Geistreiche Spötter liebt man nicht

Stephan Koren senior. Ein rasanter Ökonom, den es für ein paar Jahre in die Parteipolitik verschlug.

(c) Die Presse (Archiv/Komuczki)

Er war Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg. Er überlebte seinen Abschuss im Russland-Feldzug, verlor dabei zwar seine rechte Hand, aber nicht seinen Sarkasmus. Viele, die ihn später als Politiker kennenlernten, nannten ihn zynisch. Aber das war Stephan Koren nicht. Mit Ironie panzerte er sich gegenüber der Umwelt, gegen unerbetenes Mitleid der Gesunden gegen den „Krüppel“. Und er tat alles, um sein Handicap zu überspielen. Er lenkte seine Autos in halsbrecherischer Geschwindigkeit. Und war höchst indigniert, als ihm eine neue Straßenverkehrsordnung eine Kurbel am Lenkrad vorschrieb.

 

Zu klug für Parteipolitik

Stephan Koren: ein Volkswirtschaftler mit Höchstgeschwindigkeit, auch im analytischen Denken. Ein sogenannter „Blitzgneißer“, der in Wahrheit zu klug für die Parteipolitik war. In der Volkspartei liebt man solch rasche Menschen nicht wirklich. Und das wusste Bruno Kreisky auszunützen. Er zog 1978 den recht unangenehmen VP-Klubobmann aus der Oppositionsriege einfach heraus, indem er ihm die Nationalbank-Präsidentschaft anbot. Der Volkswirtschaftsprofessor musste nicht zweimal überlegen. Und wurde so zum unbestrittenen Hüter der Hartwährungspolitik in Österreich, zum kongenialen Partner des sozialistischen Führungsduos Kreisky/Androsch.

 

Zigarette als Markenzeichen

Mit diesem Schachzug war der Kettenraucher Koren („Player's Navy Cut“) zum überparteilichen Wirtschaftspolitiker aufgestiegen. Die Volkspartei hatte über Nacht ihren brillantesten Kopf verloren – aber Österreich als Ganzes hatte damit gewonnen.

In vielen währungstechnischen Problemstellungen ging Koren mit dem SPÖ-Finanzminister Androsch nun bis 1980 konform (so lange dieser eben Minister bleiben durfte). Das trug nicht unwesentlich zum Misstrauen Kreiskys gegenüber seinem bisherigen Liebling Androsch bei. Denn in Wirtschaftsdingen war der Philosoph, Theoretiker und Außenpolitiker Kreisky den beiden Experten haushoch unterlegen. Und wenn sie dann auch noch mit Anton Benya und Josef Staribacher eine kompakte Achse bildeten, blieb Kreisky allein auf weiter Flur.

 

Abschuss im Russlandfeldzug

1919 war er in Wiener Neustadt als Sohn eines aus der Südsteiermark stammenden Gelegenheitsarbeiters und einer Waldviertler Bauerntochter geboren worden. Nicht unbedingt die besten Startchancen für den Höhenflug, der bis in die Chefetage der Nationalbank führen sollte. Der Weltkrieg war Prüfung und Chance zugleich. Denn schon 1941 war für ihn durch den Verlust der rechten Hand der Weg fürs Wirtschaftsstudium frei. 1946 promovierte der kriegsversehrte Jagdflieger und heuerte am Institut für Wirtschaftsforschung an. Oft erzählte er in späteren Jahren, dass seine anfängliche Tätigkeit als Wirtschaftsforscher darin bestand, aus dem Schutt der zerbombten Wiener Börse Akten auszugraben.

Doch Koren wollte mehr. 1965 eröffnete sich die Chance auf einen Lehrstuhl in Innsbruck, den er – gegen den Willen der SPÖ – auch bekam. Er wurde zum Wochenpendler. Natürlich mit dem eigenen Auto, mit dem er neue Geschwindigkeitsrekorde Wien–Innsbruck aufstellte.

 

Die Korens in Dornbach

Sechs kleine Kinder versorgte in Wien inzwischen die zarte Ehefrau Marianne, die aus wohlhabendem Haus stammte. In Dornbach schuf sich die Familie ihr Refugium, das später, während der Zeit des Finanzministers Koren (1968–1970) zum beliebten Treffpunkt von Künstlern, Wissenschaftlern, Journalisten, Finanzgurus und Nachwuchshoffnungen wurde.

