Der Grubenhund ist ein gefährliches Raubtier

Wenn sich p. t. Abonnenten an allzu obergescheiten Zeitungsredakteuren bitter rächen. Der große Satiriker und Zeitungskritiker Kraus führte einen lebenslangen Kampf gegen die von ihm gehasste "Neue Freie Presse".

(c) Bilderbox

Arthur Schütz, geboren 1880 in Sankt Petersburg, Ingenieur in Wien, gehörte nicht der Redaktion der „Neuen Freien Presse“ an. Aber eigentlich doch. Er gilt als Erfinder des „Grubenhundes“, der arglistigen Täuschung der obergescheiten Redakteure durch aberwitzige Leserbriefe. Am 18.November 1911 sandte er unter dem Pseudonym „Dr. Ing. Erich R. v. Winkler“ der „Neuen Freien Presse“ einen Leserbrief über äußerst merkwürdige Vorkommnisse anlässlich eines Erdbebens.

„Ich saß“, so schrieb er, „allein im Kompressorenraum, als – es war genau 10 Uhr 27 Minuten – der große 400-pferdekräftige Kompressor, der den Elektromotor für die Dampfüberhitzer speist, eine auffällige Varietät der Spannung aufzuweisen begann.“ Und: „Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, dass mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“


Die Redaktion der „NFP“ übersah die Anspielung auf den Förderwagen im Bergwerk, den Grubenhunt, und druckte den gelehrten Brief vollinhaltlich ab.

Ganz Wien lachte, Schütz hatte eine Wette gewonnen. Der Leserbrief entstand nämlich bei einem Mittagessen mit Freunden im „Grandhotel“. Die meinten, so einen idiotischen Stumpfsinn könne kein Blatt von Rang bringen. Schütz hielt dagegen, weil er ahnte, dass die „hirnrissige Verkuppelung aller technischen Begriffe“ und die Verwendung eines gut klingenden Absenders genügten. So wurde der „Grubenhund“ zum Sinnbild der Verulkung vorgetäuschten Universalwissens. Und ein geläufiger, ein gefürchteter Begriff. Schütz formulierte es so: „Der Grubenhund zerstört den blinden Glauben an das gedruckte Wort.“

Erst kürzlich blamierte ein anonymer Jungjournalist das Medien-Establishment, indem er am Tag der Ernennung des neuen Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg im Februar 2009 dessen Eintrag in Wikipedia manipulierte und einen frei erfundenen elften (!) Vornamen hinzufügte: „Wilhelm“. Viele Online-Nachrichtenseiten („Spiegel online“, „sueddeutsche.de“, „taz.de“ übernahmen diese Falschmeldung ungeprüft, kurze Zeit später prangte er auch auf der gedruckten Titelseite der „Bild“: Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Wilhelm Freiherr von und zu Guttenberg.“ Ausgerechnet Wilhelm! Ein Fauxpas der Sonderklasse – für einen Bayern...

Die Zeiten sind schneller geworden, dank Internet. Aber wie gehen die Medien mit derlei Informationen um? Ein Eichstätter Journalistikstudent hat im Jahr 2005 seine Diplomarbeit auf ein Experiment aufgebaut. Er schuf einen klassischen Grubenhund und sah zu, wie einfach und rasch seine Falschmeldung über das Internet in die Medien geschleust wurde. In der sensationellen „Meldung“ hieß es, dass Genforscher des Münchner Arthur-Schütz-Instituts(!) in der menschlichen DNS ein Gen nachgewiesen hätten, das maßgeblich das Sexualverhalten steuere.

Das Gen ISA enthalte detaillierte Informationen darüber, welche Menschen uns sympathisch sind. Außerdem gab es einen Link zur Internetseite des angeblichen Instituts. Im Impressum der Website waren verschiedene E-Mail-Adressen und eine Telefonnummer („Hotline für Journalisten“) angegeben – diese Kontaktinformationen standen auch in der „Pressemitteilung“. Die Nachricht klang auf den ersten Blick schlüssig, enthielt aber auch einige ironische Andeutungen und logische Fehler, um dem Journalisten die Möglichkeit zu geben, den „Fake“ zu erkennen, sobald die Minimalanforderungen der journalistischen Recherche erfüllt werden.
Die „Pressemitteilung“ wurde an rund 1500Redaktionen und Agenturen per E-Mail verschickt. Der Student stellte sich im Anschluss daran auf Anfragen per E-Mail oder Telefon taub. Er antwortete einfach nicht. Dennoch schaffte es die Meldung vom Sex-Gen ISA, in mindestens drei Medien ungeprüft veröffentlicht zu werden. Darunter war – besonders apart – eine Fachpublikation für Apotheker. Andere Redaktionen hatten den Grubenhund allerdings schon entdeckt und entlarvt, als das Experiment noch im Gange war.


