1957: Das Fiasko im Kampf um die Hofburg

Wie der schwarz-blaue Bundespräsidentschaftsbewerber Wolfgang Denk „baden“ ging.

Die Suche nach einem gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten von ÖVP und FPÖ ist zwar offiziell noch nicht abgeblasen, gestaltet sich aber offensichtlich nicht sehr erfolgversprechend. Es gibt keine Persönlichkeit, die mit den Ideologien beider Parteien kompatibel wäre – und selbst dann wäre ein Wahlkampf gegen den amtierenden Präsidenten Heinz Fischer aussichtslos. Überdies gibt es in beiden Parteien gewichtige Stimmen, die auf frühere derartige Versuche verweisen – sie endeten mit Flops.

1957 hatte man es versucht. Die SPÖ stellte nach Theodor Körners Tod (4. Jänner) sehr rasch ihren Parteivorsitzenden Adolf Schärf auf. Der 67-Jährige hatte einen gewaltigen „Amtsbonus“: Er konnte damit rechnen, auf seiner Wahlreise durch Österreich als amtierender Vizekanzler entsprechend protokollarisch begrüßt zu werden.

Die Volkspartei tat sich schwer. Mit dem „Staatsvertragskanzler“ Julius Raab hätte sie zwar einen unschlagbaren Kandidaten aufzubieten gehabt, aber der populäre und machtbewusste Regierungschef wollte sich nicht in die Hofburg abdrängen lassen (so wie sich Kreisky 1974 gegen dieses Ansinnen mit Erfolg sträubte).

Inzwischen waren die Freiheitlichen nicht untätig gewesen. Sie hatten bereits die Zusage des berühmten Unfallchirurgen Lorenz Böhler in der Tasche, als plötzlich Raab an die FPÖ herantrat: Einem gemeinsamen Kandidaten der bürgerlichen Mitte könnte der Sieg eigentlich nicht zu nehmen sein. Man musste nur das Wählerpotenzial beider Gruppierungen addieren . . .

 

Ein Krebsforscher als Landesvater?

So einigte man sich auf den 75-jährigen Wiener Krebsforscher Primarius Wolfgang Denk. Diesem politischen Laien stellten die zwei Parteien ein „Koordinationskomitee“ zur Seite, denn schon zu Beginn zeigte sich, dass der Universitätsprofessor auf seine Bekanntheit vertraute, aber nicht bereit war, sich in die Niederungen eines wochenlangen Wahlkampfs quer durch Österreich zu begeben. Die ÖVP stellte ihren Generalsekretär Alfred Maleta und dessen Stellvertreter Josef Scheidl dafür ab; die FPÖ nominierte Willfried Gredler und Klubchef Emil van Tongel. Als „Adjutant“ wurde der junge Finanzbeamte Erwin Hirnschall bestimmt. Der Obmann des Wiener RFS und stellvertretende Vorsitzende in der ÖH sollte dann – so war der Plan – zu dem neuen Bundespräsidenten Denk in die Hofburg übersiedeln.

Freilich verlangte die FPÖ für ihren Verzicht auf Lorenz Böhler einen politischen Kaufpreis: ein gerechteres Wahlrecht, also Gleichgewichtung der Stimmen für ein Nationalratsmandat; eine analoge Reform für alle neun Landtage und eine gewisse Mitsprache bei der Besetzung lukrativer Posten in der verstaatlichten Industrie. Das wurde auch versprochen – das Gedächtnisprotokoll aber nicht von allen unterzeichnet. Man vertraute einander. Noch.

 

National? Christlichsozial?

Doch die Wahlkampagne wuchs sich zum Fiasko aus. Denk war bei seinen wenigen Auftritten alles andere als mitreißend. Er wirkte müde, es fehlte der Schwung. Dazu kam, dass man sich in der Darstellung des Kandidaten dauernd widersprach, erzählen die FP-Historiker Hans Zeilinger und Kurt Piringer: Die FPÖ wollte Denk als den großen Deutschnationalen „verkaufen“, während die ÖVP-Propagandisten „den Mann als treuen Katholiken, ja, als Klerikalen“ hinstellten. Dazu gesellten sich wütende Ausritte des FP-Dissidenten Fritz Stüber in dessen extrem nationaler Zeitschrift „Kampfruf“ (siehe Faksimile). Stüber war zuvor wegen parteischädigenden Verhaltens aus der FPÖ ausgeschlossen worden – und rächte sich nun als „wilder Abgeordneter“.

 

„Wer einmal schon für Adolf war . . .“

Unter den ehemaligen Nazis machte damals der geflüsterte Slogan Furore: „Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf auch in diesem Jahr.“ Ein subtiler Hinweis auf den gemeinsamen Geburtstag Schärfs und Hitlers (20. April).

Trotz des miesen Wahlkampfs des bürgerlichen Gemeinschaftskandidaten siegte Adolf Schärf am 5. Mai nur mit einem Überhang von 98.000 Stimmen (51,12 Prozent). „Die Niederlage“, so Piringer, „traf nicht nur die FPÖ, sondern auch Bundeskanzler Raab äußerst hart.“ Es sei der Wendepunkt in der strahlenden Karriere Raabs gewesen, nun begann dessen Stern langsam zu sinken.

 

Lieber Rot als Schwarz

Nachhaltig waren aber die politischen Spätfolgen. Denn die ÖVP konnte sich „nach Tisch“ an keine ihrer Zusagen mehr erinnern. Dieser „Verrat“ Raabs nagte noch jahrelang an den freiheitlichen Exponenten. Er blieb auch dem jungen Friedrich Peter unvergesslich, der 1958 die Führung der Partei übernahm: Wenn die FPÖ je in Regierungsverantwortung gelangen könne, dann nur mit der SPÖ. So lautete seine Erkenntnis und seine Überzeugung.

Mittelbar öffnete so die Wahlniederlage des Wolfgang Denk durch ihre „Kollateralschäden“ das Tor zur Regierungsära Bruno Kreiskys. Denn 1970 gab Friedrich Peter durch Duldung einer Minderheitsregierung „grünes Licht“ für 13 lange Jahre einer SPÖ-Alleinregierung in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2009)

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