Koren gehörte in den Sechzigerjahren keiner Partei an. Als ihn VP-Kanzler Klaus suchen ließ, um ihm die Mitarbeit an der „Aktion 20“ anzutragen, landete die Einladung zunächst beim wesentlich berühmteren steirischen Volkskulturpapst Hanns Koren. Doch dann ging es Schlag auf Schlag: 1967 Staatssekretär im Kanzleramt für Wirtschaftsfragen, 1968 Finanzminister nach Wolfgang Schmitz. Josef Klaus, der mit seiner ÖVP seit 1966 allein regierte und eine Serie gewaltiger Niederlagen bei Landtagswahlen hinnehmen musste, erhoffte sich nun eine Wende zum Besseren.

Doch Koren blieb auf dem Boden. Eine tiefe Rezession erlaubte keine populistischen Mätzchen. Im Gegenteil: Der „Paukenschlag“ traf alle Konsumenten gleichmäßig: Einerseits mäßige Neuverschuldung zur Konjunkturankurbelung, einschneidende Ausgabenkürzungen, aber auch: Autosondersteuer, höhere Alkohol- und Tabaksteuern, vorübergehende Anhebung der Vermögens-, Lohn- und Einkommensteuer.

Das war nicht ganz nach dem Geschmack der ÖVP, die sich 1970 der Wiederwahl stellen musste, aber ganz nach dem Gusto des neuen SPÖ-Oppositionschefs Bruno Kreisky, der sich über eine Staatsschuld alterierte, die heute nur ein müdes Lächeln hervorzaubern würde. Das Auto teurer, Wein und Zigaretten: Was musste man noch tun, um die Wähler zu vergraulen?

 

Schleinzer als Rivale

Natürlich kam es 1970 wie es kommen musste. Kreisky & Androsch erbten ein saniertes Budget, Koren musste in die Opposition und griff nach dem Vorsitz in der ÖVP. Aber da war ein Rivale, der das innere Gefüge der Volkspartei besser im Griff hatte. So wurde 1971 der Kärntner Karl Schleinzer Obmann, Koren sein Fraktionsführer.

Keine lohnende Aufgabe für einen Mann mit Temperament, denn Kreisky beackerte das Feld der öffentlichen Meinung nach Lust und Laune. Das Verhältnis Schleinzer-Koren war freundlich, aber eher distanziert. Der äußerst ernste Parteichef tat sich schwer mit dem geistreichen Spötter. 1975, als Schleinzer mitten im Wahlkampf zu Tode kam, entschied sich die Partei im ersten Schock für Josef Taus als Nachfolger. Karl Kahane war der Einzige, der damals Koren als Alternative empfohlen hatte. Aber es war keine wirkliche Niederlage. Denn Koren wäre wahrscheinlich kein guter Parteiobmann geworden. Kanzler ja. Aber Parteichef der Volkspartei nicht. Er hatte sich nie um eine „Hausmacht“ gekümmert, der Akademikerbund war da doch zu wenig.

 

Endlich überparteilich

So hielt sich denn auch die Trauer der ÖVP in Grenzen, als Koren in die Nationalbank wechselte. Beide Seiten waren erleichtert. Und der Wirtschaftsprofessor konnte nun all seine Fähigkeiten zur Entfaltung bringen, die er in den Dienst Österreichs stellte. Er war ein bewährter, sturer und verlässlicher Hüter der Währung. Ohne Rücksicht auf Partikularinteressen. Als die Industriellenvereinigung seine Hartwährungspolitik missbilligte, rief er am Schwarzenbergplatz an: „Schicken Sie mir ein Fernschreiben mit Ihrem Protest. Ich lege es ab und Sie haben gegenüber Ihren Mitgliedern Ihre Pflicht erfüllt. Und ich tue weiter, was ich als meine Pflicht erachte.“

Es war Anfang der Fünfzigerjahre, als der Wirtschaftsforscher Koren seinem Besucher Ernst Göttlicher bei Kaffee und Zigaretten anvertraute: „Wie kann ein Mensch nur so dumm sein, in die Politik zu gehen!“ Göttlicher erinnerte später den Klubobmann der ÖVP an dessen Beurteilung. Korens schlagfertige Antwort: „Sehen Sie, lieber Freund, ein weiterer Beweis, dass sich auch Wirtschaftsforscher irren können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2009)

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