Slowakei: Der "fliegende Flüchtling" ist tot

Emil Švec floh 1959 im Kleinflugzeug über die March nach Österreich. 1962 holte ihn der ČSSR-Geheimdienst mit Gewalt zurück.

(c) ORF (Interspot)

BraTiSLAVA. Am 2.August 1959 staunten die Gendarmen im Örtchen Wilfersorf bei Mistelbach (Niederösterreich) nicht schlecht: Plötzlich stand da ein Mann, der behauptete, er sei gerade mit einem Flugzeug aus der Tschechoslowakei geflohen und auf einem Acker gelandet. Sie hätten ihn nur verblüfft angestarrt und „Wooos?“gesagt, erzählte er später.

Mit der Aktion sorgte der damals 24-jährige Emil Švec, der im tschechoslowakischen Militär zum Pilot ausgebildet worden war, freilich Antikommunist war, für Aufsehen: Er hatte bei Senica, nördlich von Bratislava, einen „Fieseler Storch“ gekapert, ein kleines Militärpropellerflugzeug deutschen Typs, das zum Besprühen von Feldern umgerüstet worden war. Amateurfotos des „Rübenbombers“ auf dem Acker bei Wilfersdorf gingen um die Welt. Dabei war Švec für das Modell gar nicht ausgebildet. Später hörte er, dass schon ČSSR-Jäger gestartet waren, um ihn abzuschießen.

Ähnlich spektakulär war sein Abgang aus Österreich: Im Oktober 1962 wurde er von der Staatssicherheit der ČSSR in Kittsee (Burgenland) überfallen, verletzt und auf slowakisches Gebiet gezerrt.

 

In das Maisfeld gelockt

Zum Verhängnis wurde ihm seine Leichtsinnigkeit, als er in Wien neben dem Medizinstudium auch Journalist bei Dissidentenpublikationen war und von Menschenrechtsverletzungen in der Heimat berichtete: Unter dem Vorwand, man habe Informationen für ihn, hatte man ihn ohne Begleitung in ein Maisfeld an der Grenze gelockt.

Die jahrelange Haft ruinierte seine Gesundheit, brach aber seinen Willen nie. „Er hat einen sturen Kopf. Und weil er meint, dass er nichts zu verlieren hat, setzt er alles auf eine Karte. Er will um jeden Preis wieder nach Österreich und betrachtet seine Verhaftung als ungesetzlich“, hieß es 1966 in einem Bericht der Staatssicherheit.

Nach der Wende 1989 kämpfte er zwei Jahrzehnte um Wiedergutmachung für sich und die Bestrafung seiner Entführer. Noch im Sommer 2009, als er, von Krankheit gezeichnet, in seinem mit Büchern und Bildern überfüllten Häuschen in Piešt'any der „Presse“ das letzte Interview seines Lebens gab, legte er Auszüge des neuesten Schriftverkehrs vor, den er mit den slowakischen Behörden führte: „Entgegen Ihren wiederholten Behauptungen ist der von Ihnen verlangte Akt nicht bei uns archiviert. Auf weitere Briefe von Ihrer Seite reagieren wir nicht mehr“, antwortete ihm etwa genervt ein für Gefängnisdokumente zuständiger Justizbeamter.

 

Wider die Seilschaften

Seine Verurteilungen als „Staatsfeind“ wurden zwar aufgehoben; aber statt die Entführer vor Gericht zu sehen, erntete er in den 90ern eine Verurteilung zu bedingter Haft wegen „Beleidigung eines Amtsträgers“: Er hatte in einer Beschwerde kritisiert, die Justiz der Slowakei verschleppe seinen Fall, weil in ihr nach der Wende weiter die alten KP-Seilschaften funktionierten.

Vor wenigen Tagen erreichte den „Presse“-Korrespondenten in Bratislava ein Anruf des Journalisten Tibor Macák: „Gestern haben wir Emil zu Grabe getragen.“

Macák beschreibt den Kampf dieses außergewöhnlichen Menschen gegen den Apparat in einem sehenswerten Dokumentarfilm. Für eine deutsche Version sucht der Auftraggeber, das „Institut des nationalen Gedenkens“(UPN) in Bratislava, noch Sponsoren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2010)

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