Digitalisierung: Erst denken, dann spezialisieren

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Technik sollte man studieren. Oder Informatik. Oder Mathematik. Oder etwas Naturwissenschaftliches. Wer sich für ein klassisches MINT-Fach entschieden hat, muss sich keine Sorgen machen. Ganz automatisch hält ihn jeder Arbeitgeber für digital fit. Selbst wenn seine Spezialisierung nicht gerade die heißeste ist.

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Bei anderen Ausbildungen sieht das anders aus. Auch bei solchen, die über jede Gefährdung erhaben schienen, gibt es Wackelkandidaten. Sogar bei Juristen, konkret jenen, die auf M&A spezialisiert sind. Jahrzehntelang war es Tradition, sich die ersten Sporen mit Due Diligence zu verdienen, sich durch Berge von Dokumenten zu wühlen auf der Suche nach Kartellrechtsverletzungen, Absprachen und bösen Change-of-Control-Klauseln. Wer hier genug Akribie und Geduld bewies, war für die Anwaltskarriere bestens gerüstet.

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Doch die wirklich großen Kanzleien (nur die machen M&A) haben längst LegalTech-Software oder denken zumindest darüber nach. Die ist schneller, besser und akribischer als jeder Mensch. Was machen dann die Konzipienten? Deshalb: Lieber gleich auf Neuland wagen und sich als einer der Ersten noch ungeklärten Rechtsfragen widmen. 2018 war das die DSGVO, 2019 sind es vielleicht Haftungsfragen bei selbstfahrenden Fahrzeugen. Dauerbrenner bleiben Kapitalmarktrecht, Bankmarktfinanzierung und Regulatorisches Bankenrecht.

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In die Unternehmensberatung zu gehen war für Einsteiger einmal sehr sexy. Heute nicht mehr ganz so, vielleicht, weil es nicht mehr genügt, sich coole Strategien auszudenken. Man trägt auch die Verantwortung, dass sie funktionieren. Wunderbare Kaderschmieden sind Unternehmensberatungen allemal. Derzeit braucht man (neben Fachwissen) vor allem Fantasie, sich nie dagewesene Geschäftsmodelle auszudenken. Heißer Tipp: Derzeit funktioniert „… as a service“ sehr gut.

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Ähnlich wie bei Juristen geht es bei den Wirtschaftsprüfern zu. Ungereimtheiten in G+V und Bilanz finden Algorithmen schneller als der beste WU-Absolvent. Hier besteht die Zukunftssicherung aus einer Kombi aus fachlichem Können (eh klar), Big Data Analytics und zwischenmenschlichen Skills wie Empathie und Problemlösung. Auch Erfahrung hat hier großen Wert. Dranbleiben!

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Bei den Brüdern und Schwestern der Wirtschaftsberater, den Steuerberatern, geht eine Vision des Finanzamtes in Richtung digitaler Steuerberater. Der meldet berufsbezogene Einnahmen und Ausgaben der Klienten dem Finanzamt direkt vom Firmenkonto weg und legt vollautomatisch die Steuererklärung (die Parallele dazu in der Gastronomie heißt Registrierkasse.) Die digitalen Systeme gefährden den Beruf des Steuerberaters also massiv. Wer sich davon nicht ersetzen lassen will, kann zweierlei tun: Erstens, sich zum betriebswirtschaftlichen Berater für KMU entwickeln. Zweitens, sich auf das Vertreten der Rechte des Steuerzahlers gegenüber dem Staat zu konzentrieren. Das wird in Zukunft wichtiger.

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An den Kragen wird es auch vielen Financepositionen in Unternehmen gehen. Buchhaltung, Kostenrechnung, Lohnverrechnung und sogar Controlling werden rasant automatisiert. Panik ist nicht angesagt, aber schleunigst die Grundbegriffe von Business Analytics und Big Data zu verinnerlichen. Wer überleben will, braucht auch Grundkenntnisse im Programmieren. Nicht, um es selbst zu tun (keine Angst), sondern um die Gedanken der Software-Entwickler zu verstehen.

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Wenn wir schon in der Administration sind: Der beliebte Einsteigerjob im Kunden- und Service Center wird von Grund auf umgekrempelt. EU-weit arbeiten knapp vier Millionen Menschen in der Branche. Die versichert eifrig, keinesfalls Mitarbeiter einsparen zu wollen – und investiert doch emsig in die Automatisierung. Noch werden Chatbots und IVR-(Interactive Voice Response)-Systeme nur zur Unterstützung menschlicher Mitarbeiter eingesetzt. Noch ist die AI auch nicht so weit, alle Facetten der menschlichen Sprache zu verstehen (man denke nur an die herrlichen österreichischen Dialekte). Aber es ist nur eine Frage der Zeit.

