"Austria Judaica": Jüdisches Leben auf dem Land

Das Forschungsprojekt "Austria Judaica" bringt Licht in die Geschichte der niederösterreichischen Landjuden und das jüdisch-christliche Zusammenleben in früheren Zeiten.

Juedisches Leben Land
Juedisches Leben Land
(c) AP

Im März des Jahres 1666 kreuzte im niederösterreichischen Grafenwörth ein jüdischer Bub die Straße und traf dort eine Gruppe christlicher Burschen. Einer von ihnen hatte ein Wollknäuel bei sich, das er dem jüdischen Buben hinterher warf. Dieser schoss das Knäuel umgehend zurück, lief nach Hause, fand ein Stäbchen, warf es auf die Straße und traf einen der Burschen. Das Stäbchen wurde in das Haus zurückgeworfen – und so ging es eine Weile hin und her. Dem jüdischen Knecht Lazarus wurde dieses Treiben allerdings zu bunt: Er nahm das Stäbchen und schlug damit einem der Buben dreimal auf den Kopf. Eilig wurde Verstärkung herbeigerufen, mit dem Ergebnis, dass ein Mann Lazarus ins Gesicht schlug und davonlief. Das wiederum haben ein paar jüdische Männer gesehen, die ihm hinterherrannten und ihn verprügelten. Schließlich schalteten sich Anrainer, die das Geschehen beobachtet hatten, ein: Was mit einem Wollknäuel begonnen hatte, artete zu einer handfesten Schlägerei aus.

Lazarus hat die Ausmaße dieses Streits offenbar nicht bemerkt, denn er wandte sich an das Gericht und bat um Aufklärung: Mehrere Männer hätten „etlich juden gestossen und geschlagen“ und man solle nun herausfinden, „welche diß gethan“. Das Verhörprotokoll dazu – es befindet sich im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv – ist eines von über 200 Schriftstücken, die der Historiker Peter Rauscher und seine Mitarbeiter für die neue Quellenedition „Austria Judaica. Quellen zur Geschichte der Juden in Niederösterreich und Wien 1496 – 1671“ (Verlag Oldenburg Böhlau) transkribiert haben. Mit dem Band liefert Rauscher einen wichtigen Beitrag zu einem bisher recht stiefmütterlich behandelten Forschungsfeld: die niederösterreichischen Landjuden.

Das jüdische Leben in den Städten des Heiligen Römischen Reiches, auch in Wien, ist bereits recht gut erforscht. Dass Juden aber auch in ländlichen Gebieten lebten, ist nicht sehr bekannt. Ihre Präsenz reicht jedenfalls weit zurück: In der „Raffelstetter Zollordnung“ aus dem Jahr 905 wird von jüdischen Händlern berichtet, die nördlich der Donau ihren Geschäften nachgingen. Nachweisbar sind jüdische Siedlungen ab Mitte des 13. Jahrhunderts: In Krems beispielsweise wurde 1264 ein „Judenrichter“ erwähnt.

Das Wachstum jüdischer Landgemeinden war aber bald zu Ende: Bereits Ende des 13. Jahrhunderts kam es immer wieder zu antijüdischen Pogromen. 1338 löste die Ermordung der Pulkauer Juden infolge des angeblichen „Pulkauer Hostienfrevels“ eine landesweite Verfolgungswelle auf. Ein vorläufiges Ende fand die jüdische Geschichte in Niederösterreich mit der Vertreibung und Ermordung der Juden im Jahr 1420 (Wiener Gesera).


Planmäßige Ansiedlung. Doch schon zu Beginn der Neuzeit waren erneut Juden in Niederösterreich ansässig – trotz der judenfeindlichen Haltung der Landstände. Nach der Vertreibung aus Steiermark, Kärnten und Krain siedelte Kaiser Maximilian I. einige jüdische Händler in Niederösterreich an – etwa Juden aus Laibach (Ljubljana) in Eggenburg. Der Herrscher wollte (und konnte) offenbar nicht auf ihre Kredite und Steuern verzichten. Belegt sind in der Zeit jüdische Familien etwa in Zistersdorf, Marchegg oder Wolkersdorf, es dürfte sich aber um eine recht überschaubare Anzahl gehandelt haben.

Die Krisenzeit des Dreißigjährigen Kriegs veränderte die Situation dramatisch, es kam zu einer wahren Gründungswelle von jüdischen Landgemeinden. Die treibende Kraft waren nicht die Landesfürsten, sondern adlige Grundbesitzer, die ab 1620 planmäßig jüdische Familien auf ihren Herrschaftssitzen ansiedelten – in vielen Fällen waren sie dafür zuständig, die produzierten Güter auf regionalen und überregionalen Märkten abzusetzen. Im Mittelalter waren die Juden von der Obrigkeit in das Finanzwesen gedrängt worden (den Christen waren Geldverleih und Zinsnehmen ja offiziell verboten), nun handelten sie mit vielen Waren und dominierten zum Beispiel den regionalen Textilhandel.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es nach Angaben von Barbara Staudinger (Institut für jüdische Geschichte Österreichs) jüdische Siedlungen in mehr als 70 niederösterreichischen Gemeinden. Zu den größten zählten Langenlois, Krems, Ebenfurth, Waidhofen/Thaya oder Weitersfeld. Laut vorsichtigen Schätzungen lebten dort zwischen 352 und 480 jüdische Familien. Bei einer angenommenen Haushaltsgröße von fünf Personen entspricht das 1760 bis 2400 Menschen. Zum Vergleich: In Wien – damals eine der größten jüdischen Siedlungen Mitteleuropas – lebten ungefähr 3000 Juden. Über das Leben der Landjuden weiß man nicht allzu viel. Auf dem Land gab es jedenfalls zumeist keine abgetrennten Wohnbereiche wie im urbanen Raum, daher waren die nachbarschaftlichen Kontakte – vor allem, was die Handelsbeziehungen betraf – auch intensiver. „Ob und inwieweit man sich auch menschlich näher kam, ist freilich unbekannt“, merkt Rauscher an. Von einem grundlegenden Widerstand eines Dorfes gegen die Anwesenheit von Juden ist nichts überliefert. Im Gegensatz dazu wurden Juden in der Stadt andauernd angefeindet, vor allem von Studenten und von christlichen Kaufleuten, die kein Interesse an jüdischen Konkurrenten hatten. Schikanen wie die Kennzeichnungspflicht durch den „gelben Fleck“ galten sowohl für Juden auf dem Land als auch in der Stadt. Zudem mussten sie überall höhere Steuern an den Kaiser abliefern.

Entgegen allen Klischees waren die meisten Landjuden nicht reich. Dass Armut ein weit verbreitetes Phänomen unter den Landjuden war, bezeuge etwa eine Aussage des Steuereinnehmers Hirschl Mayr: Dieser hatte 1654 gegenüber den kaiserlichen Behörden darauf verwiesen, dass wegen der äußersten Armut eines Teils der Landjuden, die deshalb nicht selten heimlich aus dem Land flohen, Probleme bei der Steuereinnahme aufträten. Die niederösterreichischen Landjuden waren seit 1645 verpflichtet, zur Wiener Judensteuer beizutragen (siehe Artikel rechts).


„schmehliche reden“. Wie war das Verhältnis zwischen christlicher Mehrheitsbevölkerung und der jüdischen Minderheit? Die nun von Rauscher ausgewerteten Dokumente aus Archiven in Wien und Niederösterreich zeigen einige Momentaufnahmen. Dabei gibt es freilich einige grundsätzliche Probleme: Gerichtsprotokolle z.B. sind nur dann vorhanden, wenn es Konflikte gab – solange das Zusammenleben reibungslos verlief, wurde das nicht extra festgehalten. Die Art der Darstellung spiegelt klarerweise die Sichtweise der Behörden wider. Und: „Innerjüdische“ Zeugnisse wie Briefe oder Tagebücher sind kaum erhalten.

Das hat zur Folge, dass die Rekonstruktion jüdischen Lebens in Niederösterreich notgedrungen unvollständig bleibt, so der Forscher. Das Bild, das sich aus den Akten ergibt, weist darauf hin, dass das Zusammenleben nicht von starken grundsätzlichen Konflikten geprägt gewesen sein dürfte. In einer Fallstudie über Langenlois schreibt Rauscher, dass viele Streitfälle zwischen Juden und Christen, die vor dem Marktgericht oder dem Rat landeten, sich nicht von innerchristlichen Fällen unterschieden hätten.

Ein Beispiel ist ein Streit aus dem Jahr 1641 in Waidhofen/Thaya: Der jüdische Pferdehändler Adam David hatte dem christlichen Fleischhacker Matthias Hammer ein Pferd verkauft, das aber verstarb. Die beiden seien wegen des „verreckten rosses in unainigkheit gerathen“: Hammer hat David auf offenem Feld verprügelt und ihm „vielmahls schmehliche reden zuegemueth“, wie David aussagte. Zu seinem Glück, erzählte er weiter, sei ihm der Hofbräuer Ulrich zu Hilfe gekommen; ansonsten wäre er womöglich „ums leben gebracht“ worden. Der Stadtrichter gab zu Protokoll, dass Hammer des Öfteren unangenehm aufgefallen sei. Er habe ihn unlängst gewarnt, die Gewalttätigkeiten einzustellen. Stattdessen habe er den Juden „ubel tractiert“. Hammer bekam zehn Dukaten Strafe auferlegt. Zudem sollten die beiden „einander freundlich abpitten“ und „zu guten freundten gesprochen werden“.


