Rotarier: "Wir verstecken uns nicht"

Ebenso wie die zahlenmäßig knapp stärkeren Lions betonen Rotarier ihr karitatives Element. Dezent im Hintergrund stehen kraftvolle Seilschaften.

Rotarier
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Michaela Bruckberger

Eine Frau als Rotarier Governor, das ist schon etwas Besonderes. Barbara Kamler-Wild hat den „District 1910“ unter sich, mit 180 Clubs fast dreimal so groß wie üblich. Neben Ostösterreich gehören Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegovina dazu: „Wir fühlen uns für unsere Nachbarn verantwortlich. Deshalb begleiten wir sie.“

Ihr Ziel ist, alle Clubs mindestens einmal zu besuchen: „Ich war die letzten fünf Wochen unterwegs. Es war irre anstrengend.“ Aber auch wunderbar lohnend: Ihr Aufwand wird mit Freundschaft, Gemeinschaftsgefühl und Solidarität honoriert: „Das Internationale ist schnell gewachsen.“

Anwesenheitspflicht

Die „Liturgie“ solcher Besuche läuft weltweit genormt ab. Jeder Club trifft sich immer zur gleichen Zeit, am immer selben Ort, was auch im Verzeichnis nachzulesen ist. Präsenz ist Pflicht, ein ordentliches Mitglied muss an zumindest der Hälfte der Treffen teilnehmen. „Man isst zuerst, dann wird über Veranstaltungen, Projekte und Auslandspräsenzen geredet. Den Abschluss bildet der Vortrag eines Mitglieds oder eines interessanten Gastes, der aus seiner Arbeitswelt berichtet: „Ich würde als Kunstsachverständige sonst nie mit Bankern in Kontakt kommen.“

Entstehen so Seilschaften? „Das steht nicht im Vordergrund. Das bringt jeder Golfclub zusammen.“ Allerdings: Wenn ein Rotarier ein Kunstwerk zu begutachten hat, wird er über Mitgliederverzeichnis, Internet oder interne Nachfrage auf sie stoßen und ihr den Rotarier-Vertrauensvorschuss entgegenbringen. Denn aufgenommen (und behalten) wird nur, wer in seinem - bewusst weit gestreuten - Berufsfeld einen ausgezeichneten Job macht, hohe Leistungen vorweist und ein ehrenwerter Teil der Gesellschaft ist. Interessenten müssen aktive Mitarbeit und Commitment beweisen: „Karteileichen brauchen wir keine. Wir nehmen das sehr ernst.“

Tue Gutes und rede darüber

Das Engagement wird in karitative Projekte umgesetzt. Vier bis fünf Millionen Euro sammelt der District 1910 jedes Jahr. Meist über Spendenaktionen, wie beim geplanten Fundraising Dinner Mitte Juni: „Wir holen japanische Jugendliche für einen Kultururlaub nach Österreich. Über die Musik wollen wir ihnen Trost spenden.“ Ein Konzept, das extra viel Fingerspitzengefühl erfordert: Würde Rotary einfach gesammeltes Geld in die Erdbebenregionen überweisen, müssten die stolzen Japaner mit gleichwerten Gegengeschenken antworten.

Weltweit heften sich alle Rotarier ein gemeinsames Ziel auf die Fahnen: die Ausrottung der Kinderlähmung. „Wir wollen ein Stück Menschheitsgeschichte schreiben.“ Bill Gates hat versprochen, 355 Millionen Dollar zuzuschießen, wenn es ihnen gelingt, 200 Millionen zu sammeln: „175 Millionen haben wir schon!“

Gattinnen im Doppelpack

Welche Stellung haben Frauen? Weibliche Mitglieder sind seit den 1980er Jahren gleichrangig zu männlichen, sagt Kamler-Wild. Doch von den 23 Wiener Clubs sind nur neun gemischt: „Bei den alten Clubs müssen wir abwarten, bis die Entscheidung aus ihnen selbst heraus fällt.“
Das verunsichert die Ehefrauen der „Old Boys“. Sie hatten bisher keine Rechte, dafür jede Menge Pflichten - freiwillige, versteht sich: Charity, Basare, Punschstandbetreuung, Keksbacken. Auch auf Visitenkarten von Mitgliedern wurden Gattinnen automatisch im Doppelpack mitgeführt: „Kein Ehemann würde das  mit sich machen lassen“, stellt die Govenorin fest, „Rotary ist im 21. Jahrhundert angekommen!“

Was sie bis zum Ende ihrer Amtszeit im Juni noch schaffen will? „Ich hatte zu wenig Zeit für die jungen Leute.“ Der Nachwuchs aus den Jugendorganisationen Rotaract und Interact soll den eingesessenen Mitgliedern die Schwellenangst vor Facebook, Twitter & YouTube nehmen: „Wir sind stolz, eine NGO zu sein. Wir verstecken uns nicht. Daher müssen wir auch die Medien der Zeit benutzen.“ Das Projekt will sie noch angehen. Durchführen wird es dann ihr Nachfolger.

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