Derlei Täuschungsmanöver wird es wohl immer schon gegeben haben. Als eigentlicher Erfinder der gefälschten Leserbriefe gilt der bis heute unübertroffene Spötter und Zeitungskritiker Karl Kraus, wie Hans Veigl in seiner Forschungsarbeit über Schütz herausgefunden hat. Der wütende „Presse“-Hasser hatte schon 1908 der „NFP“ etwas über Erdbeben eingesandt – getarnt als „Zivilingenieur J. Berdach“: „Ich las gerade Ihr hochgeschätztes Blatt, als ich ein Zittern in der Hand verspürte...“ Ein rascher Griff nach der Bussole bestätigte die Ahnung, da sei ein Erdbeben unterwegs, faselte der „Fachmann“. Und schloss mit der bemerkenswerten Feststellung: „Meine Kinder, die um jene Zeit noch nicht eingeschlafen waren, hatten nicht das Geringste bemerkt, während wieder meine Frau behauptet, drei Erschütterungen gespürt zu haben.“

In der folgenden „Fackel“ vom 28. Februar 1908, schreibt Veigl, habe sich Kraus dann als Urheber „geoutet“. Mehr noch. Voll des Hohnes wies Kraus nach, dass die Redaktion der „Neuen Freien Presse“ den Leserbrief sehr wohl nicht nur sorgfältig gelesen – sondern sogar noch redigiert hatte: „Sie hat aus den Stößen, die meine Frau gespürt hat, ,Erschütterungen‘ gemacht, weil man in so ernster Sache jede Zweideutigkeit vermeiden muss... Sie schweigt mich seit zehn Jahren tot; sie ignoriert mich als Satiriker und lässt mich nur als Geologen gelten!“


Der Reinfall der „NFP“ überrascht uns noch heute. Denn längst waren die Redakteure darauf gedrillt, die Leserpost genauestens zu studieren, um ja nicht wieder zum Gespött zu werden, so wie 1907: Da hatte ein Anonymus gegen Bezahlung der Inseratengebühr ein Gedicht veröffentlicht, dessen Anfangswörter von oben nach unten gelesen den Satz ergaben: „Ja, die ,Neue Freie Presse‘ ist ein Blatt, das für Geld alles bringt.“ Wenig später war der Satz in der „Arbeiter-Zeitung“ zu lesen. „Wenn man jetzt noch wissen will, für wie viel Geld die ,Neue Freie‘ alles bringt, so kann ich es verraten: Es hat 16Kronen gekostet, das Blatt zur Einschaltung einer Selbsterkenntnis zu veranlassen“, schrieb der Herausgeber der „Fackel“. Und das war natürlich niemand anderer als Karl Kraus. Ein Polemiker von Graden, „anfangs vielleicht zu sehr unterschätzt, wie man ihn später überschätzte“. Diese weise Charakterisierung stammt von Adam Wandruszka, der in den Fünfzigerjahren den außenpolitischen Teil der „Presse“ geleitet hat.

Ob Karl Kraus auch hinter dem Grubenhund gesteckt hat, das die christlichsoziale „Reichspost“ abgedruckt hat, ist ungeklärt. Diese brachte einen langen Leserbrief mit technischen Unsinnigkeiten, gezeichnet von einem „Oberstleutnant D. Nuhneburg“. Schade, dass man nicht auf die Idee kam, den Namen von hinten nach vorn zu lesen.

