Enthüllung: Israel wollte Waldheim reinwaschen

Der israelische Autor Ronen Bergman berichtet von einem Rehabilitierungsangebot. Der Deal: Israels Regierung stellte Hilfe bei Beendigung der internationalen Isolierung in Aussicht. Waldheim versuchte dafür, den israelischen Piloten Arad freizubekommen.

Kurt Waldheim
Kurt Waldheim
(c) AP (Berkun)

WIEN (red.). Er war in den USA und Westeuropa wegen der Diskussion über seine Kriegsvergangenheit weitgehend isoliert. In die Vereinigten Staaten durfte Bundespräsident Kurt Waldheim nicht einmal einreisen. Und Israel hatte wegen Waldheims Präsidentschaft die Beziehungen zu Österreich herabgestuft.

Doch der israelische Starjournalist Ronen Bergman lässt nun mit neuen Enthüllungen aufhorchen: Israels Regierung war bereit, Waldheim zu rehabilitieren und die Beziehungen zu Österreich wiederherzustellen. Und zwar dann, wenn es der ehemalige UN-Generalsekretär schaffen würde, Ron Arad freizubekommen, einen 1986 über dem Libanon abgestürzten israelischen Piloten. Israel hatte Informationen, dass Arad entweder im Iran oder von proiranischen Gruppen im Libanon festgehalten wird.
Laut Bergman sandte Israels Regierung den Anwalt Ori Slonim nach Wien, um mit Waldheim Kontakt aufzunehmen. Slonim bestätigte der „Presse“, den Präsidenten getroffen zu haben. Waldheim reiste 1991 nach Teheran. Ron Arad bekam er allerdings nicht frei.

Exklusiv in der "Presse": Das Waldheim-Kapitel im neuen Enthüllungsbuch des Starjournalisten.

Aus dem Buch von Ronen Bergmann:

Noch nach 20 Jahren wühlt den Anwalt Ori Slonim die Erinnerung an ein Treffen mit dem damaligen Verteidigungsminister Jitzhak Rabin auf. Slonim hat Rabin damals in der Angelegenheit Kriegsgefangene und Vermisste beraten: „Wir haben versucht, über originelle Wege nachzudenken, wie wir Ron Arad nach Hause bringen könnten. Und ich erinnerte mich plötzlich an die guten Beziehungen zwischen dem Iran und dem österreichischen Präsidenten. Das Thema war aus unserer Sicht so wichtig, dass wir bereit waren, mit jedem Kontakt aufzunehmen, selbst mit einem, der mit dem Teufel kollaborierte.“

Das Büro des „Koordinators der israelischen Regierung für Aktionen im Bereich Geiseln und Vermisste“ befindet sich ganz in der Nähe des Premierzimmers, jenes Raums, der schon David Ben-Gurion auf der Anlage der Templer in Tel Aviv als Büro diente. Die Nähe zum Ohr des Bosses unterstreicht die Dringlichkeit des Problems „Geiselbefreiung“. In einer Ecke des Büro des Koordinators steht der Tresor, in dem die Akten liegen, die unter „höchste Geheimhaltung – schwarz“ abgelegt sind, der höchsten Sicherheitskategorie in Israel.

Keiner wird die Israelis und die israelische Führung wirklich verstehen, wenn er nicht weiß, wie tief im kollektiven Erbgut die biblische Mizwa (jüdische Vorschrift) eingebrannt ist, Geiseln zu befreien. Davon wurden auch wir erneut Zeugen im Fall des Soldaten Gilad Schalit, der seit Jahren von der Hamas als Geisel festgehalten wird. Der gesamte Staat wird vor lauter Sorge schlicht verrückt.
Der Tresor enthält alles – die geheimsten Geheimakten des Mossad, des militärischen Abwehrdienstes Aman und des Shin Beth –, ein menschliches, herzzerreißendes Drama, Hingabe, Entschlossenheit, Opferbereitschaft vonseiten der anonymen Soldaten, die den israelischen Geheimdiensten angehören, Verfolgungsjagden, Explosionen, Hinterhalte, Gangster, die sich die israelische Empfindlichkeit hinsichtlich der „Mizwa der Geiselbefreiung“ zunutze machen, böse Araber wie herzlose Juden und Christen, Aktionen und Vergeltungsaktionen, Geheimoperationen und die Schlagzeilen am nächsten Morgen.

Ein Fall nimmt viel mehr Platz ein als alle anderen – das tragische Verschwinden des Luftwaffennavigators Ron Arad, das größte Rätsel in der Geschichte des Staates Israel. Die „größte Suchexpedition in der Geschichte der Menschheit“ nannte ein hoher Mossad-Mann die enormen Anstrengungen, die der Nachrichtendienstapparat Israel unternahm, um Arad nach Hause zu bringen. Der große Teil dieser Expedition fand im Geheimen statt.

