Selbstständigkeit: Flucht vor Arbeitslosigkeit oder Erfolgsgeschichte

Migrantische Unternehmen leisten einen wichtigen Beitrag für die Wiener Wirtschaft. Doch drei Viertel von ihnen verdienen gerade einmal 10.000 Euro im Jahr. Der Designer Valentin Vodev ist einer der wenigen, für den sich der Schritt in die Selbstständigkeit gelohnt hat.

Selbstständigkeit: Flucht vor Arbeitslosigkeit oder Erfolgsgeschichte
Selbstständigkeit: Flucht vor Arbeitslosigkeit oder Erfolgsgeschichte
Selbstständigkeit: Flucht vor Arbeitslosigkeit oder Erfolgsgeschichte – Dimitar Zahariev

37 Prozent der selbstständig Tätigen in Wien haben Migrationsbezug. Das ist das Ergebnis der Studie „Ethnische Ökonomien in Wien“ der Wirtschaftsagentur Wien. Die Erhebung sollte die Bedeutung migrantischer Unternehmen für die Wiener Wirtschaft darstellen und ergab: 20.000 Arbeitsplätze und 640 Millionen Euro Wertschöpfung brachten diese der Stadt im Jahr 2011.

Doch die Situation vieler Selbstständiger mit Migrationsbezug – Menschen, die in Österreich leben, aber keinen österreichischen Pass besitzen – ist kritisch. Obwohl knapp die Hälfte einen Maturaabschluss hat, verdienen etwa drei Viertel nicht mehr als 10.000 Euro im Jahr.

Sprache und andere Stolpersteine


Ein großes Problem ist hier die Dequalifikation: Viele Migranten sind unter ihrer Qualifikation beschäftigt. Als klassischen Fall nennt Wiens Vizebürgermeisterin Renate Brauner bei der Präsentation der Studie den Akademiker als Taxifahrer. Die Gründe: Sprachprobleme und die mühsame Anerkennung ausländischer Abschlüsse.

Oft ist die Selbstständigkeit nur eine Flucht vor drohender Arbeitslosigkeit. Das erklärt das geringe Einkommen vieler Unternehmer und die hohe Aussteigerquote.

Natürlich wurden auch positive Beispiele vorgestellt. Nicht zufällig wurde als Präsentationsort das Büro von Watchado gewählt. Die Onlineplattform, auf der sich Berufstätige verschiedener Branchen in kurzen Videos vorstellen, wurde 2011 von dem gebürtigen Iraner Ali Mahlodji gegründet.

Auch in der Künstlerbranche etablieren sich aufstrebende migrantische Talente. Eines davon ist Valentin Vodev. Geboren in Sofia, kam er 1998 nach Wien, um an der Universität für Angewandte Kunst zu studieren. Nach dem Magisterstudium in London machte er sich 2007 selbstständig. Sein Studio für Produktdesign eröffnete er in Wien. Warum? „Austausch und Netzwerke zwischen Firmen sind hier besonders ausgeprägt“, sagt Vodev. Das mache die Stadt im Vergleich zu London für Kleinunternehmen attraktiver.

Internationale Ambitionen

Trotzdem hat er internationale Ziele. Dieses Jahr gründete er mit einer Partnerin eine zweite Firma für innovative Transportmittel. Sie wollen nächstes Jahr ein Faltrad auf den Markt bringen, welches international präsentiert und in Serie produziert werden soll.

Vodev ist weder von Dequalifikation betroffen, noch machte er sich selbstständig, um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Er gewann bereits einige Auszeichnungen und ist international vernetzt – ein Best-Practice-Beispiel also.

Doch auch er weiß, wie schwierig es ist, selbstständig zu sein. „Meine Eltern sind beide Künstler und auch selbstständig. Es ist also fast eine Familientradition, ein Unternehmen zu gründen“, sagt der gebürtige Bulgare. Er kannte das Risiko, wusste, dass er nicht immer mit regelmäßigem Einkommen rechnen durfte, und handelte vorsichtig.

Außerdem habe er wichtige Starthilfe in Form einer Förderung der Austria Wirtschaftsservice erhalten. Auch die Stadt Wien bietet mit dem Programm Mingo Migrant Enterprise Hilfe für Jungunternehmer an. Die Gründungsberatung sei für Vodev wichtig gewesen. „Auch wenn ich zwei Studien abgeschlossen habe, heißt das nicht, dass ich unternehmerisch vorbereitet war“, sagt er. Schließlich brauche man fachliches Können und Verkaufstalent, um als Selbstständiger zu bestehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2013)

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