Im Juni 1916 eskalierte der Krieg zwischen Kraus und der „Presse“. Zum Grubenhund gesellte sich nun auch noch eine „Laufkatze“, die – so behauptete es der im Verborgenen arbeitende Kraus – im tobenden Weltkrieg besteuert werden sollte. Jetzt aber reichte der Redaktion die Verhöhnung: „Bübereien“ seien das mitten im Krieg, empörte sich die Zeitung. „Welche Freude, wenn es gelingt, einen durch Nachtarbeit im Kriege abgehetzten Redakteur durch einen Brief mit Fälschung des Absenders zu täuschen und ihn, dessen Gedanken und Empfindungen vom Krieg in Anspruch genommen sind, zu einem Übersehen zu bringen!“ Ein verbrecherisches Treiben sei das, urteilt die Zeitung. „Diese Buben sind nicht wert, dass wir sie mit dem Fuße wegstoßen!“

Karl Kraus war auch nicht faul und wenig wählerisch in der Wortwahl. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und antwortet mit einer zehnseitigen Polemik in der „Fackel“, die vor Beleidigungen nur so strotzt. „Man muss diesen Banditen (,NFP‘-Besitzer und Herausgeber Moriz Benedikt, Anm.), dessen Gewalttätigkeit gegen die letzten Überreste eines öffentlichen Schamgefühls von der Unterworfenheit hochgestellter Presseknechte erhitzt wird, derart überschreien, dass er die Glorie, die ihm zum Alibi seines Handelns gut genug scheint, erschreckt aus der Pranke fallen lässt und nie wieder auf die Idee verfällt, die große Zeit, an der seine Opfer leiden, als seine eigene Schonzeit aufzufassen.“ (Hans Veigl in „Einzelgänger & Exzentriker“)
Nicht immer freilich steckt hinter falschen Fährten auch böser Wille. So ist seit gut zwei Jahren im Internet ein vermeintliches Gedicht von Kurt Tucholsky im Umlauf, in dem der Dichter schon 1930 über die „Spekulantenbrut“ der Banker schwadroniert haben soll. Sehr passend, sehr zeitgemäß. Das Gedicht ist aber zeitgenössisch und wurde von einem Online-User irrtümlich Tucholsky untergeschoben. Der Fehler ist zwar längst aufgeklärt, doch Tucholsky feiert posthum im Netz als visionärer Bankengegner weiter ungeahnte Erfolge.

Karl Graber, vormals Leiter des hochseriösen Economist in der „Presse“, dann viele Jahre lang Wiener Korrespondent der ebenso seriösen „Neuen Zürcher Zeitung“, hielt die edle Kultur des Grubenhundes nach seiner Pensionierung am Leben. Aus Tirol sandte er einen Leserbrief an die „Presse“, gezeichnet als „Diplomingenieur Kaserer“, der eine technische Sensation verhieß: ein Diacylkoaxialkabel für das Telefon, das derzeit auf der Strecke Wien–Innsbruck verlegt werde. Wahre Wunderdinge werde dieses neue Kabel vollbringen, schrieb der Diplomingenieur. Der Nachteil: Vorerst werde man nur von Wien nach Innsbruck, nicht aber umgekehrt telefonieren können... Der Leserbrief machte wahrlich Furore. Ungeklärt blieb lange Zeit hingegen die wahre Identität des „Hobby-Ornithologen Kurt D. Rossel“, der auf der Wissenschaftsseite einen tiefschürfenden Aufsatz veröffentlichen durfte, dass auch Vögel bei allzu ausgiebigem Sonnenbad einen Sonnenbrand davontragen könnten. Erst viele Jahre später outeten sich die Verfasser: Stefan Schöffl und Andreas Schwarz, damals in der Lokalredaktion.

Auch Helmut Qualtinger rächte sich an den Zeitungsschreibern. Er versandte auf dem Papier des PEN-Clubs eine hochoffizielle Einladung, die er anderntags zu seinem Gaudium in der „Arbeiter-Zeitung“ nachlesen konnte: „Der bekannte Eskimodichter Kobuk wird morgen auf dem Wiener Westbahnhof zu einer Dichterlesung eintreffen. Aus seinem beachtlichen Werk erwähnen wir nur den Schlittenhundroman ,Heia Musch Musch‘. Sein Stück ,einsames Iglu‘ soll in Wien aufgeführt werden.“ An einem heißen Julitag des Jahres 1951 eilten tatsächlich einige Reporter zum Bahnhof. Ein mit Pelzmütze und Pelzmantel vermummter feister Mann stieg schwitzend aus dem Zug. Nach den ersten Wien-Eindrücken befragt, antwortete der Eskimo-Poet in breitem Wienerisch: „Haaß is.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2010)

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