Geboren aus den erbeuteten Kanonen der Osmanen

Die Entstehungsgeschichte der „alten Pummerin“ vor dreihundert Jahren, die eigentlich „Josephinische Glocke“ hieß und die am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 nach einem Brand vom Südturm abstürzte und zerbarst.

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APA / Neubauer

Wien/HWS. Vor 300 Jahren, am 27. Jänner 1712, erscholl erstmals der tiefe Klang der „alten Pummerin“ vom Turm des Stephansdoms. Maria Theresias Vater wurde auf diese Weise nach seiner Wahl als römisch-deutscher Kaiser Karl VI. in seiner Heimat begrüßt. Sechzehn Mann, so wird berichtet, mussten am Glockenstrang ziehen. Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Klöppel das erste Mal anschlug.

Die „Pummerin“, drei Meter hoch und 18,3 Tonnen schwer (ohne Klöppel, der nochmals 800 Kilo auf die Waage brachte): Bei allen großen Festen, nur bei besonders feierlichen Anlässen, ließ sie ihre Stimme ertönen. Das letzte Mal zu Ostern 1937, glaubt man den Angaben von Domkapellmeister Anton Wesely. Andere Ohrenzeugen berichteten, dass auf Veranlassung Kardinal Theodor Innitzers alle Glocken von Linz und Wien beim Einzug Adolf Hitlers in Österreich 1938 läuteten. Angeblich auch die „Pummerin“.

Sicher ist auf jeden Fall, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 durch Plünderer ein Großbrand im Haas-Haus entstand, dessen Funkenflug den Dachstuhl des Domes erfasste, sodass auch der hölzerne Glockenstuhl Feuer fing. Am 12. April 1945 stürzte die Glocke um 14.30 Uhr mit grausigem Getöse vom Südturm ab und zerbarst. Erst 1952 hielt die „neue Pummerin“ – erschaffen in der Glockengießerei St. Florian – ihren triumphalen Einzug in Wien. Eine unauslöschliche Kindheitserinnerung.

Gegossen in der heutigen Burggasse

Die alte Glocke: Eigentlich hieß sie ja „Josephinische Glocke“, populär wurde sie freilich als „Pummerin“, deren Klang um einen Halbton tiefer war als der der heutigen Glocke. Sie wurde vom „Stuckgießer“ Johann Achamer „mit Kunst und Glück“ aus Kanonen gegossen, die die Osmanen nach der Zweiten Türkenbelagerung im Jahre 1683 vor Wien zurücklassen mussten. Die Werkstatt befand sich in der „Wendelstadt“ (heute Burggasse Nr. 55). Am Eck erinnert die Stuckgasse noch an diese Gießerei.

Aber wie sollte eine derart große Glocke zum Dom gebracht werden? Die nächstgelegenen Stadttore waren zu klein, nur die „Obere Falle“ beim Roten Turm (heute Morzinplatz) war geeignet. Also musste der Umweg übers Glacis rund um die Stadt in Kauf genommen werden – ab dem Schottentor bergab und von der Stadtmauer zum Dom wieder relativ steil in der Rotenturmstraße bergan. Die Festigkeit unterirdischer Gewölbe musste überprüft werden, einige Keller wurden verstärkt.

Das Seitentor war zu schmal

Am 29. Oktober 1711 begann der Transport auf einem Tieflader. Zweihundert Freiwillige – vom Adeligen bis zum Handwerksburschen – spannten sich vor zwei mächtige Seile, weil man fürchtete, ein Pferdefuhrwerk würde nicht gleichmäßig ziehen. Am 4. November stand der Wagen vor dem Dom. Er war etwas breiter als die Glocke, so mussten die Türpfosten im unteren Bereich entfernt, ebenso eine Vierung herausgeschnitten werden. Zwei Personen wurden bei dem beschwerlichen Transport verletzt, die Stadt übernahm ihre Behandlung.

Am 16. Dezember 1711 wurde die Glocke in den „Albertinischen Turm“, also den zur Gänze erbauten, aufgezogen. Wegen ihres enormen Gewichts ruhte sie auf zwei Eichenbalken, die man vor dem Läuten abschraubte. Die „Pummerin“ bereitete nicht nur Freude. 1739 zersprang der Schwengel, in Piesting musste ein neuer gefertigt werden; und auch die Statik des schlanken gotischen Turms war gefährdet. Schließlich verbot Dombaumeister Friedrich von Schmidt 1875 das Läuten, man schlug nur noch den Klöppel an. Eine Ausnahme gab's nur im Jahr 1916 beim Begräbnis von Kaiser Franz Joseph.

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