Unabhängigkeitstag: Die vielen Helden der Ukraine

Mit der Unabhängigkeit setzte die Suche nach der nationalen Identität ein. Vorbilder des wahren „Ukrainertums“ wurden rehabilitiert, doch ihre Verehrung ändert sich mit der politischen Großwetterlage.

(c) REUTERS (GLEB GARANICH)

Nur wer das Codewort weiß, erhält Einlass. Ein grimmiger Geselle in Partisanenuniform öffnet eine unscheinbare Holztür, die vom quadratischen Lemberger Marktplatz wegführt. „Ehre der Ukraine“, sagt er tonlos und mustert den Gast. „Herojam slava“, „Ehre den Helden“, lautet die einzig richtige Antwort.

„Kryjivka“ ist ein Geheimlokal mitten im Zentrum der westukrainischen Stadt. Das „Versteck“ ist einem Partisanenunterschlupf der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) nachempfunden, die bis in die 1950er-Jahre für eine unabhängige Ukraine kämpfte – und sich zur Erreichung dieses Ziels im Zweiten Weltkrieg in Teilen mit den Nazis verbündet hatte. In dem Kellerlokal – allerorts Tarnnetze, grobe Holzbänke, UPA-Devotionalien – trifft man auf noch mehr Uniformierte: Kellner, die strikt nur Ukrainisch sprechen. Die hiesigen Speisen nennen sich „Ferien im Wald“ oder „Ljoscha vom KGB“ – letzteres ein gegrilltes Steak. Der Nationalistenhumor erreicht bei einem simulierten Feuergefecht, bei dem „der Russe“ getötet wird, seinen Höhepunkt. „Wir sind richtige Patrioten hier“, sagt die Angestellte Nadia. Grenzwertige Inszenierung oder Refugium der wahren Ukrainer? Irgendwie beides.

Die Ukraine im August 2011: Anlässlich des gestrigen 20. Jubiläums der Unabhängigkeit erklärte Präsident Viktor Janukowitsch, dass sich mit der Lossagung der Ukraine von der Sowjetunion im Jahre 1991 der „Traum vieler Generationen erfüllt“ habe. Einen Exkurs in die Vergangenheit wagte er nicht, warf lieber einen unscharfen Blick nach vorn: „Unser Weg hat gerade erst begonnen.“

Was aber ist der ukrainische Weg? Was die Ostukrainer mit den Menschen im Westen des Landes verbindet, ist aufgrund der historischen Verwerfungen ziemlich strittig. Freilich, die oft bemühte „Zweiteilung“ des Landes ist in der Praxis längst nicht so eindeutig; die Mehrheit der Bürger wechselt im Alltag recht pragmatisch – anders als die „Kryjivka“-Jünger – zwischen Russisch und Ukrainisch. Vermutlich hat gerade aufgrund dieser Unbestimmtheit die Suche nach der nationalen Identität in den letzten 20 Jahren so viel gesellschaftlichen Raum eingenommen. Wo sich das Sowjetsystem (und seine Geschichtsschreibung) ins Nichts auflöste, bieten die neuen Helden der Nationalgeschichte verheißungsvolle Fluchtpunkte.

 

Kiew: Kosaken reiten wieder

Konstantin Olijnyk lässt schon rein äußerlich wissen, wer seine historischen Vorbilder sind. Eine lange Haarsträhne fällt vom sonst kahl geschorenen Haupt des 48-Jährigen – es ist die Frisur der Kosakenkrieger. Vor 300 Jahren, rechnet er bestimmt vor, habe es unter den damals 4,5 Millionen Einwohnern der Ukraine 700.000 Kosaken gegeben. „Aufgrund der genetischen Vererbung fließt in jedem echten Ukrainer ein wenig Kosakenblut.“

Olijnyk ist Direktor des Erlebnisparks „Mamajeva Sloboda“ am Rande Kiews. Es ist eine nachgebaute Kosakensiedlung, durch die wilde Reiter galoppieren. Folklore-Kitsch für ukrainische Städter? Olijnyk zumindest meint es sichtlich ernst: „Wir helfen den Menschen, ihr genetisches Gedächtnis wiederzufinden.“

Auch die Politik krönt „ihre“ nationalen Vorbilder. Unter Ex-Präsident Viktor Juschtschenko wurde Stefan Bandera, UPA-Mastermind und „Kryjivka“-Idol, zum offiziellen „Held der Ukraine“ erklärt. Während im Westen Denkmäler aus dem Boden schossen, hat man im Osten den antisowjetischen Kämpfer nie akzeptiert. Es war übrigens Präsident Janukowitsch, der Bandera seinen posthumen Titel wieder entzog.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2011)

Kommentar zu Artikel:

Unabhängigkeitstag: Die vielen Helden der Ukraine

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen