Die Saubermacher in unserem Kopf

Beruf. Sie verlassen den Elfenbeinturm und mischen sich ins Geschehen: Philosophen erstellen neuerdings Businesspläne und vermarkten sich via YouTube. Ein Rundgang durch das Panoptikum der modernen philosophischen Praxis.

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Superman in Miniaturform, ein Raumschiff mit Anleitung, Harry Potters Zauberschule zum Nachbauen – und jetzt auch: Lego-Philosophie. Statt Burgbausteinen oder Raumschiffteilen purzelt ein kleines, bärtiges Männchen aus der Packung. Sonst nichts. Der Sokrates-Verschnitt scheffelt kein Geld, er bedient keine Maschinen – er sitzt bloß in der Ecke und denkt. Sein einziges Verdienst: Er ist Saubermacher und Ordnungshüter in unserem Kopf. Dieses Bild zeichnet Alain de Botton – ein Philosoph und Autor, der weiß, wie Marketing funktioniert. Der britisch-schweizerische Denker gründete 2008 eine „Schule des Lebens“, eine internationale Bildungseinrichtung mit Sitz in London, auf deren YouTube-Kanal zweiminütige Videos den Sinn des Lebens erklären – und Sokrates in Bauklötzchen nachempfinden.

Zurück zum Marktplatz

Wie de Botton kehren zahlreiche Philosophen akademischen Institutionen den Rücken. Sie beraten Unternehmen und Einzelpersonen, philosophieren mit Kindern oder in Cafés und organisieren philosophische Reisen. Das Konzept der philosophischen Lebensberatung stammt vom Deutschen Gerd Achenbach, der in den 1980er-Jahren die erste philosophische Praxis gründete. Seine Gäste suchten Antworten auf die großen Fragen des Lebens: Was bedeutet Freundschaft? Was ist Liebe? Wie begegnen wir dem Tod? Heute ist die philosophische Praxis ein Potpourri verschiedener Formen öffentlichen Philosophierens.

Neu ist die Idee nicht. „Von Anfang an gab es diese zwei Orte der Philosophie“, sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann im Gespräch mit der „Presse“. „Die Universität – denken wir an Platons Akademie – und den Marktplatz, wo sich Sokrates herumgetrieben hat.“ Für Liessmann, der auch den Lehrgang „Philosophische Praxis“ an der Universität Wien leitet, ist die Philosophiegeschichte ein ständiges Wechselspiel zwischen theoretischem Konzept und praktisch orientierter Form der Lebensgestaltung.

Bares oder Wahres?

Verträumt und schrullig – der Vorwurf der Realitätsferne begleitet die Philosophie seit jeher. Um seinen Ruf als Taugenichts zu widerlegen, investierte der griechische Denker Thales von Milet in Olivenpressen, nachdem er dank astronomischer Kenntnisse eine reiche Ernte prognostiziert hatte. Prompt brachte er es zu großem Reichtum. Doch: „Philosophen geht es aber nicht um Geld, es geht ihnen um die Wahrheit“, betont Liessmann.

Was passiert nun, wenn ein Philosoph den Marktplatz aufsucht und sich selbst zum Wirtschaftsberater erklärt? Business as usual? Mitnichten. Wer einen Philosophen engagiert, müsse damit rechnen, zu Erkenntnissen zu kommen, die auch unangenehm sein können, meint Liessmann.

Gerade zwischen Managementtheorie und stoischer Philosophie gebe es viele Parallelen, sagt Donata Romizi, wissenschaftliche Koordinatorin des Universitätslehrgangs „Philosophische Praxis“. Ein Ausgangspunkt sei das neosokratische Gespräch, eine ergebnisorientierte Methode, die in Gruppengesprächen einen Konsens ansteuert. Potenzielle Kunden seien etwa Firmen, die ihre eigenen ethischen Grundsätze klären möchten.

Kein Rettungsanker

Wer wendet sich privat an die philosophischen Praktiker? Vorwiegend Akademiker, Gutverdiener und Menschen mit diffusem Unbehagen, erklärt Alfred Pfabigan. Der Sozialphilosoph betreibt neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität Wien die Philosophische Praxis Märzstraße in Wien. Die Synthese zwischen seinem Interesse an Büchern und der Faszination für das Menschliche sei der Grundstein für den Weg in die Praxis gewesen. Angezogen von den „realen Widersprüchen des Lebens“ sei er immer gern dort, „wo sich's abspielt“.

Für Einsteiger ins Berufsleben eignet sich die philosophische Praxis kaum. „Das ist eine Illusion“, meint Romizi. Ein Großteil der Bewerber für den Universitätslehrgang arbeite bereits in der Beratung. Als Rettungsanker für gestrandete Philosophiestudenten ist die philosophische Beratung also ungeeignet. „Kaufmännisch ist die philosophische Praxis ein Zuschussgeschäft“, macht auch Pfabigan deutlich. Immerhin: In New York leisteten sich praktizierenden Philosophen bereits Werbeschilder in der Metro. Grund genug, vorsichtig optimistisch zu sein.

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