Gefangen von der Amal-Miliz

Ron Arad sprang im Oktober 1986 während einer Mission über dem Südlibanon ab. Eine Bombe war wegen einer technischen Störung unter dem Flügel explodiert, und die beiden Piloten mussten das Flugzeug verlassen. Der Pilot Ischai Awiram überlebte. Ron Arad blieb aufgrund einer Reihe von Fehlern der Streitkräfte zurück. Arad wurde von der schiitischen Bewegung Amal festgenommen, einer vergleichsweise moderaten Bewegung. Im Verlauf einer längeren Zeitspanne fanden Verhandlungen mit dem Anführer der Bewegung, Nabi Berri, statt. Berri verlangte die Freilassung von Palästinensern, die in Israel wegen Mordes verurteilt worden waren.

Verteidigungsminister Jitzhak Rabin hatte wegen eines Gefangenenaustausches, bei dem zwei Jahre zuvor hunderte Mörder entlassen worden waren, schwerste Kritik über sich ergehen lassen müssen. Er ordnete nun an, im Fall Arad die Verhandlungen fortzusetzen. Er war nicht bereit, den Preis zu zahlen, der heute, angesichts der Forderungen der Hamas für Schalit, lächerlich erscheint.

In der Zwischenzeit geriet der Sicherheitsoffizier der Amal, Mustafa Dirani, mit seinem Chef Berri in Streit und verließ die Bewegung. Den Gefangenen Arad nahm er mit und vertraute ihn der Familie von Verbündeten an. Aus deren Haus verschwand Arad in der Nacht vom 4. zum 5. Mai 1988. Seither ist sein Schicksal ungewiss.

Der israelische und der bundesdeutsche Nachrichtendienst sind im Besitz von nachrichtendienstlichem Material, das beweist, dass Arad im Iran oder von proiranischen Gruppen im Libanon festgehalten wurde.

Auf der Basis dieser Informationen versuchte Israel wiederholt, Druck auszuüben, Doch all diese Versuche scheiterten. Es musste jemand gefunden werden, der einen Ausweg aus der Sackgasse möglich machte. Rabin bat den Anwalt Ori Slonim zu einem Gespräch unter vier Augen zu sich, um sich mit ihm über eine mögliche Lösung zu beraten. Slonim: „Ich sagte Rabin, dass ich einen etwas ungewöhnlichen Vorschlag zu machen hätte: Lass uns etwas mit diesem Nazi versuchen, Kurt Waldheim.“ Die Operation „Der Offizier“ begann.

Gern gesehener Gast im Iran

Kurt Waldheim fungierte in den Jahren 1972 bis 1981 als UNO-Generalsekretär und galt in Israel in diesen Jahren als proarabisch. Er hatte sich zudem nicht klar von der Revolution Khomeinis im Iran distanziert.
Waldheim gehörte zu den wenigen westlichen Diplomaten, die bereit waren, schon im ersten Jahr nach der Revolution in den Iran zu reisen, und die dort gern gesehen waren. Am Ende seiner Amtszeit als UN-Generalsekretär verbarg er seine Ambitionen auf das Amt des österreichischen Bundespräsidenten nicht.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat engagierte er sich erneut in der Politik und kündigte 1986 seine Kandidatur für das Präsidentenamt an. Kurze Zeit später veröffentlichte das Magazin „Profil“ eine Artikelserie, derzufolge Waldheim aus seiner Autobiografie jene Einzelheiten gelöscht habe, die sich mit seiner Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs bescäftigten.

Weitere Untersuchungen, die infolge der Artikelserie veröffentlicht wurden, enthüllten, dass Waldheim Nachrichtenoffizier in einer Einheit der deutschen Wehrmacht, zuständig für die Exekution und die Deportations in Vernichtungslagers-9;0 von tausenden Serben, Griechen und Juden, gewesen war.

Chaim Herzog wird eingeschaltet

Waldheim ist zwar nie direkt für Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen worden. Dennoch war es schwer zu glauben, dass er allein als Übersetzer tätig war, der von den Geschehnissen nichts wusste und der zur Zeit der Verbrechen im Urlaub war und der – natürlich – „nur seine Pflicht als Soldat erfüllte“.

Dessen ungeachtet waren die meisten Österreicher davon überzeugt, dass Waldheim mit den Gräueltaten der Nazis nichts zu tun gehabt habe. Die Anschuldigungen gegen ihn schienen seinen Aufstieg und seine Popularität sogar noch zu fördern. Er gewann die Wahl und wurde 1986 österreichischer Bundespräsident. Trotz großen internationalen Drucks weigerte sich Waldheim, von seinem Amt zurückzutreten, und führte sein Land damit in die internationale Isolation. Er durfte nicht in die USA einreisen. Israel reduzierte die diplomatischen Beziehungen auf Konsularebene; vom Iran und wenigen anderen Staaten abgesehen anerkannten die meisten Staaten die Präsidentschaft Waldheims bis zu ihrem Ende 1992 nicht.