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Auch in der Staatsverwaltung darf man keine ruhige Kugel mehr erwarten. Wer jetzt an verschnarchte Ämter, Behörden und die MA 2412 denkt, der irrt: Österreich liegt in der EU in puncto Digitalisierung exzellent im Rennen. Visionäres Ziel der Regierung ist eine einzige Site, auf der die Bürger alle (!) Anträge von der Geburtsanzeige bis zum Todesfall elektronisch abwickeln. Klingt utopisch, aber die Basis steht bereits und wächst zügig.

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Paradoxerweise hilft Österreich gerade seine K&K-Tradition als Registerland dabei. Waren all die penibel geführten Personen-, Melde- und sonstige Register erst einmal zusammengeführt, ergab sich vieles von selbst. Die in den nächsten zehn Jahren scharenweise in Pension gehenden Babyboomer-Beamte werden natürlich nicht nachbesetzt. Rekrutiert wird trotzdem: IT-affine, Zeitgeist-fitte Kreativköpfe, die den Staat modernisieren wollen. Auch externe Dienstleister sind willkommen, die als Intermediäre die Prozesse zwischen Staat und Bürgern entwickeln, durchführen und überwachen.

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Kommen wir zu zwei typisch weiblichen Traumberufen: Marketing und HR. Ersteres verlagert sich immer mehr ins Netz. Ohne Suchmaschinen- und Social Media Marketing geht gar nichts mehr. Zunehmend bestimmen Algorithmen auch Produkt-, Preis- und Distributionsstrategie. Auch hier gilt: Möglichst früh verstehen, wie die Systeme ticken, und sie anwenden lernen!

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Der virtuose Umgang mit Digitaltools ist auch ein Überlebenskriterium für Personalisten. Es ist nicht das einzige. Wer hier gut sein will, muss eine alte Vorstellung aus seinem Kopf löschen: dass Personalarbeit aus Rekrutieren (Leute aufnehmen) und Personalentwicklung (Kurse aussuchen) besteht. Tatsächlich ist entscheidend, wie nahe ein Personalist am Business dran ist, sprich: welchen Mehrwert er den einzelnen Unternehmensbereichen bietet, den diese nicht selbst schaffen können. Worin genau dieser Nutzen besteht, variiert von Firma zu Firma.

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Bleibt noch der Verkauf: Mit handgeschnitzten Excel-Kundenlisten sollte man hier nicht mehr herumwedeln. Es gibt bessere (Analytic-)Tools. Im Mensch-zu-Mensch-Verkauf werden BWL- und Zahlenverständnis, Social Skills und ein starker Zug zum Tor immer gefragt sein. Diese Jobs sind (relativ) sicher.

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Ein Spezialfall ist der Handel. Aufmerksamen „Presse“-Lesern entgeht nicht, dass nur mehr eCommerce- und Online-Vertriebsmitarbeiter gesucht werden. Tipp daher: Schleunigst mit Multi- und Omni-Channel-Verkauf vertraut machen.

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Zum Schluss kommen die großen Verlierer und Gewinner der digitalen Revolution. Die Verlierer sind – leider – Disponenten, Dispatcher und alle, die Menschen oder Waren einteilen. Sorry to say, das können Algorithmen sehr viel schneller und besser. Diese Jobs werden nicht mehr lange existieren.

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Die großen Gewinner sind – Trommelwirbel – Mitarbeiter in Hotellerie und Gastronomie, alle, die direkt mit dem Gast zu tun haben. Dabei tut sich auch hier viel. In der Hotellerie geht der Trend weg vom Universalangebot hin zur Kernkompetenz. Beispiel: Statt von allem etwas bieten zu wollen, fokussieren sich die Hotels auf eine Kernkompetenz, etwa geruhsamen Schlaf. Alles andere, von Abendrestaurant bis Minibar, wird weggelassen. Damit spart man Mitarbeiter im Hintergrund, nicht aber jene, die dem Gast den Aufenthalt angenehm machen. Sie dürfen vielseitiger als bisher arbeiten, kümmern sich etwa erst um das Frühstück und dann um den Check-out.

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Die Gastronomie leidet seit Jahren an einem wirklich schmerzhaften Mangel an Köchen, besonders in Westösterreich. Gleichzeitig kommen aus Asien Kochroboter, denen man nur ein Rezept einspeist, die Zutaten vor die Nase stellt und schon kochen sie los (das Ergebnis soll sogar schmecken). Allerdings: Bis sich im traditionsbewussten Österreich das Roboterschnitzel durchsetzt, werden Jahrzehnte vergehen. Koch, Kellner, Gastro- und Hotelmanager sind also sichere Jobs – solange sie flexibel genug sind, sich auf Neues einzulassen. Und das gilt für jeden Beruf.

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