Beklemmendes Fundstück: Braune Geschichte im schwarzen Archiv

Nachlass: Die Dokumente des Nürnberg-Verteidigers Gustav Steinbauer offenbaren die teuflischen Praktiken von Nazi-Ärzten in den KZs.

(c) EPA

Das würde man wohl nicht vermuten, zumindest nicht hier. Das „Karl-von-Vogelsang-Institut“ gilt schließlich als historische Gralsburg der Österreichischen Volkspartei, einschließlich der bürgerlichen Vorfeldorganisationen, der Bünde, der Länder und selbstverständlich des Bundesparteiarchivs. Dass sich auch das Archiv der alten Christlich-Sozialen Partei aus Luegers und Seipels Zeiten hier befindet – wen überrascht es?

Dass sich allerdings auch „Exoten“ unter diesem schriftlichen Archivgut befinden, ist nur wenigen bekannt. Hinter dem unauffälligen Titel „certification of discharge“ verbirgt sich im Umfang von über hundert Aktenmappen beklemmendes Dokumentationsmaterial zur europäischen Zeitgeschichte.

 

Unmenschliches exakt protokolliert

In exakter juristischer Ausdrucksweise werden die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse gegen NS-Ärzte und andere Naturwissenschaftler dokumentiert und beschrieben. Auf tausenden Seiten werden Anklage, Beweisführung, Verteidigung sowie Zeugen und Urteile wachgerufen. Selbstverständlich in deutsch, aber auch in englisch, russisch und französisch. Nüchtern, wie Juristen es gewohnt sind, werden Meerwasserversuche an Menschen, Benzinexperimente und Verhalten von Menschen in Luftdruckkammern aufgelistet.

Die Magennerven rebellieren. Das empfanden wohl auch die Mitglieder des Gerichtshofes 1947/48 in Nürnberg so. Der Wiener Rechtsanwalt Dr. Gustav Steinbauer, Vater des späteren ÖVP-Politikers und Generalsekretärs Gustav Steinbauer, der seinerseits das historische Archivgut dem Vogelsang-Institut überließ, kämpfte beherzt für eine juristisch wie moralisch verlorene Sache.

Es waren nicht die großen Kriegsverbrecherprozesse gegen Göring, Speer, Kaltenbrunner und andere. Es sind Namen hier auf den Anklagelisten zu finden, die nicht zur Prominenz des Nationalsozialismus gehörten. Es waren gebildete Männer, modern im Denken, der Technik und dem Fortschritt aufgeschlossen. Wissenschaftliche Elite.

Aber es waren unter den Angeklagten nicht nur verbrecherische Sadisten, sondern auch Karrieristen der unterschiedlichsten politischen Provenienz und auch Ärzte und Naturwissenschaftler, die für das neu gewonnene Experimentierfeld ihre Seele dem Teufel verkauft hätten. Das haben sie ja schließlich auch.

Dass unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit auch sinnlose „Menschenopfer“ gebracht wurden, musste die Verteidigung eingestehen. Aber Steinbauer und seine Kollegen beharrten darauf, dass auch Versuche darunter waren, deren Wert für die Medizin erst zu einem späteren Zeitpunkt eine Würdigung finden würde.

Steinbauer hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung mit dem alliierten Militärtribunal in Nürnberg. Er verteidigte vom 20. November 1945 bis 1. Oktober 1946 Arthur Seyss-Inquart im ersten großen Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Die Alliierten hatten darauf bestanden, dass „Österreicher“ durch „Österreicher“ verteidigt wurden. Schon damals konnte Gustav Steinbauer die Grenzen der Verteidigung erkennen – inklusive des Todesurteils für seinen Mandanten– und entsprechende Strategien entwickeln.

Im „Ärzteprozess“ verwies die Verteidigung auf die Todesstrafe in den USA, auf Sterilisation, vor allem in den Südstaaten der USA, bei „Schwachsinnigen, Verbrechern und Irren“, darauf, dass „Asoziale“ auch in der US-Rechtsprechung als „Menschen zweiter Klasse“ (Steinbauer) behandelt werden. Der US-Ankläger protestierte.

 

Versuche am lebenden Menschen

Die Verteidigung fragte deutlich nach: Gibt es Fortschritte in der Medizin ohne Versuche am lebenden Menschen? Wo beginnt die brutale, durch nichts zu rechtfertigende Erniedrigung und sadistische Auslöschung eines Menschen durch ein Experiment und wo endet die notwendige Erforschung von Krankheiten, von Medikamenten, von Wirkung und Wechselwirkung auf den Organismus, ohne die es keine Entwicklung in der Medizin und der Naturwissenschaft gibt? Auf die Urteile hatte diese Frage wenig Einfluss.

Zeitgeschichte pur. Das Material bietet genügend Stoff für zeitgeschichtliche, juristische sowie medizinisch-historische Aspekte. Die Magennerven beruhigen sich langsam. Vielleicht hilft dabei der Archivbestand im nächsten Regal. Die Archivmaterialien aus Nürnberg stehen gleich neben dem Nachlass des christlich-sozialen Arbeiterführers Leopold Kunschak.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Der Autor leitet das Archiv des Karl-von-Vogelsang-Instituts zur Erforschung der Geschichte der christlichen Demokratie in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)

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