Deutschland: Die wirre Welt der Margot Honecker

Nach 20 Jahren bricht Erich Honeckers mächtige Frau für das Westfernsehen ihr Schweigen. Und macht klar: Die Mauer in ihrem Kopf ist nicht gefallen. Die 84-Jährige ist erstaunlich rüstig, gut gebräunt und hellwach.

(c) EPA (NDR Presse und Information / HAN)

Berlin. Es war doch ein gutes Land! Alle lebten in Frieden in der Deutschen Demokratischen Republik. Jeder hatte eine Perspektive. Und es gab Mitspracherecht, auch wenn die Imperialisten das heute bestreiten. Aber das sind ja Banditen, sie werden dafür bezahlt. Auch die Propaganda über die marode Wirtschaft – einfach nicht wahr. Heute bezeichnen sich manche als politische Opfer, doch das waren Kriminelle. Die DDR hatte ihre Feinde, und deshalb gab es eine Staatssicherheit.

Zwangsadoptionen? Es berührte die Funktionäre, wenn verantwortungslose Eltern ihre Kinder ideologisch vernachlässigten. Die musste man dann in ein Heim geben, dort ging es ihnen gut. Nein, es gab keinen Schießbefehl am antikapitalistischen Schutzwall. Das war eine Waffengebrauchsbestimmung, wie in anderen Ländern auch. Die Toten? Die jungen Leute brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern. Es ging ja allen gut, damals in der DDR.

Das ist die Welt, die noch heute durch den Kopf von Margot Honecker spukt. Die Witwe des letzten ostdeutschen Diktators lebt im Exil, in Santiago de Chile, im Kapitalismus, „und das ist kein Urlaub“. Nach zwanzig Jahren hat die starke Frau der SED-Diktatur ihr Schweigen gebrochen und dem Westfernsehen ein Interview gegeben. Als Teil einer Dokumentation, die das Ende des Regimes nachzeichnet und die hohlen Worte mit den bösen Taten kontrastiert.

 

Unverschämt wenig Pension

Am Montagabend wurde „Der Sturz“ von der ARD ausgestrahlt. 4,2 Millionen Fernsehzuschauer gruselte es bei einer politischen Geisterstunde. Die 84-Jährige ist erstaunlich rüstig, gut gebräunt und hellwach. Sie trinkt jetzt Coca Cola, dieses kapitalistische Gesöff, ganz konsequent kann niemand sein. Von nur 1500 Euro Pension muss sie leben, die ihr der deutsche Staat überweist, „unverschämt wenig“. Im Jahr 1994 starb hier ihr Mann Erich an Krebs. Freilich ist sie ein wenig verbittert: „In 20 Jahren hätten wir noch viele Veränderungen vorgenommen. Es ist eine Tragik, dass es die DDR nicht mehr gibt.“ Die Konterrevolution von 1989 war ein „schwerer Irrtum“, wie auch die Wiedervereinigung. Die Menschen wurden manipuliert, vom Westen aufgehetzt. Aber das Blitzen in Honeckers Augen verrät: Sie glaubt weiter an den Sozialismus.

„Wir haben ein Korn in die Erde gelegt, der Samen wird noch aufgehen.“ Vielleicht gibt ihr der Zuspruch zur Occupy-Bewegung und zu Attac das Gefühl, dass es an der Zeit ist zu reden. Deutschland, analysiert sie, wird von der Deutschen Bank regiert, Kanzlerin Merkel ist nur eine Marionette.

Dazwischen kommen die Opfer zu Wort – auch die recht konkreten der Margot Honecker. Als Ministerin für Volksbildung zwang die gelernte Telefonistin ein Vierteljahrhundert lang den DDR-Bürgern das „einheitliche sozialistische Bildungssystem“ auf. Ihre Beamten schalteten Schulen gleich, nahmen siebentausend Kinder ihren Eltern weg und steckten verhaltensauffällige Halbwüchsige in „Jugendwerkhöfe“. Dort erwarteten sie Schläge, Psychoterror und Isolationshaft. „Wir wurden vollkommen gedemütigt“, erinnert sich ein Inhaftierter mit Tränen in den Augen. Die Verantwortung dafür will die „blaue Hexe“, wie sie wegen des Blaustichs ihrer Haare genannt wurde, bis heute nicht übernehmen: „Wir müssen uns nicht entschuldigen.“

 

Schäuble zieht es die Schuhe aus

Schuld hat aber auch die DDR der Wendezeit auf sich geladen: Einen Tag lang waren die Honeckers nach ihrem Sturz obdachlos, ohne Schutz vor Lynchjustiz. Erbarmt hat sich ihrer – welch Ironie der Geschichte – ein evangelischer Pfarrer. Uwe Holmer holte sich den Feind in seine Dachkammer.

Das Regime hatte seinen zehn Kindern die Matura verwehrt. Nun schützte der Held das Diktatorenpaar vor den aufgebrachten Dorfbewohnern von Lobetal. Frau Honecker ist das bis heute nur peinlich. Ein Dank kommt ihr nicht über die Lippen. Ihr Retter gehörte ja zum Reich des Bösen. Ein eingestreutes Statement von Wolfgang Schäuble errettet den Zuschauer aus dem geballten ideologischen Starrsinn. Der deutsche Finanzminister kommentiert den lächelnden Zynismus der Ewiggestrigen volkstümlich: „Da zieht es einem doch die Schuhe aus.“

Zur Person

Margot Honecker (84) ist die Witwe des letzten Diktators der DDR. Erich Honecker starb 1992 im Exil in Chile, wo seine Frau bis heute lebt. Die gelernte Telefonistin leitete von 1963 bis zur Wende 1989 das Ministerium für Volksbildung und war für die ideologische Gleichschaltung der Jugend verantwortlich. Obwohl sie zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hatte, blieb ihr nach dem Sturz des SED-Regimes ein Prozess erspart.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2012)

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