Eine internationale Historikerkommission, die im Jahr 1988 Waldheims Vergangenheit prüfte, fand keinerlei Nachweise dafür, dass er an den Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war. Die Kommission hielt dennoch fest, dass er sich „in der Nähe“ der Orte befunden habe, wo sich einige der Gräueltaten der Nazis abspielten, dass er davon gewusst und nichts unternommen habe, um sie zu beenden.
Hinter den Kulissen startete Israels Verteidigungsminister Jitzhak Rabin einen dramatischen Prozess, der die internationale Position des österreichischen Präsidenten hätte verändern können. Ori Slonim: „Rabin sagte, er sei sich der engen Kontakte, die Waldheim zum Iran unterhalte, bewusst, und dass er in Kürze nach Teheran reisen wolle, um dort eine Reihe von Treffen mit Präsident Rafsanjani abzuhalten.

Rabin meinte, dass der israelische Präsident Chaim Herzog aus früheren Zeiten Verbindung zu Waldheim hätte – aus jener Zeit, als Herzog selbst Israels Botschafter bei der UNO gewesen war und Waldheim UNO-Generalsekretär. „Geh zu Herzog, vereinbare über ihn ein geheimes Treffen und fahr zu Waldheim, ohne dass jemand davon erfährt. Bei dem Treffen sagst du ihm, dass wir dafür sorgen werden, dass er seine Nazivergangenheit hinter sich lassen kann, wenn es ihm gelingt, Druck auf Rafsanjani zu machen, damit Ron Arad wieder nach Hause kommt. Wir werden die Probleme Waldheims lösen“, meinte Rabin. „Wir werden ihm das Unbedenklichkeitszertifikat ausstellen.“

Es blieb die Frage: Wie genau wollte Rabin sein Versprechen einhalten, die Skelette aus dem Schrank Waldheims verschwinden zu lassen? Parallel zur Reise Slonims nach Wien berief Rabin zwei seiner engsten Vertrauten zu sich, um darüber zu beraten, wie man Waldheim, dem man den Decknamen „der Offizier“ zugedacht hatte, das Unbedenklichkeitszertifikat beschaffen könnte. Schließlich war klar, dass es in dem Moment, in dem die Sache an die Öffentlichkeit käme, zu spät gewesen wäre, um nachts in die Archive einzubrechen und die entlarvenden Dokumente in Brand zu stecken.

Rabins Vertraute kamen mit zwei Vorschlägen: Der erste konzentrierte sich auf die jüdischen Organisationen weltweit, auf die man im Namen des israelischen Regierungschefs einwirken würde, damit sie der Waldheim-Affäre weniger Aufmerksamkeit widmeten, bis die Sache aus den internationalen Medien verschwinden würde. Die beiden Berater wussten von Beginn an, dass die härteste Nuss in diesem Zusammenhang der Nazijäger Simon Wiesenthal sein würde, den der Mossad schon 1963 dazu aufgefordert hatte, von einem Nazi-Erzverbrecher abzulassen, nachdem derselbe Offizier dem Mossad einen Dienst erwiesen hatte.
sDie zweite Idee war, dass Rabin selbst mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit gehen würde, dass er keine Ahnung davon habe, was Waldheim während des Weltkriegs getan oder nicht getan hat. Natürlich könne niemand im Namen der Opfer die Naziverbrechen vergeben. Aber in der Gegenwart hilft er bei der Lebensrettung eines israelischen Piloten, und die israelische Regierung dankt ihm dafür von ganzem Herzen und hebt die diplomatischen Beziehungen wieder auf das normale Niveau. Die Annahme war, dass, wenn der Judenstaat einen solchen Schritt unternähme, der Rest der Welt folgen würde.

Die Reise nach Wien

Anwalt Slonim fuhr nach Wien, ausgerüstet mit einem persönlichen Schreiben von Präsident Chaim Herzog an Waldheim sowie einem Brief von der Familie Arads und den Familien weiterer Vermisster an Rafsanjani. „Das Treffen dauerte zwei Stunden“, erinnert sich Slonim. „Waldheim war sehr herzlich und höflich. Ich hatte den Eindruck, dass ihm allein das Treffen mit einem Abgesandten des israelischen Verteidigungsministers angesichts seiner schwierigen internationalen Lage schon sehr wichtig war. Ich sagte ihm: ,Herr Präsident, Sie müssen wissen, dass die meisten der sehr kleinen Gruppe, die überhaupt weiß, dass dieses Treffen stattfindet, vehement dagegen waren.‘ Er antwortete: ,Ja, das kann ich mir vorstellen. Sie müssen wissen, Herr Staatsanwalt, dass man mir großes Unrecht antut.‘ Ich sagte: ,Dieses Unrecht kann vielleicht behoben werden‘, und dann trug ich ihm den Vorschlag Rabins vor.

