, lange Lederschürze und Handschuhe, die bis über die Ellbogen reichten. Die gefesselten Opfer wurden mit Genickschuss umgebracht, die Leichen sofort ins einzige Moskauer Krematorium transportiert.

In seinem Gnadengesuch ans Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR flehte Thalhammer am 6. Dezember 1951 um ein milderes Urteil: „Ich bereue meine Tat auf das Tiefste und habe mich nur aus übergroßer Not hiezu verleiten lassen. Die Angaben, die ich gemacht habe, rechtfertigen jedoch nicht dieses harte Urteil. [...] Ich bitte um meiner Kinder willen, hiervon zwei unmündig, und einer schwer leidenden Gattin um Gnade und versichere, dass ich mein ganzes Können für den Aufbau von Russland einsetzen werde ...“

Am 22. Jänner 1952 beschied das Oberste Gericht der UdSSR dieses Gesuch abschlägig. Einen Tag vor seinem 50. Geburtstag ereilte den gelernten Kupferschmied sein Schicksal. 1956, nach dem österreichischen Staatsvertrag und dem Abzug der Sowjets aus Österreich, teilte die Hauptverwaltung der Miliz der UdSSR den Angehörigen lediglich Thalhammers Tod mit, nicht ohne kalten Zynismus: „Zerreißen der Aorta“.

Am 12. Jänner 1998 hat die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation Leo Thalhammer schriftlich für rehabilitiert erklärt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)

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