Würfelzoll. Die Dokumente erzählen aber auch von der Diskriminierung von Juden. Eine besondere Schikane war der „Würfelzoll“ (dessen Herkunft im Dunklen liegt): Christen durften Juden zu jeder Zeit Spielwürfel abverlangen. So haben (ebenfalls 1641 in Waidhofen/Thaya) zwei Bäckersjungen den jüdischen Pferdehändler Lazarus angehalten und die Würfel gefordert. Der Pferdehändler entgegnete, dass er keine Würfel habe, worauf ihm die Lehrlinge mit einer spitzen Hacke in die Hand schlugen. Lazarus beschwerte sich vor Gericht und verlangte eine Entschädigung. Die Lehrlinge gaben zu Protokoll, dass die Verletzung ein Unfall gewesen sei, zudem habe Lazarus einen von ihnen beschimpft: „du hundts fut, ich bin dier khaine wierfl schuldig.“ Vor Gericht hatten die Lehrlinge aber keinen Erfolg – der Richter hat ihrer Aussage nicht geglaubt.

Weniger Glück hatte der jüdische Pferdehändler Samuel Wurmbs aus Klosterneuburg: Er hatte eine sexuelle Beziehung zu einer Christin (was verboten war), wurde dabei ertappt und festgenommen. Wie die Geschichte ausgegangen ist, wissen wir nicht: Es gibt keine weiteren Akten zu dem Fall.

Vereinzelt finden sich in den Protokollen auch Hinweise auf eine gute Nachbarschaft, etwa in einem Totschlagsprozess in Groß-Schweinbarth des Jahres 1655. Der Christ Ciriac Adloffer wurde verdächtigt, seine Frau Catharina geschlagen zu haben, „daß sy baldt darauf gestorben“. Die Frau des Nachbarn, des Juden Hirschl Samuel, berichtete in dem Prozess gegen Adlhofer, dass sie, nachdem sie von ihren Kindern alarmiert worden war, in den Hof der Adloffers gegangen sei, wo „die Adlofferin“ blutend am Boden lag. Catharina bat die Jüdin, „sie solle ihre tochter zu ihr khomen laßen“. Gemeinsam trugen sie die Verletzte in das Haus und verbanden ihre Wunden.


Vertreibung. Das jüdische Leben ging 1670 jäh zu Ende: Kaiser Leopold I., der zu seinem Amtsantritt noch die meisten Privilegien der Juden erneuert hatte und unter permanenter Finanznot litt, gab dem Drängen des Magistrats Wien und der Inquisitionshofkommission nach und erließ einen Ausweisungsbefehl: Alle Juden mussten binnen weniger Monate das Land verlassen. In vielen Fällen fanden sie Aufnahme in Mähren, wo es seit Jahrhunderten eine jüdische Tradition gab – etwa bei den Fürsten von Dietrichstein in Mikulov (Nikolsburg). Gut dokumentiert ist die Vertreibung von 32 Familien aus der damals zweitgrößten jüdischen Gemeinde Weitersfeld, die von Graf Maximilian Starhemberg in Schaffa (Šafov) angesiedelt wurden. Von dieser bis zum Nazi-Terror florierenden Gemeinde, aus der u.a. ein Vorfahre von Bruno Kreisky stammt, zeugt bis heute ein schön gepflegter jüdischer Friedhof. Etwas, was es in Niederösterreich kaum mehr gibt.

Im Jahr 1998 wurde am Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest) in St.Pölten das Forschungsprojekt „Austria Judaica“ gestartet – in der Tradition des bereits 1903 ins Leben gerufenen Langzeitprojekts „Germania Judaica“, das eine umfassende Geschichte der Juden in Deutschland zum Ziel hat. Austria Judaica wurde u.a. vom Wissenschaftsfonds (FWF), dem
Wissenschaftsministerium, der Oesterreichischen Nationalbank und den Ländern NÖ und Wien gefördert.

Ausfluss der Forschungen ist eine Reihe von Publikationen: allen voran Barbara Stadingers „Gantze Dörffer voller Juden“ (2005, Mandelbaum Verlag) und nun die Quellensammlung Peter Rauschers „Austria Judaica“ (2011, Böhlau Verlag).

Das Injoest, das seinen Sitz in der ehemaligen Synagoge von St. Pölten hat, ist seit 1. Juli 2011 an das Institut
für Österreichische Geschichtsforschung (IÖG) an der Universität Wien angebunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)

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