Management: Outen oder nicht?

Auf dem Life Ball kommenden Samstag sind alle eine fröhlich-bunte Familie. Am Arbeitsplatz nicht. Ganz oben stoßen Schwule und Lesben an eine eiserne Decke.

Management Outen oder nicht
Management Outen oder nicht
(c) Teresa ZöTL

Klaus Wowereit hat es gut gemacht. Der Berliner Bürgermeisterkandidat outete sich im Wahlkampf 2001 vor zehntausenden Zuhörern mit dem legendären Satz: „Ich bin schwul . . . und das ist auch gut so!“ Dem Publikum gefiel die Offenheit, Wowereit gewann die Wahl. 
„So öffentlich wie möglich“ ist auch das Credo von Christian Högl. Einfach und selbstverständlich mit dem Thema umzugehen ist für den Obmann der Homosexuellen Initiative Wien (HOSI) die beste Waffe. „Erpressung und Diskriminierung sind damit vom Tisch.“ Ob im gehobenen Management dieselbe Offenheit angebracht ist? „Ein Outing erfordert charakterliche Festigkeit. Die wird man doch dort oben haben.“

Auf bis zu zehn Prozent wird der Anteil von Schwulen und Lesben in der Gesamtbevölkerung geschätzt. Dort, wo die Luft dünn ist, bekennen sich nur mehr wenige dazu. Sie würden in der Öffentlichkeit herumgereicht werden wie ein Gery Keszler oder ein Alfons Haider, gibt Högl zu bedenken: „Da gibt es wenige Rollenvorbilder. Ein geouteter Topmanager wird sofort vor den Karren gespannt.“ Nicht nur in der Öffentlichkeit, auch in den Augen von Kollegen, Mitarbeitern und internen Konkurrenten droht die Gefahr, auf das Sexuelle reduziert zu werden. Weshalb die Community auch den Begriff „homosexuell“ vermeidet und sich lieber als schwul, gay oder lesbisch bezeichnet. Diese Begriffe bezeichnen die gesamte Lebenswelt.

Repräsentationsnöte

„Je höher man klettert, desto zwingender muss das gesellschaftliche Statusbild erfüllt werden“, schildert Christian Zitzmann, Vorstandsmitglied der Austrian Gay Professionals (AGPRO). Bei Repräsentationspflichten muss zwingend eine Ehefrau vorgeführt werden. „Sogar mit wechselnden Freundinnen ist man höher angesehen als mit einem männlichen Partner.“ Weshalb Topmanager in eine Parallelwelt mit Alibiehe und Kindern flüchten: „Eine Coverbeziehung führen und daneben Männer treffen passt besser ins konservative Umfeld.“ Unliebsamen Fragen wird auch mit der Statusbezeichnung „Single“ ausgewichen: „In den Köpfen der Leute sitzt noch das alte ,Don't ask, don't tell‘-Prinzip der US-Army.“ Weil dort entlassen werden muss, wer sich outet, wird einfach nicht darüber geredet. 

Die gute Nachricht: Von unten nach oben wird es zunehmend leichter. Bis zu den mittleren Ebenen sprechen viele Beteiligte von Offenheit und Toleranz. Auch das Alter spielt eine Rolle: je jünger, desto selbstverständlicher. Zitzmann, gebürtiger Bayer, stellt heimischen Unternehmen ein gutes Zeugnis aus: „In Österreich sind die Antidiskriminierungsgesetze so scharf, dass die Firmen gut aufpassen.“ Deshalb würden sich vorurteilsbehaftete Arbeitgeber allerdings andere Trennungsgründe suchen. 


Regionale Gefälle

In den Bundesländern haben es Schwule und Lesben nicht unbedingt leichter. Je weiter westlich und je ländlicher, desto verständnisloser reagiert das Umfeld. „Outen wäre ja fein. Aber so leicht ist das nicht im konservativen Vorarlberg“, seufzt Andreas Vogel, der in Bregenz den Verein „Go West“ leitet. Studenten und gut Ausgebildete wandern nach Wien ab, wo sie offener leben können: „Sie kommen auch nicht wieder.“ In seinem Netzwerk herrscht daher strikte Schweigepflicht nach außen. Der gesellschaftliche Druck ist so groß, dass sich exponierte Personen nicht einmal zu Community-Veranstaltungen wagen. „Es geht ihnen nicht gut dabei.“
Immer noch besser als östlich von Wien. Bei unseren Nachbarn ist die Stimmung um einige Grade rigider. AGPRO-Vorstand Christian Zitzmann: „In Ungarn und in der Slowakei werden sogar Christopher-Street-Day-Paraden verhindert. Dort würde ich mich nicht trauen, mich  zu outen.“ 


Frauennetze

Als Konsequenz wählen viele den Weg in die Selbstständigkeit und betreiben ihr Business innerhalb der Community, erzählt Michaela Tulipan, Anwältin und Sprecherin der „Queer Business Women“. Bis zum Eigentümerwechsel vertrat sie eine große Bank: „Der neue Eigentümer hatte Diversity nur auf dem Papier stehen.“ Sie verlor ihr Mandat und machte sich mit ihrer Kanzlei selbstständig. Heute erlebt sie die Businesswelt als „ziemlich offen. Meine Partnerin ist Immobilienmaklerin, wir sind im Büro wie auch bei unseren Kunden geoutet.“ Offenheit zieht Gleichgesinnte an. 70 Prozent ihrer Klienten stammen aus der Community, die über starke Netzwerke verfügt. Wer einen Auftrag hat, vergibt ihn bei gleicher Qualifikation bevorzugt im vertrauten Kreis. 
Natürlich macht auch die Branche einen Unterschied. Im Kreativbereich lebt es sich offener als im konservativen juristischen. Trotz relativer Akzeptanz hat auch Michaela Tulipan Bekanntschaft mit der „eisernen Decke“ gemacht: „Den Mut, mit meiner Partnerin auf den Juristenball zu gehen, hatte ich bisher noch nicht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2011)

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