Kleine Kanzlei, große Perspektive

„Kanzlei & Karriere“ für Wirtschaftstreuhänder. Muss man wirklich bei einer Großkanzlei anheuern, wenn man mittendrin statt nur dabei sein will? Auch kleine Kanzleien haben ihre Reize und bieten langfristig herausfordernde Aufgaben.

Kleine Kanzlei grosse Perspektive
Kleine Kanzlei grosse Perspektive
Kleine Kanzlei grosse Perspektive – (c) Roland Rudolph

Wo ist es verlockender, Karriere zu machen – im globalen Netzwerk oder beim familiären KMU? Die Antwort lautet: Je nachdem, mit welchen Klienten man arbeiten will. Wer den weltweiten Lebensmittel-Konzern oder den Technologie-Multi bevorzugt, gehört zu den Großen; wer hingegen lieber für den Tante-Emma-Laden ums Eck, den Facharzt oder das Café nebenan arbeiten will, fühlt sich bei einem Kleinen wohler.

Bei der Wahl des künftigen Arbeitsplatzes geht es nicht nur um die Karriere im engeren Sinn. Wenn zwischen kleinen und großen Kanzleien abgewogen werden soll, fallen auch Zufriedenheit mit dem Beruf, der persönliche Entwicklungsraum und Ansprüche an den Job ins Gewicht.

Wie schwer diese Kriterien in der Branche der Wirtschaftstreuhänder wiegen, erläuterten drei Experten im Wiener Justizcafé im Rahmen von „Kanzlei & Karriere“ unter der Leitung von Michael Köttritsch, „Die Presse“-Ressortleiter Management & Karriere.

„Naturgemäß haben Großkanzleien mehr Bedarf an Absolventen, mehr Ressourcen und eine stärkere Verschränkung mit Wissenschaft und Wirtschaft. Zudem investieren sie kräftig in ihre Unternehmensmarke, was positiv auf jeden einzelnen Mitarbeiter abfärbt“, betont Matthias Schulmeister, Geschäftsführer von Schulmeister Management Consulting, die offenkundigen Marktvorteile der großen Einheiten.

Kundennähe als Vorteil

Größe sei auch mit internationaler Auftreten und einem Mehr an Aufträgen gleichzusetzen. „Natürlich fühlt sich ein Klient besser aufgehoben, wenn er weiß, dass er von Experten betreut wird, die das Thema schon x-fach und in jeder Spielvariante durchgegangen sind – was in der Regel in großen Kanzleien eher der Fall sein wird.

„Andererseits können kleine Kanzleien mit ihrer besonderen Nähe zum Kunden punkten – insbesondere zu solchen aus kleinen und mittleren Betrieben“, sagt Klaus Hübner, Kammerpräsident der Wirtschaftstreuhänder.

Ein Fall für Paragrafenfüchse

Von welcher Größenordnung man sich als Berufseinsteiger angezogen fühle, sagt Steuerberater Paul Heissenberger, sei eine Frage der persönlichen Qualitäten und Präferenzen: „Paragrafenfüchse mit Vorliebe für das Erstellen rechtlicher Stellungnahmen oder Personen mit besonderem Interesse an internationalen Umgründungen werden sich in Großkanzleien besser aufgehoben fühlen. Netzwerker und redefreudige Kommunikatoren sind hingegen tendenziell von Kleinkanzleien angezogen.“

In jedem Fall, sind sich die Experten einig, brauche der Markt alle Größenformate. Und er bietet sie auch: mit rund neunzig Prozent Kleinkanzleien (bis 20 Mitarbeiter, Umsatz bis eine Million Euro), etwa neun Prozent mittlerer Unternehmen (bis 50 Mitarbeiter, Umsatz bis fünf Millionen Euro) und einem Prozent Großkanzleien. 

„Großkanzleien haben mehr Möglichkeiten bei Aus- und Weiterbildung“, sagt Schulmeister: „Flexible Arbeitsmodelle erlauben, als Bachelor einzusteigen und dann den Master im Teilzeitmodus nachzuholen. Das fördert auch fachliche Spezialisierungen.“ Spezialisierungen werden in einer komplexen Welt, in der nicht jeder alles wissen könne, auch in kleineren Kanzleien immer wichtiger.

„In Kleinkanzleien gestaltet sich wiederum der Kontakt zwischen Angestellten und Vorgesetzten leichter. Zudem kommt man in der Regel schneller mit Kunden in Kontakt“, hält dem Heissenberger entgegen. Womit ein kommunikatives Verhalten und ein unternehmerisches Denken eingeübt werden, die einen späteren Weg in die Selbstständigkeit erleichtern.

„Fachidiot schlägt Kunden tot“

„Es stimmt, dass die Kleinen einen Wettbewerbsnachteil bei der fachlichen Lerninszenierung haben. Aber es ist vermutlich auch richtig, dass Kommunikations- und Führungsthemen in kleineren Kanzleien schneller vermittelbar sind“, sagt Hübner und betont zugleich, wie essenziell letztgenannte Kompetenzen in der Branche sind: „Natürlich braucht es im Job ein überragendes Fachwissen, das auf einer exzellenten Ausbildung beruht. Und dennoch stehen für mich vor allem das totale Kundenservice und die größtmögliche kommunikative Nähe zum Klienten im Vordergrund.“

Es gehe nicht zuletzt um die Dolmetscher-Funktion, die von Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern einzufordern ist. Wer nicht verständlich artikulieren könne, laufe Gefahr, mitsamt allem Fachwissen erfolg- und wirkungslos zu bleiben. Hübner spitzt das provokant zu und formuliert: „Fachidiot schlägt Kunden tot.“

Auf Herz und Nieren prüfen

Wie aber können junge Berufseinsteiger feststellen, wo sie am besten hineinpassen. „Ob Groß- oder Kleinkanzlei, ich kann nur empfehlen, bereits bei den Bewerbungsgesprächen, die wechselseitigen Erwartungshaltungen so gut wie möglich abzuklären“, sagt Hübner.

Genauso wie sich das Unternehmen für Stärken, Schwächen, persönliche Interessen und Lebensgeschichte der Einsteiger zu interessieren haben, so sehr sollten auch die angehenden Mitarbeiter die Kanzlei auf Herz und Nieren überprüfen. „Ich erwarte mir dabei eine große Offenheit vom Bewerber, der klar machen muss, was er will und wohin ihn der Weg in den kommenden Jahren idealerweise führen soll“, sagt Heissenberger. Umso genauer hinterfragt wird, umso leichter lassen sich unangenehme Folgen vermeiden.

Das gelte für beide Seiten. „Es ist ja weder dem Einsteiger gedient, wenn er nach ein paar Monaten unglücklich ist, noch der Kanzlei, der jeder Abgang samt Neuakquisition teuer zu stehen kommt“, sagt Schulmeister.

Die Entscheidung zwischen Klein- und Großkanzleiten einstimmig, sei letztlich eine individuelle. Wie auch immer sie ausfällt: Neueinsteiger dürfen sich auf eine florierende und krisenresistente Branche freuen, die rund 50 Prozent mehr Berufsträger vorweisen kann als noch vor zehn Jahren. Eine Branche, die punkto Entlohnung keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern macht, und die – mit aktuell 60 Prozent an weiblichen Berufsanwärten – zusehends von Frauen erobert wird.

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