Waldheim verhandelt in Teheran

Waldheim war überrascht, um es vorsichtig auszudrücken. Es war völlig klar, dass er so etwas nicht erwartet hatte. Ich hatte den Eindruck, dass ihn die Möglichkeit, ein Unbedenklichkeitszertifikat zu erhalten, sehr erfreute. Ich hatte einige Dokumente bei mir, über die Vermissten Sultan Jakow und Ron Arad sowie geweißtes – also nicht mehr geheimes – nachrichtendienstliches Material über die iranische Verbindung zu der Affäre. Als ich ging, hatte ich den Eindruck, dass er wirklich vorhatte, sich in dieser Sache starkzumachen.“

Waldheim fuhr nach Teheran und traf sich am 10. Juni 1991 mit Rafsanjani. Schon am Tag nach dem Treffen sprach der Sprecher des Weißen Hauses vor Journalisten über eine Reihe von Kontakten, darunter die Treffen Waldheims, und verkündete, dass „wir die Hoffnung haben, dass diese jüngste Serie der Kontakte vielleicht zu einer Lösung führen wird“ in der Angelegenheit der Kriegsgefangenen und der Vermissten.

Rafsanjani blieb hart

Die Stimmen aus Teheran klangen deutlich weniger optimistisch. Rafsanjani begrüßte die „antizionistische und antiamerikanische“ Haltung Waldheims. Unklar bleibt, was genau im Verlauf des Treffen gesagt wurde, aber das Ergebnis war klar.
Slonim: „Ich bin sicher, dass der österreichische Staatspräsident echte Anstrengungen unternommen hat, um den Handel zu einem Abschluss zu bringen. Er fuhr nach Österreich zurück, und einige Tage später rief ein Beauftragter von ihm an. Er erklärte mir, dass Waldheim während der Treffen wiederholt Druck auf Rafsanjani ausgeübt habe, jedesmal jedoch dieselbe Antwort erhalte. Der iranische Präsident meinte, dass er keine Ahnung habe, wer dieser Ron Arad sei, und noch weniger, was aus ihm geworden ist.“


Übersetzung aus dem Hebräischen von Susanne Knaul

<p><b>Waldheim: Vom UN-Chef zur <br />Persona non grata<br /></b><b></b><br />

1971 wird der Niederösterreicher Kurt Waldheim (*1918) zum UN-Generalsekretär gewählt. Zuvor war er u. a. Diplomat in Paris und Toronto, 1968–70 Außenminister. 1972–81 amtiert er als UN-Chef, in die Zeit fällt der Jom-Kippur-Krieg 1973. Er verstört die USA und Israel, als er die Bombardierung Nordvietnams verurteilt und den Auftritt von PLO-Chef Arafat vor der UN-Vollversammlung verteidigt (Foto: Besuch bei Israels Premier Golda Meir).

1986 tritt Waldheim für die VP in der Bundespräsidentenwahl gegen Kurt Steyrer (SP) an. Darauf enthüllt das „Profil“ seine Vergangenheit als Offizier der Wehrmacht (Foto) auf dem Balkan. Der Wahlkampf wird schmutzig, Waldheim siegt, ist aber weltweit recht isoliert – vor allem, als die USA 1987 über ihn auf Druck des „Jüdischen Weltkongress“ ein Einreiseverbot verhängen.

Israels Regierung soll laut dem Autor Ronen Bergman Waldheim heimlich angeboten haben, ihn zu rehabilitieren: Dafür müsse er auf den Iran Druck ausüben, der bewirkt, dass der Kampfpilot Ron Arad freikommt – der stürzte 1986 über dem Libanon ab, wurde von der Iran-treuen Hisbollah gefangen und seit 1988 vermisst. 1991 soll Waldheim in Teheran Irans Präsident Rafsandjani auf die Causa angesprochen haben (re.). Der sagte aber angeblich, dass er davon keine Ahnung habe.

Ein Riesenerfolg für Kurt Waldheim ist, als er 1990 vor dem 2. Golfkrieg von Iraks Diktator Saddam Hussein die Freilassung von Österreichern und Schweizern aus irakischer Geiselhaft bewirkt. 1991 verzichtet er aber auf eine zweite Kandidatur. Er stirbt im Juni 2007 in Wien. Ron Arad wird noch immer vermisst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2009)

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