Interview

„Digitalisierung kostet keine Jobs“

Der Industrie mangle es an Digitalisierungsexperten, jungen Arbeitskräften an Mobilität und Fachhochschulen an Budgetsicherheit, sagt Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

„Die Presse“: Wer mit Unternehmensvertretern aus der Industrie spricht, hört immer wieder den gleichen Befund: Die Fachkräften fehlen. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Wolfgang Hesoun: Die Industrie beschäftigt heute mehr qualifizierte Mitarbeiter, stößt aber in Österreich an Grenzen der Lieferfähigkeit, weil im IT-Bereich Mitarbeiter fehlen. Es mangelt nicht nur an Programmierern, sondern auch an Datenanalysten. Sie sind in der Digitalisierung die Schnittstelle für das Wissen über die Produktion, das Produkt und die Kundenansprüche. Diese Kompetenzen stehen auf dem Markt derzeit in viel zu geringem Ausmaß zur Verfügung. Allerdings gibt es regionale Unterschiede: In Wien können wir unseren Personalbedarf mit Uni- und FH-Absolventen decken. In Linz, wo wir ein Software-Kompetenzzentrum betreiben, ist es schwieriger, der Wettbewerb um Mitarbeiter ist dort noch größer: Seit einem Dreivierteljahr suchen wir mehr als 100 Mitarbeiter als Digitalisierungsexperten. Trotz lukrativer Jobangebote mangelt es zusätzlich an Mobilität, viele möchten lieber an ihrem Wohnort bleiben.

Kommen aus Unis, FH und HTL momentan grundsätzlich genügend geeignete Absolventen?

Man sollte sich stärker am Bedarf orientieren, was die Studienplätze angeht. Ich bin für den freien Universitätszugang, aber nicht für den unkontrollierten. Und was die Fachhochschulen betrifft, eine kleine Kritik an der aktuellen Budgetpolitik: Bis zum Jahr 2019 sind die Budgets bedeckt, aber darüber hinaus nicht, was für jeden seriösen FH-Betreiber ein Probleme birgt: Man kann keinen neuen Lehrgang starten, wenn die Folgejahre nicht gesichert sind.

Sie haben Berufsgruppen angesprochen, in denen es an Bewerbern mangelt. Wen suchen Sie?

Im Prinzip geht es um die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik; Anm.), egal, auf Uni-, FH- oder HTL-Niveau. Konkret suchen wir Software-Entwickler, Automatisierungstechniker, Engineering-Projektleiter, IT-Spezialisten und Datenanalytiker. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich zu wenig Interessierte dorthin bewegt. Vor allem zu wenige Frauen.

Der Blick über die östliche Grenze zeigt: Dort ist es anders.

Dort war es Tradition, dass Frauen arbeiten – auch in technischen Berufen. Dieser Unterschied hat sich konserviert. Aber mittlerweile stößt man auch dort an Grenzen.

Wie sehen Sie die Chancen, dass die Mint-Fächer attraktiver werden – vor allem für Frauen?

Es wird viel getan, auch wenn es als zu wenig wahrgenommen wird. In Wien etwa versuchen Industriellenvereinigung und Stadtschulrat, Schüler und Lehrer zu erreichen und zu informieren. Und die Lehrer nehmen das sehr gern an – auch in ihrer Freizeit. Wir müssen weitertrommeln, denn der Bedarf an Mitarbeitern ist weiterhin hoch, auch wenn manche schon die nächste Rezession herbeireden. Ich sehe das anders, denn der Aufrüstungsbedarf, um die Produktion zu digitalisieren, ist ungebrochen. Es wird noch dauern, bis die Digitalisierung umgesetzt ist.

Und damit abgeschlossen? Woran wird man erkennen, dass die Digitalisierung umgesetzt ist?

Vereinfacht ist das so: Die Automatisierung der Industrie vor 20, 25 Jahren veränderte den Arbeitsmarkt. Maschinen übernahmen viele ausführende Tätigkeiten, die Menschen die überwachenden. Die Zahl der benötigten Mitarbeiter ging zurück. Im Unterschied dazu geht es bei der Digitalisierung darum, Daten, die seit der Automatisierung als „Abfallprodukte“ entstehen, zu verwenden. Nicht nur Informationen über Produktionsabläufe, sondern auch über den Zustand von Maschinen und Produkten. Schlau kombiniert eröffnet das neue Möglichkeiten. Jetzt muss ich als Unternehmen nur noch verstehen, was der Kunde tut, um die Daten auch sinnvoll einzusetzen.

Das heißt, die Digitalisierung wird, anders als von vielen prognostiziert, keine Jobs kosten?

Nicht in der Industrieproduktion, das ist sicher. Im Gegenteil. Siemens investiert 100 Millionen Euro in Umschulung, um den Bedarf zu decken, weil wir auch Bereiche haben, die von der Digitalisierung kaum oder wenig profitieren. Aus meiner Sicht soll ein gut qualifizierter Ingenieur nach einer Umschulung sein Know-how gern in einem anderen wachsenden Bereich einbringen. Wir haben großes Interesse, nachhaltig den Bedarf aus eigenen Reihen zu decken.

ZUR PERSON

Wolfgang Hesoun (58) ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender von Siemens Österreich. Zuvor war der HTL-Absolvent Generaldirektor des Baukonzerns Porr. Seit September 2012 ist Hesoun auch Präsident der Wiener Landesgruppe der Industriellenvereinigung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2018)

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