Als Chruschtschow uns "beschnupperte"

Konferenz auf der Schallaburg: Neues zum Österreich-Besuch des Kreml-Chefs vor 50 Jahren.

Chruschtschow beschnupperte
Chruschtschow beschnupperte
Nikita Khrushchev – (c) AP

Die „bürgerliche Atmosphäre“ wollte er „beschnuppern“ und „einen Blick auf die industrielle Produktion werfen“: Als Nikita Chruschtschow seine Memoiren diktierte, hatte er seinen Österreich-Besuch des Jahres 1960 noch in bester Erinnerung. „In mir blieb ein wunderbarer Eindruck vom Aufenthalt in Österreich. Das ist ein märchenhaftes Land. Dort gibt es ausgezeichnete Straßen, sehr schöne Hügel und grüne Wiesen und eine Landschaft, die das Auge liebkost.“

Chruschtschows vierbändiges Memoirenwerk, „Zeit – Menschen – Macht“, erst Ende der 1990er, fast 30 Jahre nach dem Tod des ehemaligen sowjetischen Partei- und Regierungschefs, auf Russisch erschienen, hat der Grazer Historiker Stefan Karner in einer Moskauer Fachbuchhandlung entdeckt: „Es war ein Zufallsfund. Allgemein bekannt waren bisher nur Auszüge daraus.“ Und: „Es gab auch in dieser Buchhandlung nur ein einziges Exemplar davon.“ Das bereichert jetzt die umfängliche Chruschtschow-Sammlung, die man an Karners Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung mittlerweile zusammengetragen hat.

Den Abschnitt, der Chruschtschows Reminiszenzen an seinen Österreich-Besuch enthält, hat Karner selbst sogleich ins Deutsche übertragen. Aus gutem Grund: Schließlich ging es damals um sehr viel mehr als nur um die in den Anekdotenschatz der Zweiten Republik eingegangene Wette zwischen Chruschtschow und Leopold Figl, welcher Kukuruz denn mehr Ertrag abwerfe – der österreichische oder der sowjetische. Stefan Karner: „Dieser Staatsbesuch, zu einer Zeit, als der Kalte Krieg sehr heiß wurde, sorgte international für großes Aufsehen. Und es war ein ungewöhnlich langer Staatsbesuch. Neun Tage tourte der Kreml-Chef in einem zu einer Art Salonwagen umgebauten Postbus durch die Bundesländer, besuchte Fabriken und Kulturstätten.“

Besonders angetan zeigte sichChruschtschow bei einem Werkbesuch der Vöest vom LD-Stahlverfahren: „Damals entschloss ich mich, dieses Produkt zu kaufen. Doch das war nicht so leicht durchzusetzen, selbst bei meinem offiziellen Status als Ministerpräsident. Als ich und Kossygin nach Moskau zurückgekehrt waren und über die Ergebnisse der Reise berichteten, da trafen wir auf eine Mauer der Zurückhaltung. Nun, was soll's. Da war nicht genug Verstand da, das Fremde richtig zu bewerten.“

Weitere Auszüge aus Chruschtschows Erinnerungen stellt Stefan Karner kommenden Samstag im „Spectrum“ vor. Schon einen Tag davor, am morgigen Freitag, setzt sich eine internationale Konferenz auf der Schallaburg mit neuen Dokumenten auseinander, die auch einen neuen Blick auf Chruschtschows Österreich-Besuch ermöglichen. Unter anderem werden zwei Zeitzeugen zu hören sein: Herbert Grubmayr, damals Sekretär von Bundeskanzler Raab, und ein seinerzeitiger Spitzendiplomat der UdSSR, Oleg Grinevskij. Näheres unter www.bik.ac.at. frei

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2010)

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