Auf den Spuren der Habsburger: Anatomie eines Mythos

Historikerin Katrin Unterreiner auf den Spuren der Habsburger: Über die Inszenierung des Hauses in Wien – und mehr Aufrichtigkeit im Umgang mit seinem Erbe.

Spuren Habsburger Anatomie eines
Spuren Habsburger Anatomie eines
Pestsäule – (c) APA (HANS KLAUS TECHT)

Wer mit Katrin Unterreiner durch Wien spaziert, sieht viele Facetten der Stadt plötzlich in einem anderen Licht. Zum Beispiel die Pestsäule am Graben: Nicht so sehr dazu sei sie gedacht gewesen, Gott für das Ende der Seuche zu danken, erzählt die Historikerin, die sich in ihrem jüngst erschienenen Buch „Die Habsburger – Mythos & Wahrheit“ eingehend mit dem Nimbus des ehemaligen Herrscherhauses auseinandergesetzt hat.

Nein, die Barocksäule sei vielmehr ein ausgeklügeltes PR-Instrument gewesen, mit dem die Habsburger Ende des 17. Jahrhunderts der damals mehrheitlich protestantischen Bevölkerung Wiens die Vorzüge des katholischen Glaubens präsentieren wollten. „Das Kaiserhaus hat verstanden, sein Image durch Architektur und Städtebau zu prägen“, sagt die 42-Jährige: Ob Franz Joseph, der durch den Bau der Ringstraße Wiens Rolle als Metropole zementierte oder Joseph II., der durch den Bau des alten AKHs – samt einer eigenen Geburtenstation und dem „Narrenturm“ für psychisch Kranke – seinen Sozialreformen ein städtebauliches Gesicht gab.

Dessen Mutter Maria Theresia habe dagegen nur wenige Spuren in der Stadt hinterlassen, aber trotzdem verstanden, welche Signale sie mit ihren Eingriffen aussandte: Am Neuen Markt ließ sie etwa die nackten Statuen am Donnerbrunnen entfernen, um ihren Ruf als züchtige, konservative Herrscherin zu wahren. Die Statuen wurden nach ihrem Tod freilich wieder aufgestellt, heute befinden sie sich im Belvedere.


„Schöne Leich'“ dank Habsburg. Persönlich inszenierten sich die Habsburger vor allem bei kirchlichen Anlässen wie Prozessionen – und Begräbnissen. „Krönungen gab es in Österreich ja nie, Hochzeiten wurden privat in der Augustinerkirche in der Hofburg gefeiert“, sagt die Historikerin, die ebendort das Sisi-Museum kuratiert hat. Gut möglich, dass die aufwendigen Begräbniszeremonien der Habsburger ihren Teil zur Wiener Tradition der „schönen Leich'“ beigetragen hätten – wie zum Hype um das Begräbnis Otto Habsburgs gestern.

Letzteres sieht Unterreiner eher entspannt: Es sei kein Ausdruck des Wunsches nach einer Monarchie, sondern eher der Sehnsucht nach Pomp und Glamour, dass viele Menschen die Ereignisse um das ehemalige Herrscherhaus mitverfolgten.

Das moderne Bild der Habsburger sei jedenfalls verklärt – nicht nur durch die Familie selbst. Schon nach dem ersten Weltkrieg hätte die Rückbesinnung auf die Monarchie eine „österreichische Identität“ stiften sollen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei es der Tourismus- und Unterhaltungsmarkt gewesen, der den „Mythos Habsburg“ in Historien- und Heimatfilmen wieder beschwor, mit der Folge, dass Wien heute in aller Welt als alte Kaiserstadt bekannt sei.

Im Umgang mit dem „Mythos Habsburg“ würde sich die Historikerin, die bei ihren Recherchen im Staatsarchiv Unterlagen des Hofes gesichtet hat, mehr Ehrlichkeit wünschen: „Auch Touristen interessiert durchaus, dass zum Beispiel Sisi nicht das Opfer des Lebens am Hof war, zu dem sie stilisiert wurde. sondern eine Egomanin, die ihre Stellung immer auszunutzen gewusst hat“. Oder dass der letzte Kaiser Karl I. entgegen seinem Ruf als „Friedenskaiser“ mehrmals die Chance gehabt hätte, den Weltkrieg zu beenden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2011)

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