Porträt

„Vegan im Namen – eine Katastrophe“

Die Veganista-Gründerinnen Cecilia Havmöller und Susanna Paller nehmen Abstand vom Zeigefingerveganismus. Ihr tierfreies Eis kommt auch bei Fleischtigern gut an.

(c) Julia Pabst

Zitronensorbet – eine erfrischende Alternative zu Milcheis, möchte man meinen. Cecilia Havmöller und Susanna Paller sehen das anders. Seit ihrer Jugend leben die beiden Schwestern vegan. Irgendwann hatten sie genug vom gefrorenen Zitronensaft. 2013 gründeten sie Veganista in der Wiener Neustiftgasse – den ersten veganen Eissalon Europas.

„Jeder hat uns abgeraten. Hat gesagt, wir seien wahnsinnig. Vegan im Namen – eine Katastrophe“, sagt Havmöller schmunzelnd. Die Vermieterin des ersten Geschäftslokals gab den beiden drei Monate. Heute, sechs Jahre später, beschäftigen die Schwestern 120 Mitarbeiter in neun Eissalons und einem Restaurant.

Alkohol, Drogen und Veganismus

Im Burgenland der 1980er-Jahre stieß Havmöller mit ihrer alternativen Diät auf Stirnrunzeln. „Unsere Großeltern haben gedacht, wir wären krank“, erinnert sich die 45-Jährige. „Veganismus war damals gleichzusetzen mit Alkohol und Drogen.“

Davon ließ sich Havmöller nicht entmutigen. Nach dem Publizistikstudium und einem Zwischenstopp in der PR-Abteilung von Frank Stronachs Magna in Toronto holte sie die vegane Kosmetikmarke Lush nach Österreich. Monatelang versuchte sie, die britische Geschäftsführung davon zu überzeugen, nach Wien zu expandieren. Das Durchhaltevermögen machte sich bezahlt: Sie wurde Partnerin und baute gemeinsam mit Paller sieben Shops auf.

Das Geschäft florierte, aber die Schwestern hatten noch nicht genug. Sie verkauften Lush Österreich und nutzen das Geld als Startkapital für ihr neues Projekt. „Wir wussten, irgendwann machen wir etwas Eigenes. Etwas Veganes. Etwas zum Essen. Aus rein egoistischen Motiven haben wir dann Veganista gegründet“, sagt die 33-Jährige.

„Immer weiter expandieren.“

Paller besuchte 2011 den weltweit ersten veganen Eisproduktionskurs in New York. Mit den dort angepriesenen Aromen und Konzentraten konnte sie wenig anfangen. Ein Jahr lang tüftelte sie an Rezepten für Eis ohne tierische Produkte und künstliche Zusatzstoffe.

Mittlerweile hat Paller mehr als 350 Sorten kreiert. Während sie als jüngere Schwester in der Produktion und in den Geschäften mitanpackt, kümmert sich Havmöller um die Finanzen. Ihr Motto: „Immer weiter expandieren.“

Gerade am Anfang war es unmöglich, Investoren zu finden. Je größer das Unternehmen wurde, desto einfacher sei ein Kredit zu haben gewesen, erklärt Havmöller. Dennoch haben die Schwestern jeden Standort aus dem Cashflow heraus finanziert. Sobald das Geld reicht, poppt ein neuer Eisladen auf. Waren die Filialen vorerst eher in den inneren Bezirken angesiedelt, schwärmen Havmöller und Paller mittlerweile auch in Randbezirke aus.

Das helle, pastellfarbene Design mit den orientalisch gemusterten Fußbodenfliesen hebt Veganista vom Mitbewerb ab. Das Grundkonzept hat sich Havmöller gemeinsam mit einer auf Buchcover spezialisierten Designerin überlegt. Umgesetzt und weiterentwickelt hat es der Bruder der beiden, der Architekt ist.

Frauenhass und Antisemitismus

Erfolg und Neid gehen Hand in Hand: Havmöller und Paller erhalten regelmäßig Drohbriefe. Extrem konservative Männer sähen es nur ungern, wenn sich Frauen in der Wirtschaft etablieren, sagt Havmöller. Aber davon nicht genug: Als erster koscherer Eishersteller Österreichs stehen die Schwestern auch auf der schwarzen Liste von Antisemiten. Dennoch lassen sich Paller und Havmöller nicht unterkriegen: „Man darf die Angst nicht siegen lassen. Sie steht den meisten im Weg. Wenn wir uns nicht getraut hätten, hätten wir das alles nicht erlebt.“

Von wegen Gemüsefetischismus

Der vegane Hype der vergangenen Jahre spielt den Gründerinnen in die Hände. Dank „Fridays for Future“ und Co. hinterfragen Konsumenten zunehmend ihre Ernährungsgewohnheiten. Ein Trend, der mit radikalem Gemüsefetischismus nichts zu tun hat. „Wir werden niemals mit dem Finger auf jemanden zeigen, weil er Fleisch oder Milchprodukte isst. Wir wollen den Leuten schlicht eine Alternative bieten.“ Das Credo wirkt: Gerade einmal 20 Prozent der Kunden sind vegan.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2019)

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