„Ich Jane, du Tarzan“: Die Hormone sind schuld

Weibliche Karrieren: Frauen planen, entscheiden und handeln anders. Beruflicher Erfolg schlägt sich auch im Hormonhaushalt nieder. Der deutsche Unternehmensberater Hans-Georg Häusel übersetzt Erkenntnisse der Hirnforschung für die Wirtschaft.

100.000 Menschen können nicht irren. So viele haben ihre Gehirnaktivität von der Münchner Beratergruppe Nymphenburg messen lassen. Ergebnis: Es existieren mehr als 200 Unterschiede zwischen dem weiblichen und dem männlichen Gehirn. Ein paar wirken sich gravierend aus, viele sind vernachlässigbar. „Aber bitte“, betont Nymphenburg-Vorstand Hans-Georg Häusel, „wir reden hier immer von Durchschnittswerten. Tappen Sie nicht in die Stereotypenfalle.“ Ausreißer in jede Richtung sind selbstverständlich: „Unsere Kanzlerin Angela Merkel ist sicher keine Normfrau,“ lacht der Genderexperte.

Auf die Karriere bezogen – was unterscheidet Frauen von Männern? „Ganz klar auch hier: die Geschlechtshormone.“ Drei Grundsäulen seien es, die eine Persönlichkeit ausmachten: das Streben nach Dominanz, nach Stimulanz und nach Balance. Jedes dieser Emotionssysteme ist unterteilt in weitere Submodule. Vorhanden sind alle drei bei jedem Menschen, jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt. Ihre Steuerung übernehmen – erraten – die Geschlechtshormone. Ehrgeizige Menschen (starkes Dominanzsystem) und neugierige Menschen (starkes Stimulanzsystem) streben nun einmal stärker nach Karriere als Harmoniesüchtige (starkes Balancesystem).

Das „Porsche-Hormon“ Testosteron und das ebenfalls bei Männern vermehrt vorhandene „Glückshormon“ Dopamin lassen zudem das männliche Dominanz- und Aggressionszentrum auf doppelte Größe zum weiblichen anschwellen. Dafür besitzen Frauen wiederum dank der „Kuschelhormone“ Östrogen, Prolaktin und Oxytocin ein doppelt so großes Empathiezentrum – Grund für den „einfühlsamen“ weiblichen Führungsstil, gleichzeitig auch Erklärung dafür, warum es so wenige Ingenieurinnen gibt: „Frauen genügt ,Mein Computer und ich‘ nicht als soziale Interaktion.“ Männern genügt es: Erwiesenermaßen sind 85 Prozent aller Autisten männlich.

Erfolg verändert jedenfalls auch das hormonelle Gleichgewicht. Wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen, dass mit zunehmendem beruflichen und sozialem Erfolg auch die Dopamin- (Stimulanz)- und die Testosteron- (Dominanz)-Konzentration im Gehirn ansteigen.

Step-Thinker versus Web-Thinker

Frauen sind in fast allen Wahrnehmungskanälen um bis zu 20 Prozent aktiver und schneller als Männer – mit Ausnahme des visuellen Kanals. Weil Männer ganzheitlicher erfassen, sind sie hier im Vorteil. „Das Testosteron bewirkt, dass sie die Welt augenblicklich vereinfachen, nach ihrer Logik ordnen und beherrschen wollen. Ohne ein Vielleicht und Entweder-oder.“

 Einfache Blickverlaufstest aus der Verkaufspsychologie beweisen das: Männliche Probanden „scannen“ ein Regal mit nur wenigen Blickpunkten und fällen dann ihre Entscheidung. Der Blick weiblicher Probanden hingegen springt umher und bleibt an zahlreichen Punkten hängen, bevor die Entscheidung fällt. Praktisch: Weil Testosteron obendrein euphorisch und selbstbewusst macht, kommen bei Fehlentscheidungen auch keine Schuldgefühle auf.
Ebenso arbeitet die weibliche Logik vernetzt, bezieht Details ein und beachtet mehrere Dinge gleichzeitig (Multitasking). Entscheidungen dauern länger, weil sie erst gefällt werden, wenn alle Puzzlesteine vorliegen. Dafür sind sie dann umfassend.

Aus Sicht der Hirnforschung sollten 33 Prozent der Frauen Top-Positionen erreichen, meint Häusel. De facto sind es um die zehn Prozent. Sollen Frauen der Karriere willen also „vermännlichen“? Keinesfalls, meint der Experte: „Nicht nachahmen, sondern auf die ureigenen Stärken stützen.“ Wozu auch ausgewogene Lebensbalance zählt: „Frauen erkennen, dass die Wahrheit in der Mitte liegt. Sie lassen allen Lebensbereichen Raum. Männer blenden das aus.“ Extremkarrieristen wie Steve Jobs und Jack Welch bezeichnet er als das beste Beispiel dafür: „Sie bewegen sich am Rande der Psychopathie.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

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